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Von ADHS, Autismus und PDA – das PDA-Krokodil bändigen

🐊 Wenn das PDA-Krokodil im Raum sitzt – und keiner traut sich, es zu benennen

Warum neurodivergente Perspektiven bei scheinbarer kPTBS entscheidend sein können

Ein Fall, der mich wütend gemacht hat – und traurig zugleich.

Ein Elterngespräch zur stationären Psychotherapie.
Der 18-jährige Sohn – seit drei Jahren nicht mehr in der Schule.
Begründung: „hochsensibel und hochbegabt“.

Zu viele Reize. Zu viel Lärm. Zu wenig Herausforderungen – oder zu viele?
Der Alltag ist strukturlos. Die Zukunft unklar.
Eine Coachin hilft ihm dabei, dieses fragile Gleichgewicht zu halten.
Eine Heilpraktikerin spricht von Geburtstrauma und einer „Vergiftung in der Schwangerschaft“.
Ihr Fazit: kPTBS – komplexe Traumafolgestörung. Deshalb müsse er in eine Traumatherapie.

Und ja – die Diagnose kPTBS steht nun in der Akte.


🧠 Doch was, wenn es gar kein Trauma im klassischen Sinne ist?

Was, wenn wir hier nicht primär eine Traumafolgestörung sehen –
sondern eine neurodivergente Lebensweise, die sich nie entfalten durfte?
Was, wenn es Autismus ist – mit einer PDA-Profil-Ausprägung (Pathological Demand Avoidance)?

Was, wenn das Verhalten nicht die Folge eines Traumas ist,
sondern ein Versuch, überhaupt irgendwie die Kontrolle zu behalten
in einer Welt voller Anforderungen, die sich wie Bedrohungen anfühlen?


🐊 Das PDA-Krokodil – eine wichtige Metapher

Das „PDA-Krokodil“ stammt aus der britischen Diskussion um Demand Avoidance
und beschreibt den instinktiven Abwehrmechanismus bei gefühltem Kontrollverlust.

Stell dir vor:
In deinem Inneren lebt ein Krokodil.
Es schläft – solange keine Gefahr droht.

Doch sobald jemand „Du musst…“ sagt –
öffnet es die Augen, zischt, zeigt die Zähne.
Anforderungen werden als Übergriff empfunden.

Nicht, weil man trotzig ist.
Sondern weil das Krokodil gelernt hat:
Wenn du nicht kontrollierst, wirst du kontrolliert.

Es geht also nicht um Unwillen –
sondern um Selbstschutz im Tarnmantel von Widerstand.


Dieses Krokodil bleibt – auch wenn man es ignoriert.

Es wird größer, wenn man es füttert.
Es wird gefährlich, wenn man es nicht versteht.

Therapie, die Anforderungen stellt, provoziert es.
Coaching, das motivieren will, weckt es.
Schule, die funktionieren will, verscheucht das Kind.

Und irgendwann
– sitzt es mitten im Raum –
und keiner spricht es an.

Weil niemand gelernt hat, wie man mit PDA umgeht.


🧩 PDA: Eine Diagnose ohne Raum

Ich habe versucht, es zu erklären:
PDA ist kein „Trotz“, sondern eine reaktive Kontrollstruktur.
Ein Zwang, sich jeder äußeren Steuerung zu entziehen.

Doch wo kann ich das eintragen?
In keine ICD-Diagnose.
In kein Psychosomatik-Manual.
In kaum ein Setting der Regelversorgung.

Für Diagnostik finde ich keinen Platz.
Für Therapie – noch weniger.
Nicht bei uns. Nicht bei jungen Erwachsenen.
Nicht in einer Struktur, die Verhalten nur als Symptom versteht.


📢 Was bleibt?

Ein Appell:

Hört auf, neurodivergentes Verhalten zu pathologisieren, nur weil es nicht ins Raster passt.
Hört auf, jungen Menschen ein Trauma einzureden, das nie das Zentrum ihres Problems war.

Versteht ihre Reaktionen als logisch innerhalb ihrer Welt
und nicht als Störung im Sinne einer defekten Biografie.

Wir brauchen mehr Mut, das PDA-Krokodil beim Namen zu nennen.
Wir brauchen Diagnostikangebote, die Vermeidung nicht nur als Symptom, sondern als Coping-Strategie verstehen.
Und wir brauchen Settings, in denen Autonomie keine Bedrohung darstellt, sondern Voraussetzung für Begegnung ist.


🔍 Wer kennt gute Adressen?

Ich sammle Adressen und Erfahrungsberichte zu PDA-Diagnostik & passender Begleitung im deutschsprachigen Raum.
Gerne melden – oder vernetzen:
👉 ADHSspektrum Community



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2 Gedanken zu „Von ADHS, Autismus und PDA – das PDA-Krokodil bändigen

  • Sandra Rühs

    Hallo, ich bin auf der Suche für den PLZ Bereich 42. gibt es da Ansprechpartner? Allein ADHS ist hier ein großer weißer Fleck. Für PDA wohl noch schlimmer. Ich möchte jedoch meine Hoffnung nicht aufgeben. Vielen Dank. LG Sandra

    Antwort

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