Paradoxe Wirkung von Methylphenidat ?

Wie wirken Psychostimulanzien wie Methylphenidat oder Amphetamine bei „Gesunden“ Menschen ohne ADHS ? Wirkt Methylphenidat paradox ?

Frage :

Ich bin mit meinen 33 Jahren ganz frisch diagnostizierter ADHSler und kann auch seit gestern MPH ausprobieren. Ich könnte lachen und weinen was diese ADS Diagnose für mich bedeutet, zweiteres leider sehr viel mehr.

Ich danke Ihnen für Ihre Arbeit auf ADHSspektrum.de und weiß die Mühe die Sie dafür aufbringen schon jetzt zu schätzen.

Es brennt mir unter den Nägeln ob es fundierte Erkentnisse dazu gibt, dass MPH bei diagnostizierten Menschen anders wirkt als bei nicht diagnostizierten Menschen. Also ist eine paradoxe Wirkung feststellbar wenn es denn wirkt?

Ich frage das deshalb weil ich verschiedenes dazu lese und ich auch der Meinung bin dass viele einfach voneinander abschreiben was Symptome und Ausprägungen sind und was nicht. Und aus ‚akzeptanzpolitischer‘ Sicht wäre es natürlich auch auch Klasse wenn es so wäre.

Herzlichen Gruß

Antwort

Eigentlich wirken Psychostimulanzien ja nicht „paradox“. Vielmehr werden die neurobiologischen Besonderheiten im Bereich der Netzwerke und der dopaminergen Bahnen im Gehirn quasi der Funktionsfähigkeit von Menschen ohne ADHS angenähert.

Paradox erscheint die Wirkung vielleicht bei sehr motorisch unruhigen Kids, weil hier eben durch quasi die innere Bremse verbessert wird (sog. Disinhibition). Durch die „wachere“ Vorderhirnfunktion (bzw. das sog. Task positive network) werden u.a. die Motorik, aber eben auch andere Netzwerkfunktionen wie Tagträumerei (im Default-Mode) bzw. emotionale Kontrolle quasi „begrenzt“. Methylphenidate wirkt als positiv auf funktionale Netzwerke, die bei ADHS beteiligt sind

Auch in anderen Aspekten wie die innere Grundspannung (Vigilanz), aber auch speziell im Bereich der Regulation der höheren Handlungsfunktionen (Exekutivfunktionen) und eben im Bereich der Reizfilterung und der emotionalen Regulation erreichen viele ADHSler dann eine deutliche Besserung gegenüber dem unbehandelten Status.

Andererseits ist es ja so, dass die Medikation häufig erstmal wie eine „Brille“ der Selbststeuerung wirkt. Die Medikation allein ist eine gute Unterstützung, aber wirkt nur, wenn damit auch eine Verhaltensänderung bzw. Unterstützung von aussen kommt. Manchmal geht das spontan, manchmal erweisen sich die Veränderungen der Wahrnehmung, der Impulskontrolle und der Emotionsregulation aber für die Kinder oder auch uns Erwachsenen schlicht „überfordernd“. Schliesslich kennt man ja letztlich nur den Zustand „ohne“ Medikation.

Wirkt Methylphenidat oder Amphetamin nun bei „normalen“ Menschen anders ?

Ja und Nein. Oder eher Nein als Ja.

Methylphenidat bzw. Stimulanzien wirken erstmal als „Weck-amin“. Sie sorgen dafür, dass man 2-3 h später erschöpft oder müde wird.


Beispielsweise als Busfahrer oder vielleicht auch bei Studenten. ADHSler beschreiben dann manchmal sogar eher, dass sie mit „Müdigkeit“ auf die erstmalige Gabe von MPH reagieren. Hier gibt es Studien, dass Stimulanzien als sog. „Cognitive enhancer“ so ziemlich sinnfrei sind und keinesfalls die von einigen Leuten bei missbräuchlicher Anwendung „erhoffte“ Leistungsverbesserung bringt. MPH macht also nicht intelligenter oder leistungsfähiger. Vielleicht können aber die vorhandenen Fähigkeiten bzw. die eigene Intelligenz und erlerntes besser „gesteuert“ bzw. das Selbstmanagement und die Selbstorganisation effizienter genutzt werden.

Wenn nun syndromtypische Probleme von ADHS bestehen, wird einfach der Effekt der Medikation auch für Aussenstehende häufig sehr deutlich sein. Das Gehirn wird in die Lage versetzt, die eigenen Netzwerke der Aktivierung und der inneren Bremse besser zu verwalten.

Bei Nicht-ADHSlern ist dagegen diese Verbesserung nicht zu erwarten. Im Gegenteil : Die meisten „Stinos“ = Stinknormal finden den Effekt von MPH dann eher unangenehm und es kann sogar als Unruhe bzw. Anspannung empfunden werden. Trennscharf als Diagnostik-Instrument ist das aber eben nicht.

Ich persönlich glaube bzw. habe die Erfahrung gemacht, dass der Effekt der inneren Entspannung bzw. Ruhe total ungewohnt ist und das Gehirn dann häufig mit Gähnen bzw auch einem Wunsch nach Ruhe und Rückzug reagiert. Gerade Kinder mit ADHS beschreiben auch häufig, dass sie sich erstmal an die ganzen Reize und Gefühle „gewöhnen“ müssen, die sie jetzt besser differenzieren und nicht als ein Gesamtbrei oder Überreizung wahrnehmen.

Ich möchte die Euphorie keinesfalls bremsen oder gar zerstören. Sehr häufig beobachten wir aber, dass die anfänglichen Effekte der Stimulanziengabe eben im Verlauf subjektiv abnehmen. Die Selbstwahrnehmung der Veränderungen spielt uns hier aber wohl auch einen Streich. Denn die anfänglichen Verbesserungen sind eben schon im positiven Sinne häufig krass. Im Verlauf holt uns dann der Alltag bzw. eben die neuropsychologischen Problemen der höheren Handlungsfunktionen ein. Hier wäre dann eben unbedingt ein Coaching bzw. eine darauf abgestimmte Verhaltenstherapie zu empfehlen. Auch kann es sein, dass eben dann erst deutlicher wird, was an emotionalen Auswirkungen auf das Selbstwert bis hin zu Traumatisierungen noch zu verarbeiten wäre.

Kann man aus der „paradoxen“ Wirkung von Methlyphenidat oder Amphetamin auf das Vorliegen oder Nicht-Vorhandensein von ADHS schliessen ?

Nein. Oder zumindest sollte man es nicht.

Ich gebe aber gerne zu, dass ich es durchaus als sehr charakteristisch sehe, wie die Medikation wirkt, wenn sie wirkt. Dies spielt bei mir in der klinischen Klinik-Praxis dann eine Rolle, wenn für mich nicht klar ist, ob nun Begleit- und Folgestörungen wie eine Depression, Bipolare Störung, Essstörung oder Borderline-Störung, aber auch Fatigue / Schmerzzustände nicht letztlich auf neuropsychologische Entwicklungsstörungen zurückgehen. Was ja sehr häufig der Fall ist.

Viele dieser Patientinnen und Patienten werden ja häufig eher mit „sedierenden“ Medikamenten behandelt, wenn sie über innere Unruhe und Anspannung klagen. Also Antidepressiva oder aber auch Neuroleptika. Und wenn hier eben ausreichend gute bzw. lange Behandlungen nicht zur Besserung führen, dann denke ich auch an eine ADHS-Konstitution. Und wenn sich dann medikamentös eine Besserung unter der veränderten Therapie ergibt, dann spricht es (für mich) natürlich für ADHS (und ggf. Autismus). Man könnte dann pragmatisch sagen : WER HEILT HAT RECHT.

Da die Dosierung von Methylphenidat aber eben hoch individuell eingestellt werden muss, kann man eben aus der Nicht-Wirkung nicht umgekehrt ADHS ausschliessen.

3 Gedanken zu „Paradoxe Wirkung von Methylphenidat ?

  • 03.10.2020 um 19:29
    Permalink

    Okay, das meinte ich eigentlich gar nicht.
    Mit MPH kommt ja auch eine Art von Selbstwahrnehmung, die vorher nicht da war. Und für mich ist sehr plausibel, warum viele Betroffene während der Einstellung „müde“ werden. So ging es mir auch, ich -war- damals in der Klinik nach dem Frühstück, dem Frühsport und der Morgengruppe müde und erschöpft, weil ich diese Erschöpfung ohne MPH gar nicht wahrgenommen hätte.

    Antwort
  • 01.10.2020 um 23:13
    Permalink

    Bei mir spielt da die Dosierung eine große Rolle.

    Stark unterdosiert: Alles fühlt sich schlimmer an.
    Etwas unterdosiert: Immer noch, aber ich schaffe es, die schlimmsten Situationen zu vermeiden.
    Optimal: Kein Stress, die vorher schlimmen Situationen sind kein Problem, MPH hilft wie ein paar Krücken.
    Leicht überdosiert: Leichte Euphorie, nach Ende der Wirkung plötzlich starke Erschöpfung.
    Stark überdosiert: Tunnelblick, Fokussierung auf ein Thema, sehr produktiv, ähnlich Hyperfokus, abends aber totaler Zusammenbruch

    Antwort
  • 07.09.2020 um 16:16
    Permalink

    Winkler://Ich persönlich glaube bzw. habe die Erfahrung gemacht, dass der Effekt der inneren Entspannung bzw. Ruhe total ungewohnt ist und das Gehirn dann häufig mit Gähnen bzw. auch einem Wunsch nach Ruhe und Rückzug reagiert. Gerade Kinder mit ADHS beschreiben auch häufig, dass sie sich erstmal an die ganzen Reize und Gefühle „gewöhnen“ müssen, die sie jetzt besser differenzieren und nicht als ein Gesamtbrei oder Überreizung wahrnehmen.//

    Ich habe mit ungefähr 15, 16 Jahren angefangen Kaffee zu trinken. Ich kann mich in diesem Zusammenhang sehr deutlich daran erinnern dass mich Kaffee auch zum Gähnen brachte. Heute, doppelt so alt, habe ich noch immer ein sehr – nennen wir es intimes – Verhältnis zu Kaffee. Ich trinke nicht Unmengen, aber er gibt mir viel. Es war für mich ein Paradox wie andere Menschen von Koffein auf eine Art aufgeputscht werden. Und jetzt steht das in Büchern über ADHS.

    Ich war im letzten Jahr auf einem Wochenendseminar über Hochsensibilität. Wir haben dort viel meditiert und ich bin sehr großer Anspannung dorthin, die sich über Monate in meinem Leben aufgebaut hat. Und mit den ersten Mediationen und dem Wiederbeginn des Fühlens bin ich in einen Zustand gekommen, der sich jetzt auch in der Wirkung von MPH zeigt. Ich habe an diesem Wochenende bestimmt 100 oder auch 150 Mal gegähnt, ich kam mir schon komisch vor.

    Winkler://Ich möchte die Euphorie keinesfalls bremsen oder gar zerstören.//
    Ich habe einmal den Besitzer eines Audi Quattro S1 gefragt wie es ist wenn er sein 530 PS Auto fährt.
    Er sagte: „Man gewöhnt sich an alles.“ 🙂

    Antwort

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