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Autismus-Spektrum und Psychotherapie

Autisten in einer Gruppentherapie: Die Herausforderung der Eingangsfrage „Wie geht es Ihnen heute?“

Einleitung:

In meiner Rolle als Chefarzt bzw. ärztlicher Psychotherapeut in einer Psychosomatik-Klinik begegne ich täglich den einzigartigen Herausforderungen, die die stationäre Psychotherapie für Menschen aus dem Neurodivergenz-Spektrum, einschließlich Autismus und ADHS, mit sich bringt. Trotz unseres Engagements erkennen wir, dass die bestehenden Strukturen oft nicht ausreichen, um diesen Patienten gerecht zu werden. Unsere Klinik hat keine speziellen Therapiekonzepte für Autismus-Spektrum oder ADHS, aber natürlich sollten wir auch darauf gut eingehen können und uns mit den Anforderungen beschäftigen.

Herausforderungen in der aktuellen Gruppentherapie:

Die Gruppentherapie, ein Kernstück der stationären Psychotherapie, stößt aufgrund ihres gruppenzentrierten Ansatzes und der dynamischen Wechsel auf Schwierigkeiten bei der Integration neurodivergenter Patienten. Dies liegt nicht nur an den räumlichen Gegebenheiten, die oft als zu beengt empfunden werden, sondern auch an einem Mangel an spezialisiertem Wissen über Autismus und ADHS. Besonders die standardisierte Eingangsfrage „Wie geht es Ihnen heute?“ offenbart die Diskrepanz zwischen den Bedürfnissen neurotypischer und neurodivergenter Menschen.

Warum die Standardfrage problematisch ist:

Für viele ist die Frage nach dem Befinden eine Routine, doch für Menschen mit Autismus stellt sie eine beträchtliche Herausforderung dar. Die Tendenz, Sprache wörtlich zu nehmen, und Schwierigkeiten bei der Selbstwahrnehmung erschweren es ihnen, eine adäquate Antwort zu geben. Dies führt nicht selten zu Missverständnissen und kann das Gefühl der Isolation innerhalb der Gruppe verstärken.

Schwierigkeiten bei der Selbstwahrnehmung
:

Viele Autisten haben Probleme damit, ihre eigenen Emotionen zu identifizieren und auszudrücken – ein Phänomen, das als Alexithymie bekannt ist. Die Frage nach ihrem aktuellen Befinden erfordert eine schnelle emotionale Selbstbewertung, die sie als überfordernd empfinden können.

Wörtliches Verständnis:
Autisten nehmen Sprache oft sehr wörtlich. Die offene Frage nach ihrem Befinden könnte sie verwirren, da sie möglicherweise überlegen, welche Aspekte ihres Befindens relevant oder erwartet sind.

Stress durch soziale Interaktion:
Die Anforderung, vor der Gruppe zu sprechen, kann an sich schon Stress verursachen. Dies kann die Fähigkeit, sich auf die eigene emotionale Verfassung zu konzentrieren und diese zu verbalisieren, weiter beeinträchtigen.

Eine Gruppentherapie sollte nicht überfüllt sein, doch auch bei uns gibt es Gruppenmeetings, in der schlicht zu viel „Mensch“ in einem Raum ist. Da fühle selbst ich mich unwohl und mir versagen die Worte. Druck, schnell zu antworten: Das Gefühl, unter Zeitdruck zu stehen, kann zusätzlichen Stress verursachen. Autisten benötigen oft mehr Zeit, um ihre Gedanken zu ordnen und zu formulieren.

Druck, schnell zu antworten:
Das Gefühl, unter Zeitdruck zu stehen, kann zusätzlichen Stress verursachen. Autisten benötigen oft mehr Zeit, um ihre Gedanken zu ordnen und zu formulieren.

Bedeutung des Abwartens und Verbesserungsvorschläge:
Ein bewusstes Abwarten auf Antworten gibt allen Teilnehmenden, insbesondere den neurodivergenten, die notwendige Zeit, ihre Gedanken zu ordnen. Dies fördert eine inklusivere Atmosphäre. Um die Kommunikation innerhalb der Gruppentherapie zu verbessern, schlage ich vor:

  • Einführung alternativer Kommunikationsformen und strukturierter Fragen.
  • Bereitstellung von Vorabinformationen zu Sitzungsformaten.
  • Zulassung individueller Anpassungen und explizite Erlaubnis, bei Bedarf passen zu dürfen.
  • Integration von Trainings für soziale Fähigkeiten und den Einsatz unterstützender Technologien.
  • Förderung von Peer-Support und flexiblen Gesprächsregeln.
  • Sensibilisierung und Fortbildung des Therapieteams.

Fazit: Indem wir die Gruppentherapie an die Bedürfnisse neurodivergenter Menschen anpassen, schaffen wir eine Umgebung, in der jeder Einzelne wertgeschätzt wird und sich ausdrücken kann. Dies trägt dazu bei, die Vielfalt menschlicher Erfahrungen als Bereicherung zu begreifen und fördert ein tieferes Verständnis innerhalb der Gruppe.

Aufruf zur Diskussion und Newsletter-Einladung: Ich lade Sie ein, Ihre Erfahrungen und Gedanken mit uns zu teilen. Gemeinsam können wir Wege finden, unsere Praxis weiterzuentwickeln. Wenn Sie Interesse an weiteren Beiträgen zum Thema ADHS, Autismus und Neurodivergenz haben, abonnieren Sie gerne meinen Newsletter.

4 Gedanken zu „Autismus-Spektrum und Psychotherapie

  • Ella House

    Das fängt bei mir schon bei der Terminsoftware an. Da hatte ich am Anfang einen Arbeitsplatz, an dem die Terminsoftware dergestalt war, dass man die Termine in einem Stundenplanformat angeordnet sah. Bestimmte Terminarten farbig markiert waren und man den Termin durch Verschieben des Balkens an eine andere freie Stelle ändern konnte, wobei natürlich schon von Vorne herein bestimmte Zeiten geblockt waren und man das schön auf dem Monitor sehen konnte. Das habe ich später an einem anderen Arbeitsplatz sehr vermisst. Sehr wichtig finde ich auch ein klare Aufgabenzuteilung, wobei so wenig Leute wie möglich an einem Vorgang beteiligt sein sollten. Denn das führt dazu, dass man immer wieder seine eigentliche Arbeit unterbrechen muss, um im Raum mit den Postfächern nachzusehen, ob xy schon seinen Arbeitsvorgang fertig hat und ihn mir ins Fach gelegt hat. Oder man muss ständig im E-Mail-Fach nachsehen, ob diesbezüglich eine Nachricht gekommen ist. Außerdem ist dann auch die Frage der Verantwortung eindeutiger zu klären. Je mehr Leute an einem Vorgang beteiligt sind, desto größer die Gefahr, dass diese zwischen mehreren Personen hin- und hergeschoben wird. Es sei denn, ein ADHSler ist beteiligt. Da weiß man doch immer sofort, wer „Schuld“ war! Das geht weiter damit, dass Termine mal per Outlook als Einladung verschickt werden, dann wieder mündlich oder sonstwie kommuniziert werden, sodass ich mit mehreren Kalendern in unterschiedlichen Formaten arbeiten muss (und noch im E-Mailfach und im Wandkalender des Teams und in der Urlaubskarteikarte etc. pp. nachsehen muss, Problematisch sind auch 2 verschiedene Teamkalender, von denen dann rückwirkend einer für gültig und einer für ungültig erklärt wird (was soll ich bitte mit einem ungültigen Kalender anfangen?). Schwierig finde ich es auch, wenn mir das Wort bereits erteilt wurde, ich schon ansetze, zu reden und dem Moderator plötzlich noch ganz schnell was einfällt, was er noch los werden will, entweder mit Bezug auf den Programm Punkt davor – oder – oh Grausen- zu einem völlig anderen Thema, das ncith nicht im Plan drinsteht und auch inhaltlich keinerlei Bezug zum aktuellen Thema hat. Kriterien müssen für mich klar und situationsspezifisch sein. Auch sollten die sich nicht permanent ändern. Formulare und Fragebogen sollten per PC bearbeitbar sein, weil es da leichter ist, Flüchtigkeitsfehler zu korrigieren, außerdem haben einige ADHSler Probleme mit der Feinmotorik. Gerade, wenn Wert auf Leserlichkeit gelegt wird, können handschriftliche Einträge zur Qual werden. Längere Sitzungen sollten alle 50 Minuten mit einer kurzen Pause unterbrochen werden. Informationsaustausch sollte so viel wie möglich schriftlich gepflegt werden. Es sollte jeder im Büro feste Telefonzeiten haben, zu denen er erreichbar ist, sodass er sich aber andererseits auch darauf verlassen kann, dass nicht zu den unmöglichsten Zeiten das Telefon bimmelt. Ein Ruheraum für Pausen hätte was. Das wär fürs Erste…

    Antwort
  • Hallo Herr Dr. Winkler, ich stimme voll und ganz zu. Ich konnte diese Frage noch nie beantworten. Diese Frage ist viel zu komplex, ich könnte hier einen ganzen Blogbeitrag darüber schreiben, warum diese Frage schwierig ist. Seit meiner eigenen Autismus-Diagnose verstehe ich jetzt, warum ich darauf keine Antwort finde. Und warum ich auch nicht einfach sagen kann – wie alle Welt es tut „Danke, mir geht es gut.“ Ich sage mittlerweile einfach ganz ehrlich: „diese Frage ist komplex, die kann ich jetzt nicht beantworten.“

    Antwort
  • Neurodivergenty

    Guter und wichtiger Beitrag! Was mir persönlich sehr weitergeholfen hat ist, dass Gefühle Clustern (wie bei einem Gefühlsstern) optisch dargestellt sind. So konnte ich mit Übung und Rückmeldung die jeweils passenden Gefühle abspeichern/merken und beim nächsten ähnlichen oder gleichen Gefühl, ist es dann schon leichter. Der Prozess ist noch nicht abgeschlossen, da es sehr viele fein differenzierte Gefühle gibt, aber die grobe Richtung gelingt mir mittlerweile gut. Was ich bei der optischen Darstellung ebenfalls hilfreich fand, dass zum Beispiel hinter Wut manchmal Angst stecken kann. Oder, dass Müdigkeit kein Gefühl ist, sondern dahinter vielleicht Traurigkeit oder etwas anderes liegen kann, womit dann technisch anders umzugehen ist.

    Antwort
  • Hallo, mal wieder wunderbar auf den Punkt gebracht! Meine Therapiestunden sind mittlerweile leider aufgebraucht, da ist der Input hier immer wieder hilfreich für mich! Ich verstehe, erkenne immer wieder, warum sich Situationen für mich schwierig anfühlen. Danke!

    Antwort

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