Was gut wirkt in der ADHS-Therapie (Teil 4)

In der Behandlung von Kindern mit einer ADHS erwies es sich sowohl bezüglich des Wohlbefindens des betroffenen Kindes, als auch in prognostischer Hinsicht als sehr, sehr günstig, wenn möglichst von Beginn an auf wirksame ADHS-Therapien gesetzt wird. Dem Kind (und seinen Eltern) kann damit eine frustrierende und nicht selten chronifizierend wirkende Odyssee verschiedener und halt meist nutzloser „Therapien“ erspart bleiben. Das zeigt die jahrelange Erfahrung vieler betroffener Familien und vieler Fachkollegen.

Das alles ist allerdings einfacher gesagt (bzw. geschrieben) als getan. Warum?

  • Zahlreiche im Internet verfügbare Informationen über die Bedeutung und die Wirksamkeit von sogenannt alternativen Therapieformen zur Behandlung der ADHS sind falsch. Beispiel: Die ELPOS, die schweizerische ADHS-Elternvereinigung, schreibt auf ihrer Website unter der Rubrik „Was hilft“ unter anderem: „Die Homöopathie ist eine wissenschaftlich belegte Alternative zu Medikamenten …“ Das ist irreführend (und möglicherweise sogar falsch). Es existieren nämlich nur sehr, sehr wenige Studien, welche der Homöopathie bei der Behandlung der ADHS eine Wirksamkeit bestätigen (genau genommen kenne ich nur eine einzige Studie). Diese Forschungsresultate rechtfertigen es nicht, die verallgemeinernde Schlussfolgerung zu ziehen, dass es sich bei der homöopathischen Behandlung der ADHS um eine wissenschaftlich belegte Alternative handelt. Ähnliches gilt für die Behandlung der ADHS mit Neurofeedback: Die Wirksamkeit dieser Behandlungsform bei ADHS vom unaufmerksamen Typus gilt auf Grundlage von zahlreichen empirischen Studien als nachgewiesen (übrigens mit sehr viel höherer Evidenz als die Homöopathie). Trotzdem ist es irreführend, wenn alleine aufgrund von empirischen Untersuchungen allgemein verbindliche Behandlungsempfehlungen abgeben werden. Therapien müssen sich in allererster Linie im klinischen Alltag bewähren (und nicht nur in Studien). Das gilt auch für sogenannte Alternativ-Therapien. Erst wenn sie sich praktisch bewährt haben, sollten sie empfohlen werden. Das gilt vor allem für Patientenorganisationen.
  • Eine gesunde, kritische Haltung vor allem gegenüber der medikamentösen Behandlung von Kindern mit einer ADHS führt verständlicherweise zu einer abwartenden Haltung. Dass Eltern andere Wege zur Behandlung einer ADHS vorziehen, kann ich bestens verstehen. Wäre ich Vater eines Kindes mit einer ADHS, würde es mir trotz meines Wissens um die guten Chancen und die relativ geringen Risiken, die mit einer medikamentösen Behandlung der ADHS einhergehen können, schwer fallen, mich auf diese Therapie einzulassen. Ich denke, es gibt da so etwas wie einen natürlichen Abwehr- oder Schutzreflex. Wahrscheinlich würde ich zuerst konsequent die therapeutischen Möglichkeiten der Verhaltenstherapie ausschöpfen.
  • Kinder mit einer ADHS verfügen ja über viele Ressourcen, welche zwar vorhanden sind, vom Kind aber syndrombedingt nicht abgerufen und umgesetzt werden können. Eltern und Lehrpersonen spüren oftmals sehr klar, dass es eigentlich verflixt wenig brauchen würde, damit „es läuft“ und bis das Kind den „Knopf aufmacht“. Noch etwas zuwarten in der Hoffnung, dass es ja bald klappen könnte, ist angesichts der ja oftmals tatsächlich vorhandenen Ressourcen sehr gut nachvollziehbar (nur bei Vorliegen einer ADHS oftmals kontraproduktiv).
  • Mangels geeigneter Abklärungs- und Therapieplätze sind Eltern immer noch oft gezwungen, anderweitig nach Hilfe Ausschau zu halten.
  • Aus Versorgungsgründen kommen heute nur die wenigsten Kinder mit einer ADHS in den Genuss einer multimodalen Therapie. Meistens beschränkt sich die Behandlung auf die Pharmakotherapie. Die Verhaltenstherapie bleibt aussen vor. Folge ist, dass Behandlungserfolge auf sich warten lassen und die Eltern sich dann nach anderen Möglichkeiten umsehen, ihrem Kind wirksam helfen zu können.

Diese und viele weitere Punkte machen es verständlich, warum i.S. bewährter Therapie der ADHS oft Umwege gemacht werden.

Um nicht missverstanden zu werden: Ich stehe alternativen Behandlungsformen der ADHS nicht grundsätzlich ablehnend gegenüber. Mir geht es um die Frage, welche Behandlung zu welchem Zeitpunkt erfolgt.

Alternative Behandlungsformen können bzw. sollten dann in Betracht gezogen werden, wenn sich die bewährten Therapieansätze im Rahmen einer multimodalen Therapie nicht bewähren (also nicht nur Pharmakotherapie, sondern auch Verhaltenstherapie, Elternberatung usw.), wenn die Patienten auf diese Therapien also nicht oder nur unbefriedigend ansprechen.

Leider wird oft der umgekehrte Weg beschritten: Zuerst werden alle alternativen Ansätze durchprobiert, um dann nach ein, zwei Jahren  doch bei der traditionellen (multimodalen) ADHS-Behandlung zu ‚landen‘.

Für das Kind ist das oftmals verlorene Zeit. Oder noch schlimmer: Ich sah wiederholt, dass das betroffene Kind und seine Eltern nach einer Odyssee verschiedenster Alternativbehandlungen demoralisiert und frustriert waren und i.S. Therapie der ADHS resigniert haben.

Die Eltern können dies verkraften, beim Kind aber kann dieses Scheitern an all den „Therapien“ zahlreiche Verletzungen hinterlassen.

Ein Gedanke zu „Was gut wirkt in der ADHS-Therapie (Teil 4)

  • 03.04.2012 um 16:33
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    So pragmatisch ich den Ansatz finde, bewährte Therapieformen zeitlich den eher „experimentellen“ Ansätzen vorzuziehen – oft ist das den betroffenen Familien so gar nicht möglich! Die Eltern werden von den behandelnden KiJu-Psychiatern oft nur unzureichend über die Natur von AD(H)S aufgeklärt oder gar nur mit Printmaterial von Pharmafirmen abgespeist.
    Elterntraining wird bekanntlich nicht von den Kassen bezahlt und deshalb mangels Kunden vielerorts schon gar nicht mehr angeboten. Ich erlebe oft, dass die Eltern auch nicht den Mut oder die Kraft haben „etwas für sich zu tun“ und glauben, ihre Energie sei in der Suche nach einer Lösung für ihr Kind besser angelegt. Die Wartezeiten für Verhaltenstherapie sind bekanntlich sehr lang – in der Zwischenzeit brennt für die betroffenen Familien in der Schule, in der Familie, im sozialen Umfeld schon der Dachstuhl. Und auch hier wird dann meistens allein das Kind behandelt. Systemische Ansätze findet man bei den niedergelassenen Verhaltenstherapeuten viel zu selten. Unser „Gesundheits“system ist krank!!

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