Stottern und ADHS
Stottern und ADHS: Die versteckte Verbindung – Zahlen, Ursachen und praktische Tipps für Eltern, Kita und Schule
Einleitung – Warum dieser Artikel wichtig ist

Stottern betrifft Millionen Menschen weltweit – oft schon im frühen Kindesalter. Weniger bekannt: Stottern und ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) überschneiden sich nicht nur in den Symptomen, sondern auch in der genetischen Veranlagung.
Neue Forschung zeigt, dass beide Störungen eng mit Rhythmus- und Timing-Problemen zusammenhängen.
Für Eltern, Erzieher:innen, Lehrer:innen und Logopäd:innen bedeutet das: Wer die Verbindung erkennt, kann Kinder gezielter unterstützen – und das schon im Vorschulalter.
Wie häufig sind Stottern und ADHS – und wo überschneiden sie sich?

- Stottern hat eine Lebenszeitprävalenz von etwa 5–8 %.
- Der Beginn liegt meist zwischen dem 2. und 5. Lebensjahr. Rund 80 % der betroffenen Kinder verlieren die Symptome wieder – mit oder ohne Therapie.
- Im Jugend- und Erwachsenenalter sind Jungen/Männer rund viermal häufiger betroffen als Mädchen/Frauen.
- ADHS bei Kindern mit Stottern: Ältere Studien berichten zwischen 4–26 %, neue Daten zeigen rund 17 % diagnostiziertes ADHS – und deutlich mehr Kinder mit auffälligen ADHS-Scores ohne formale Diagnose.
Fazit: Die Überschneidung ist groß – und wird oft übersehen, insbesondere bei Mädchen, die häufiger spontan von Stottern genesen und deren ADHS-Symptome subtiler ausfallen.
Die genetische Verbindung: Was aktuelle Forschung zeigt
Eine aktuelle Genomstudie mit über 1,1 Millionen Teilnehmenden identifizierte 57 genetische Regionen, die mit Stottern zusammenhängen.
Besonders spannend:
- Bei Frauen zeigte sich ein klarer genetischer Zusammenhang zwischen Stottern und ADHS.
- Es gab Überschneidungen mit Genen für Rhythmusverarbeitung, Autismus und Depression.
- Rhythmusdefizite könnten ein gemeinsamer biologischer Faktor sein, der sowohl Sprechflussprobleme als auch Aufmerksamkeitsstörungen begünstigt.
Rhythmusprobleme als Frühwarnsignal

Die „Atypical Rhythm Risk“-Hypothese besagt:
Kinder, die Probleme haben, einen Takt zu halten oder Sprachrhythmus korrekt umzusetzen, haben ein erhöhtes Risiko für Sprachflussstörungen wie Stottern – und möglicherweise auch für ADHS.
Erkennbar ist das in Kita und Schule an:
- Schwierigkeiten, gleichmäßig im Beat zu klatschen oder zu stampfen
- Monotone oder „hakelige“ Sprachmelodie, unpassende Pausen
- Probleme bei Reim- und Singspielen oder rhythmischen Bewegungsspielen
- Falsches Timing beim Gesprächswechsel (zu früh oder zu spät dran)
60-Sekunden-Screening für Erzieher:innen und Lehrer:innen
(Kein Test, nur Orientierung – bei Auffälligkeiten Logopädie oder ärztliche Abklärung)
- Beat-Tappen (30 Sek.): Gleichmäßigen Beat vorgeben, Kind tippt mit – auffällig, wenn Takt oft verloren geht.
- Call-and-Response (15 Sek.): Kurze Rhythmusmuster klatschen, Kind imitiert – auffällig bei systematischen Abweichungen.
- Sprech-Chant (15 Sek.): Silben im Takt sprechen – auffällig bei stark variierender Silbenlänge oder Betonung.
Praktische Tipps für den Alltag in Kita und Schule
Sprechdruck rausnehmen
- Antwortzeiten verlängern
- Vorab ansagen, wann das Kind sprechen darf
- Partner- oder Gruppenlesen statt plötzlichem Aufruf
Rhythmus gezielt fördern
- Chorsprechen, Sprechen im Metronom-Takt
- Body-Percussion und Reimspiele im Morgenkreis
Aufmerksamkeit unterstützen
- Klare, kurze Aufträge
- Visuelle Schrittfolgen
- Reizarme Umgebung bei Sprechsituationen
Sprache wertschätzen
- Nicht ins Wort fallen oder beenden
- Inhalt statt Tempo loben
- Gruppe/ Klasse über Stottern aufklären, um Stigmatisierung zu vermeiden
Logopädische Ansätze, die wirken
- Kombination aus Rhythmustraining und Sprachfluss-Techniken
- Metronom-Übungen mit anschließender Übertragung in Alltagssprache
- Dual-Task-Training (leichte Bewegung + Sprechen)
- Elternberatung: Pausen akzeptieren, feste Sprechrituale etablieren
FAQ für Eltern
Ist Stottern psychisch bedingt?
Nein – es handelt sich um eine neurobiologische Störung mit starker genetischer Komponente.
Hilft Musikunterricht?
Ja, besonders rhythmusbetonte Aktivitäten mit klarer Struktur.
Können ADHS-Medikamente helfen?
Sie verbessern Aufmerksamkeit und Impulskontrolle; der Effekt auf Stottern ist individuell.
Kernaussagen zum Mitnehmen
- Stottern beginnt oft früh, verschwindet aber nicht immer – rechtzeitige Unterstützung ist entscheidend.
- Rhythmus ist ein Schlüssel – Probleme hier können früh erkannt und trainiert werden.
- ADHS-Blick schärfen, besonders bei Mädchen mit Stottern.
- Kita und Schule können mit kleinen Anpassungen viel bewirken.


