ADHS und Asthma

Merkwürdig. Das war mein erster Gedanke zu einer schwedischen Untersuchung zum Zusammenhang von Asthma und ADHS. Dabei kam raus, dass es ein statistisch signifikantes genetisch erhöhtes Risiko (Konkordanz) hinsichtlich des Auftretens von ADHS bei Kindern mit Asthma gibt.

Der genetische Anteil betrage 68 Prozent, was man besonders gut deshalb ermitteln konnte, da man Zwillinge untersucht hatte. Und zwar durchaus nicht wenige: 1480 Zwillingspaare!

Dabei wurden Kinder mit Asthma bronchiale im Alter von 8-9 Jahren untersucht und dann hinsichtlich des Auftretens von ADHS im Jugendlichenalter (13-14) untersucht. Nun ist ja ADHS keine ansteckende oder im Jugendlichenalter erworbene Störung. Dachte ich jedenfalls. Es wäre doch eher logisch, das man dann auch die Kids im Alter von 8-9 Jahren untersucht, oder? Hat man auch. Wurde nur in der Studie nicht so herausgestellt. Was bei mir zur Verwirrung führte. Letztlich war das Risiko ADHS „zu entwickeln“ (= die neurobiologische Veranlagung zu haben) doppelt so hoch.

Es wird ja häufiger der Zusammenhang von Allergien bzw. Asthma und ADHS diskutiert. Nicht selten auch in der Annahme, dass dann vielleicht Asthmamedikamente unruhig machen und Hyperaktivitätssymptome „vortäuschen“. Umgekehrt habe ich es aber mehrfach erlebt, dass Asthmatiker ihre Sprays mit sympathomimetisch = antriebssteigernd wirkenden Inhalte quasi „missbrauchen“, d.h. zu viel und zu häufig einnehmen. Mit der Begründung, es helfe. Aber wogegen? Ich meinte damals schon, eher gehen Unruhe bei ADHS.
Natürlich sind Asthma-Sprays keine ADHS-Medikamente. Aber der Zusammenhang wäre wichtig zu kennen.

Einmal für ADHS-Eltern bzw. Betroffene und ihre Therapeuten: Bei ADHS besteht ein erhöhtes Risiko für eine allergische Diathese (Neurodermitis, Astma etc). Aber eben auch für Lungenfachärzte: Kinder mit Asthma bronchiale sollte dann eigentlich auch neuropsychiatrisch auf ADHS hin untersucht werden.

N. Morgensen et al. Association between childhood asthma and ADHD symptoms in adolescence — a prospective populations-based twin study. Allergy 2011: 66: 1224–30

Ein Gedanke zu „ADHS und Asthma

  • 20.01.2012 um 10:42
    Permalink

    Danke für diese Erklärung! Ich bin ebenfalls über die verkürzte Darstellung der Studienergebnisse gestolpert und hatte mich geärgert. Geärgert weil in der letzten Zeit so viele irreführende Artikel zur Kausalität von ADHS durch den Blätterwald geisterten. („Armut plus Schwangerschaftsgestose führt zu ADHS“ – nirgends wurde jedoch erwähnt, dass evtl. das unbehandelte ADHS in der Elterngeneration dazu geführt hat, dass kein hoher Bildungsabschluss und kein kohärenter beruflicher Lebenslauf möglich waren. Die Risiken, durch Nebeneffekte von unbehandeltem ADHS vermehrt zu Schwangerschaftsgestose zu kommen, müsste man mal untersuchen. „Schlafstörungen rufen ADHS hervor“ – niemand schrieb über die Schlafstörungen, die mit ADHS einhergehen.)
    Auch hier scheint es ja so zu sein, dass Asthma und ADHS gehäuft miteinander auftreten, nicht aber, dass Asthma ADHS hervorruft. Diese Verdrehung der Logik ist mir als Mathematikerin ein Graus, weil sie den Blick verstellt – auch in der Forschung.

    Antwort

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: