Positionspapier Autismus-Spektrum

🧩 1. Einleitung
Die Diskussion um Autismus im Erwachsenenalter wird zunehmend komplexer. Einerseits durch neue wissenschaftliche Erkenntnisse zur neurobiologischen Basis autistischer Verarbeitungsweisen, andererseits durch den gesellschaftlichen Diskurs rund um Selbstdiagnosen, Neurodiversität und Identität.
Im Rahmen von ziemlich polarisierenden Autismus-Konzepten mt Ausführungen zu Autismus bei Erwachsenen von Prof. Dr. Dr. Kai Vogeley oder Frau Prof. Kamp-Becker – wird die These vertreten, dass Selbstbeschreibungen als „autistische Verfassungen“ primär kulturelle Konstrukte seien und sich von der „medizinisch validen Autismus-Spektrum-Störung“ klar abgrenzen lassen müssten.
Ich möchte dieser Sichtweise eine alternative, klinisch fundierte und neurodiversitätsbasierte Perspektive entgegensetzen – nicht primär als Widerlegung, sondern als notwendige Erweiterung des Paradigmas. Ich könnte aber auch direkter schreiben: Diese einseitigen Positionen vom Bundesverband Autismus eV. decken sich in keiner Weise mit der Auffassung von vielen Vertreterinnen und Vertretern der Selbsthilfe bzw. Therapie, die ich so kennenlernen durfte.
Daher „mein“ Positionspapier zur Diskussion.
🧠 2. Autismus als neurobiologisch fundierte Verarbeitungsweise
Autismus ist keine erworbene Störung, sondern eine angeborene, lebenslang bestehende neurokognitive Veranlagung. Soweit dürfte Übereinstimmung zu erzielen sei. Sie ist gekennzeichnet durch spezifische Muster in der sensorischen Verarbeitung, Reizfilterschwäche, Aufmerksamkeitslenkung, sozialen Kognition und Selbstregulation.
Untersuchungen aus der Neurobildgebung und der funktionellen Konnektivitätsforschung (z. B. Lombardo et al., 2019; Ecker et al., 2022) belegen:
- Unterschiede in der Konnektivität präfrontaler, temporaler und sensorischer Netzwerke
- Besonderheiten in der Integration externer Reize (Reizoffenheit, Detailfokus)
- andere Schwerpunkte in der affektiven Verarbeitung und Theory of Mind
Diese Muster bestehen bereits im Kindesalter – auch bei Menschen, die erst im Erwachsenenalter ihre Autismusdiagnose oder -selbstbeschreibung formulieren. Dabei sind Maskierung, soziales Kompensieren (Camouflaging) sowie Gender- oder Kultur-bedingte Ausdrucksunterschiede häufig Gründe, warum die Diagnose lange nicht gestellt wird. Nach meiner klinische Erfahrung können aber auch Entwicklungstraumatisierungen bzw. Dissoziationen ein Grund dafür sein, dass eine primäre autistische biologische Grunddisposition eben nicht erkannt bzw. im therapeutischen System im Kindesalter auffällt.
🧒 3. Wichtig: Primäre Merkmale in der Kindheit müssen erkennbar sein
Als klinisch tätiger Psychiater und Coach arbeite ich mit vielen erwachsenen Klient:innen, die sich als autistisch erleben – mit und ohne formale Diagnose. Dabei ist es für mich eine zentrale diagnostische Prämisse, dass autistische Merkmale in irgendeiner Form bereits im Kindesalter vorhanden gewesen sein müssen.
Nicht jede soziale Rückzugsreaktion, nicht jede Reizempfindlichkeit und nicht jede Identifikation mit autistischen Beschreibungen begründet eine Autismusdiagnose. Ebenso sind auch sekundäre oder tertiäre Anpassungsmechanismen (z. B. soziale Isolation, übermäßiger Rückzug, Bedürfnis nach Kontrolle) kein Beleg für Autismus, wenn keine entwicklungsbiographischen Hinweise auf autistische Verarbeitungsstile vorliegen.
Eine gute Diagnostik muss daher Differenzierung ermöglichen zwischen:
- Primären autistischen Verarbeitungsmustern
- Sekundären Coping-Strategien infolge von Stress, Trauma oder Umweltanpassung
- Nicht-autistischen Regulationsstörungen, die „autistisch anmuten“, es aber nicht sind
Gleichzeitig müssen wir berücksichtigen, dass diese primären Merkmale oft durch Maskierung oder eben auch nicht erkannte Dissoziation verdeckt waren – insbesondere bei Frauen, nicht-binären Personen und Menschen mit hoher kognitiver Anpassungsleistung.
🧭 4. Kritik an der Pathologisierung von Selbstdiagnosen
Die Ansicht, Selbstdiagnosen seien primär „kulturelle Zuschreibungen“, verkennt deren klinische Funktion. Aus meiner Erfahrung heraus entsteht eine Selbstdiagnose in der Regel:
- nicht aus einem Identitätswunsch heraus, sondern
- aus dem langjährigen Erleben von Andersartigkeit, Überforderung, Reizempfindlichkeit, Burnout und chronischer Selbstüberanpassung.
Gerade Menschen, die im Erwachsenenalter erstmals auf Autismus stoßen, berichten retrospektiv von kindlichen Verhaltensmustern, die heute als „klassisch autistisch“ einzuordnen wären, aber nie als solche erkannt wurden.
Selbstdiagnose ist in vielen Fällen ein notwendiger Zwischenschritt auf dem Weg zur formalen Diagnostik – oder zu mehr Selbstverständnis und Lebensqualität.
Die medizinische Fachwelt sollte hier nicht mit Abwertung, sondern mit validierender Differenzierung antworten.
🔄 5. Autismus ist kein Defizit – sondern eine Form von Weltbezug
Ich teile die Position der Neurodiversitätsbewegung dahingehend, dass Autismus keine Defektstruktur ist, sondern eine andere – oft anstrengendere, aber in sich konsistente – Art der Weltverarbeitung.
Soziale Kommunikationsunterschiede, Reizempfindlichkeit, Bedürfnis nach Klarheit und Routinen sowie das „monotrope“ Denken (Milton, 2012) sind keine Symptome, sondern Ausprägungen einer anderen neurologischen Landkarte.
Der autistische Reaktionsstil – insbesondere in Kombination mit Intelligenz, Reflexionsfähigkeit und introspektiver Tiefe – wird häufig übersehen, weil er in kein DSM/ICD-Raster passt.
📌 6. Mein Plädoyer für eine klinisch fundierte, aber menschennahe Diagnostik
Ich bin überzeugt: Wir brauchen eine diagnostische Praxis, die beides integriert:
- Strukturierte, kritische Differenzierung – mit Augenmerk auf kindliche Entwicklung, Biografie, Maskierung, Trauma bzw. Verständnis von Entwicklungstraumata und Dissoziationen
- Offenheit für neurodiverse Selbstbeschreibungen – ohne vorschnelle Pathologisierung
Die Trennung zwischen „kultureller Zuschreibung“ und „medizinischer Diagnose“ ist künstlich, wenn man Autismus als neurobiologisch angelegtes, aber sozial vermitteltes Phänomen versteht.
✊ 7. Schlussfolgerung
Wir stehen an einem diagnostischen Wendepunkt. Die Autismusforschung und -praxis muss lernen, Identität, Biografie, Neurowissenschaft und soziale Faktoren gemeinsam zu denken.
Eine ablehnende Haltung gegenüber Selbstdiagnosen und neurodivergenten Perspektiven ist nicht nur klinisch unklug, sondern verwehrt vielen Menschen mit echter autistischer Neurostruktur die Chance, sich selbst zu verstehen und ihren Alltag besser zu gestalten.
Lasst uns den autistischen Reaktionsstil nicht kleinreden – sondern verstehen.
Dr. med. Martin Winkler Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie Coach, Community-Builder und Experte für Neurodivergenz
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