Essverhalten bei neurodivergenten Kindern: ARFID, Autismus und Gender-Dysphorie am Beispiel von Chris (12 Jahre)
Erfahren Sie, warum herkömmliche Wiederernährungstherapien bei neurodivergenten Kindern mit ARFID und Autismus oft scheitern und wie Eltern flexible Ansätze wählen können. Speziell am Beispiel von Chris (12 Jahre) mit ARFID, Autismus und Gender-Dysphorie.

Das Essverhalten neurodivergenter Kinder kann eine immense Herausforderung darstellen. Besonders wenn mehrere Diagnosen wie ARFID (Avoidant/Restrictive Food Intake Disorder), Autismus, ADHS, und Gender-Dysphorie zusammenkommen, wird die Situation noch komplexer. Im Fall von Chris, einer 12-jährigen Person, die an diesen Störungen leidet, zeigt sich, dass typische Wiederernährungstherapien, die für Anorexie entwickelt wurden, bei ARFID nicht ausreichen. Diese Ansätze sind nicht darauf ausgelegt, die sensorischen und emotionalen Besonderheiten zu berücksichtigen, die bei neurodivergenten Kindern eine entscheidende Rolle spielen. In diesem Artikel beleuchten wir ausführlich, warum die herkömmlichen Ansätze versagen und was Eltern stattdessen tun können.
Was ist ARFID und wie unterscheidet es sich von Anorexia nervosa?
Um die Unterschiede zwischen ARFID und Anorexia nervosa (AN) zu verstehen, ist es wichtig, die grundlegenden Charakteristika dieser beiden Störungen zu betrachten. ARFID ist eine Essstörung, die durch die Vermeidung bestimmter Lebensmittel oder ganzer Nahrungsmittelgruppen gekennzeichnet ist, ohne dass dabei das Gewicht oder das Körperbild im Vordergrund steht. Sensorische Empfindlichkeiten, Angst vor bestimmten Lebensmitteltexturen oder -geschmäckern und negative körperliche Reaktionen sind häufige Auslöser. Im Gegensatz dazu ist Anorexie stark mit einem gestörten Körperbild und einem intensiven Wunsch nach Gewichtsabnahme verbunden.
Tabelle: Unterschiede zwischen ARFID und Anorexia nervosa
| Merkmal | ARFID (Avoidant/Restrictive Food Intake Disorder) | Anorexia nervosa |
| Primäre Ursache der Essensvermeidung | Sensorische Überempfindlichkeiten, Angst vor sensorischen Reizen (z.B. Texturen, Geschmäcker), Vermeidung von unangenehmen körperlichen Reaktionen. | Verzerrtes Körperbild, Angst vor Gewichtszunahme, Wunsch, Kontrolle über das eigene Gewicht und den Körper zu erlangen. |
| Motivation zur Vermeidung | Vermeidung von Unwohlsein durch sensorische, physische oder emotionale Überforderung. Keine Absicht, Gewicht zu verlieren oder das Körperbild zu ändern. | Vermeidung von Gewichtszunahme, Streben nach einem dünneren Körper, gestörte Selbstwahrnehmung. |
| Gewichtssorge | Keine primäre Sorge um das Gewicht oder die Körperform. Gewichtsverlust ist oft eine Nebenfolge der Nahrungsvermeidung. | Extreme Angst vor Gewichtszunahme, ständige Beschäftigung mit dem eigenen Gewicht und Körper. |
| Essensauswahl | Stark eingeschränkte Lebensmittelwahl, oft basierend auf sensorischen Präferenzen und Unverträglichkeiten (Textur, Farbe, Geruch). | Vermeidung bestimmter Lebensmittelgruppen oder Kalorien, um Gewicht zu kontrollieren. Oft restriktive Diäten, die auf Kalorienreduktion basieren. |
| Verhalten gegenüber Lebensmitteln | Vermeidung von neuen oder bestimmten Lebensmitteln, oft ohne Bezug zu Kaloriengehalt. | Strikte Kontrolle der Kalorienzufuhr, oft exzessives Kalorienzählen und Diäten. |
| Körperwahrnehmung | Körperbild spielt keine Rolle bei der Entscheidung, welche Lebensmittel vermieden werden. | Stark gestörtes Körperbild, verzerrte Wahrnehmung der eigenen Körpergröße oder -form. |
| Therapieansatz | Erfordert oft eine Kombination aus Ernährungstherapie, sensorischer Integrationstherapie und Unterstützung bei Angstbewältigung. | Kognitive Verhaltenstherapie (CBT) mit Fokus auf Körperwahrnehmung und Gewichtsmanagement, Wiederernährungstherapie zur Gewichtszunahme. |
| Zusätzliche neuropsychologische Merkmale | Häufig bei neurodivergenten Personen, insbesondere Autismus und ADHS, mit sensorischen Überempfindlichkeiten und Vermeidungstendenzen. | Kann bei neurotypischen und neurodivergenten Personen auftreten, oft verbunden mit zwanghaftem Verhalten und Perfektionismus. |
| Emotionaler Auslöser | Sensorische Überlastung, Angst vor unangenehmen sensorischen Erlebnissen, häufig bei neurodivergenten Kindern wie Chris. | Emotionale Kontrolle, Stressbewältigung durch Kontrolle des Essens, oft aufgrund von gesellschaftlichen Idealen und psychischem Druck. |
1. Sensorische Überempfindlichkeiten als zentrale Herausforderung bei ARFID

Chris kämpft, wie viele neurodivergente Kinder, mit sensorischen Überempfindlichkeiten. Bestimmte Lebensmittel werden aufgrund ihrer Textur, Farbe oder ihres Geschmacks als unerträglich empfunden. Das führt dazu, dass Chris nur eine sehr begrenzte Auswahl an Lebensmitteln zu sich nimmt – meist solche, die in einer einfachen Textur vorliegen, wie trockene Nudeln oder Brot. Während bei Anorexie die Nahrungsverweigerung auf einer Störung der Körperwahrnehmung basiert, steht bei ARFID die sensorische Verarbeitung im Vordergrund. Herkömmliche Wiederernährungstherapien sind darauf ausgelegt, das Gewicht wiederherzustellen, aber sie berücksichtigen nicht die Notwendigkeit, sensorisch akzeptable Lebensmittel zu finden.
Take-home-Tipp:
Akzeptieren Sie die sensorischen Herausforderungen und bieten Sie Chris schrittweise Variationen von Lebensmitteln an, die sensorisch weniger belastend sind. Es sollte kein Zwang bestehen, sondern ein langsames, kontrolliertes Herantasten erfolgen.
2. Die Rolle von Pathological Demand Avoidance (PDA) in Bezug auf Essen

PDA ist eine Form des Autismus, bei der Kinder wie Chris extreme Schwierigkeiten haben, Anforderungen zu erfüllen – selbst alltägliche oder einfache Erwartungen wie das Essen einer Mahlzeit. Bei Kindern mit PDA kann die Erwartung, zu essen, selbst zu einer überwältigenden Forderung werden, was zu intensiver Vermeidung und Stress führt. Während bei Anorexie der Wunsch, Gewicht zu verlieren, im Vordergrund steht, besteht bei Chris die Vermeidung darin, sich jeglichem Druck oder Anforderungen zu entziehen, was das Essen betrifft.
Take-home-Tipp:
Reduzieren Sie den Druck und die Erwartungen beim Essen. Erlauben Sie Chris, die Kontrolle über ihre Mahlzeiten zu behalten, indem sie selbst entscheiden kann, wann und was sie essen möchte. Flexibilität ist entscheidend.
3. Warum herkömmliche Wiederernährungstherapien bei ARFID und PDA versagen
In der Wiederernährungstherapie für Anorexie wird oft ein strenger Ernährungsplan verwendet, um den Gewichtsverlust rückgängig zu machen und das Körperbild zu korrigieren. Bei Chris, die an ARFID und PDA leidet, kann ein solcher Ansatz jedoch kontraproduktiv sein. Strikte Essenspläne und der Zwang, bestimmte Mengen an Nahrung zu konsumieren, verstärken den Druck und das Vermeidungsverhalten. Chris könnte sich zurückziehen und ihre Essensverweigerung noch verschärfen, wenn sie zu einem starren Plan gezwungen wird.
Take-home-Tipp:
Vermeiden Sie starre Ernährungspläne und setzen Sie auf flexible, kinderzentrierte Ansätze. Erlauben Sie Chris, in einem für sie angenehmen Tempo neue Lebensmittel auszuprobieren.
4. Emotionale Unterstützung und der Einfluss von Gender-Dysphorie auf das Essverhalten
Gender-Dysphorie beschreibt das Unbehagen, das Menschen wie Chris empfinden, wenn ihr wahrgenommenes Geschlecht nicht mit ihrem biologischen Geschlecht übereinstimmt. Dies führt oft zu zusätzlichem emotionalen Stress, der das Essverhalten negativ beeinflusst. Besonders in Phasen intensiver Dysphorie vermeidet Chris das Essen, da es eine Konfrontation mit dem eigenen Körper darstellt. Dies macht es schwierig, eine Wiederernährungstherapie zu implementieren, die auf Gewichtszunahme abzielt.

Take-home-Tipp:
Stellen Sie sicher, dass Chris eine unterstützende und affirmierende Umgebung hat, in der sie sich sicher fühlt. Vermeiden Sie es, Themen rund um das Körperbild in den Vordergrund zu rücken.
5. Flexibilität und Eigenkontrolle: Der Schlüssel bei der Unterstützung von Kindern mit PDA und ARFID
Kinder wie Chris, die an PDA und ARFID leiden, haben oft das Gefühl, die Kontrolle über ihre Umgebung zu verlieren, was zu Verweigerungsverhalten führen kann. Besonders bei Anforderungen, wie sie in der Wiederernährungstherapie gestellt werden, reagieren Kinder wie Chris mit Ablehnung. Der Schlüssel zum Erfolg liegt darin, Chris die Kontrolle über ihre Ernährung zu geben, indem sie selbst wählen kann, wann und was sie essen möchte.
Take-home-Tipp:
Erlauben Sie Chris, eigene Entscheidungen über ihre Ernährung zu treffen. Dies stärkt ihr Gefühl der Kontrolle und kann das Vermeidungsverhalten reduzieren.
6. Die Bedeutung von Routine und Struktur in einer flexiblen Umgebung
Während Chris auf Flexibilität angewiesen ist, um Anforderungen wie das Essen zu bewältigen, spielt Struktur dennoch eine wichtige Rolle. Viele Kinder mit Autismus fühlen sich sicherer, wenn sie in einem vorhersehbaren und strukturierten Umfeld agieren. Für Chris ist es hilfreich, wenn Essenszeiten zwar flexibel sind, aber dennoch in einer konstanten Routine eingebettet bleiben. So kann sie sich mental auf die Mahlzeit vorbereiten, ohne überfordert zu werden.
Take-home-Tipp:
Bieten Sie eine feste, aber flexible Routine an. Regelmäßige Essenszeiten können helfen, während Chris gleichzeitig die Kontrolle darüber behält, wie sie sich in diese Routine einfügt.
7. Professionelle Unterstützung: Der multidisziplinäre Ansatz
Um das Essverhalten von Kindern wie Chris zu verbessern, ist eine enge Zusammenarbeit mit einem multidisziplinären Team aus Ernährungsberater, Therapeut und Fachleuten für Gender-Dysphorie erforderlich. Diese Experten können maßgeschneiderte Ernährungspläne entwickeln, die sowohl die sensorischen als auch emotionalen Bedürfnisse berücksichtigen.
Take-home-Tipp:
Arbeiten Sie mit Fachleuten zusammen, um Chris’ sensorische und emotionale Bedürfnisse umfassend zu berücksichtigen und eine nachhaltige Unterstützung zu bieten.
8. Die psychologischen und sensorischen Herausforderungen von ARFID
Die psychologischen und sensorischen Herausforderungen von ARFID sind tief in der neurologischen Struktur verankert und erfordern besondere Aufmerksamkeit. Herkömmliche Ansätze, die auf das Körperbild abzielen, sind bei Chris nicht wirksam, da ihre Nahrungsvermeidung primär durch sensorische Überempfindlichkeiten ausgelöst wird.
Take-home-Tipp:
Achten Sie darauf, dass Chris sensorische Empfindlichkeiten und Ängste verstanden und berücksichtigt werden. Ein langsamer, schrittweiser Ansatz ist hier erforderlich.
9. Langfristige Strategien und Geduld: Kleine Erfolge zählen
Es ist wichtig zu erkennen, dass Fortschritte im Essverhalten bei Kindern wie Chris oft langsam und schrittweise erfolgen. Kleine Erfolge sollten gefeiert und der Prozess mit Geduld und Verständnis begleitet werden.
Take-home-Tipp:
Feiern Sie kleine Fortschritte und setzen Sie realistische Ziele. Geduld ist der Schlüssel zu langfristigen Erfolgen bei ARFID und PDA.
10. Gemeinsame Mahlzeiten: Entlastung durch Flexibilität und Einbeziehung der Familie
Gemeinsame Mahlzeiten können für Familien eine Herausforderung sein, besonders wenn Kinder mit ARFID oder PDA involviert sind. Es ist wichtig, dass die Erwartungen an gemeinsame Mahlzeiten angepasst werden und die gesamte Familie in den Prozess einbezogen wird, um den Druck zu reduzieren.
Take-home-Tipp:
Passen Sie die Erwartungen an gemeinsame Mahlzeiten an und ermutigen Sie Chris, in einer für sie angenehmen Weise teilzunehmen. Flexibilität und Verständnis sind entscheidend.
Die Ernährung von Kindern wie Chris, die an ARFID, PDA und Gender-Dysphorie leiden, erfordert spezialisierte, flexible Ansätze, die auf ihre sensorischen und emotionalen Bedürfnisse eingehen. Herkömmliche Wiederernährungstherapien, die für Anorexie entwickelt wurden, greifen hier nicht. Stattdessen ist ein individualisierter, geduldiger Ansatz notwendig, der die Kontrolle an Chris zurückgibt und gleichzeitig langfristige Unterstützung durch Fachleute bietet.
Mehr Beiträge zu Neurodivergenz (ADHS / Autismus-Spektrum/ PDA) in meinem Newsletter und der Community von ADHSSpektrum (https://steadyhq.com/de/adhsspektrum/about) zur gegenseitigen Unterstützung und Austausch über Neurodivergenz
Ich finde es wichtig, auch ExpertInnen aus dem Bereich Esspsychotherapie über diese Zusammenhänge zu informieren. Aus meiner früheren Tätigkeit im Bereich Kinder- und Jugendpsychosomatik mit Schwerpunkt Essstörungen habe ich es immer wieder erlebt, dass schlicht keine Kenntnisse über Autismus-Spektrum / PDA oder auch ADHS bestanden und dann die Behandlungen entsprechend mit Verweigerung bzw. Abbruch endeten.
Quelle dieses Artikels u.a. : Matthews, Z., Pigden-Bennett, D., Tavassoli, T., & Snuggs, S. (2024). Comparing eating and mealtime experiences in families of children with autism, attention deficit hyperactivity disorder and dual diagnosis. Autism, 0(0). https://doi.org/10.1177/13623613241277605


