Neuropsychologische Tests für (?) die Diagnostik bei ADHS

Zugegeben: Seit vielen Jahren liebäugele ich mit der Anschaffung eines neuropsychologischen „Tests“ für die Diagnostik der ADHS. Hier speziell im Erwachsenenalter.

Ich weiss natürlich, dass man ADHS nicht durch eine neuropsychologische Testung bestimmen und auch nicht ausschliessen kann. Aber es wäre eben ganz schön, wenn man „schwarz auf weiss“ dem Arzt, dem Kostenträger oder wem auch immer belegen könnte, dass mit hinreichender Wahrscheinlichkeit …

Oder aber eben auch nur, dass man mit dem Patienten anhand von schönen Bildchen bzw. harten Zahlen eine Aussage machen kann.

Ich weiss, ich träume. Aber es ist ja bald Weihnachten …

Nun ist auf Kongressen im ADHS-Bereich häufig eine Firma aus Schweden präsent, die einen Qb-Test plus anbietet. Also nicht nur continuous performance, sondern zusätzlich noch eine Art Blickerfassung bzw. Bewegungsmonitoring. Klingt doch gut.

Bis ich heute auf ein Medline-Abstract zur Spezifität und Sensitivität gestossen bin.

A predictive variable for the detection of ADHD called Prediction of ADHD yielded 86% sensitivity and 83% specificity.

Mehr zum Abstract hier.

Nun, bei diesen Sicherheitswerten für die positive Diagnostik bzw. Ausschluss-Sicherheit kann ich mir einen Test wohl ersparen. Denn in den klaren Fällen wird es dadurch natürlich auch nicht eindeutiger. Und bei den „unklaren“ Fällen von Begleit- und Folgestörungen bzw. möglichen differentialdiagnostischen Überlegungen helfen mir diese doch eher bescheidenen Werte nichts.

Dann lieber Arbeit in eine umfassende neuropsychologische Erfassung von begleitenden Wahrnehmungsstörungen, Autismus-Spektrum-Störungen, nonverbale Lernstörungen etc. legen. Was aber eben auch nicht so leicht ist …

Ich weiss schon, warum Neuropsychologen wie Piero soviel Zeit mit ihren Patienten verbringen (müssen) und nicht mal eben in knapp 15-20 Minuten + Schnelltest eine ADHS-Diagnose vergeben oder eben ausschliessen können.

Aber doch irgendwie schade …

6 Gedanken zu „Neuropsychologische Tests für (?) die Diagnostik bei ADHS

  • 04.12.2013 um 08:36
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    In der Klinikambulanz, wo ich regelmäßig hin gehe, haben sie den besagten qb-Test. Sie nutzen ihn aber nicht zur Diagnostik, sondern eher zur Verlaufskontrolle und für Studienzwecke.

    Ich fand es für mich selber ganz spannend zu sehen wie die Testergebnisse im Vergleich mit und ohne Medikinet ausgefallen sind. So sieht man wenigstens mal selbst wie und ob die Medikamente wirken. Weil mir selber fällt das im Alltag gar nicht mehr so auf.

    Und zu dem Thema spannend was neu ist: Dieser Test wird schon recht schnell eintönig, weil es ja immer die gleichen Symbole sind. Da können 20 Minuten schon recht lang werden.

    Antwort
  • 03.12.2013 um 13:47
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    Tja, praktisch wäre es schon.

    Nur: Wäre es tatsächlich möglich, eine ADHS via Test zuverlässig bestimmen zu können, gälte dies auch für andere psychische Störungen. Dies wiederum würde bedeuten, dass die Psychometrie und die analytische Technologie uns definitiv zum gläsernen Menschen hat werden lassen.

    Wenn alles und jedes in unser Seele zuverlässig erfasst werden kann, bedeutet das leider auch, dass wir Menschen noch leichter zu manipulieren sind als jetzt schon. In diesem Sinn hoffe ich, dass es nie einen zuverlässigen ADHS-Test geben wird.

    Ausserdem: Es geht auch ohne „Super-ADHS-Test“. Wir können eine ADHS und allfällig vorliegende Komorbiditäten schon lange zuverlässig erfassen und einer Behandlung zuführen.

    Die sogenannte „Personalisierte Medizin“ tritt mit dem Anspruch einer individualisierten Diagnostik auch in den Bereichen ADHS immer forcierter auf (als ob Praktiker das nicht eh seit Jahrzehnten tun!). Ziel dieser Strategie ist es, noch genauer feststellen zu können, wem man – vorgeblich zu seinem Wohl – noch ADHS-Medikamente verschreiben könnte. Da keine neuen Wirkstoffe mehr erfunden werden, sollen zwecks Absatzsteigerung die Indikationen für bestehende Medikamente möglich ausgeweitet werden. Es ist kein Zufall, dass doch einige Zeitschriften und Veranstalter, welche die „Personalisierte Medizin“ forcieren, von der Pharmaindustrie (teil-) finanziert werden. Siehe zu diesem Thema auch hier: Biologische Psychiatrie: Wollen wir das?

    Antwort
  • 03.12.2013 um 12:32
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    Ich finde beides zusammen gäbe eine (oder keine) diagnose.
    In unserer praxis jedenfalls arbeiten die neuropsychologen mit dem test aber klären such noch anderes in mindestens 2 sitzungen.

    Antwort
  • 03.12.2013 um 12:13
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    Hallo Herr Winkler!
    Es ja schön, dass sie über diese Testergebnisse berichten aber Normalsterbliche können mit den Worten Sensitivität oder Spezifität kaum etwas anfangen und es wäre vielleicht hilfreich wenn solche Begrifflichkeiten erklärt werden könnten. Darum mache ich mal einen kleinen Anfang. Soviel ich mich noch erinnere aus meine Ausbildung als medizinische Dokumentarin bedeutet:

    Sensitivität: (richtig positiv)
    Wahrscheinlichkeit mit der ein Test anzeigt, ob ein kranker Mensch auch wirklich krank ist.
    Spezifität: (richtig negativ).
    Wahrscheinlichkeit mit der ein Test anzeigt, ob ein gesunder Mensch auch wirklich gesund ist.

    Das heist der oben angegebene Test, gibt mit einer Wahrscheinlichkeit von 14% an, das ein Patient eine falsche Diagnose erhält also fälschlicherweise eine AD(H)S diagnostiziert bekommt. Oder umgekehrt mit einer 17% Wahrscheinlichkeit wird jemand als falsch gesund diagnostiziert der eigentlich Hilfe brauchen würde.
    Es gibt leider keine Patentlösungen in der Medizin nach meiner Erfahrung und gerade die schwierigen Fälle benötigen einen grossen Aufwand für die diagnostizierenden Ärzte. Leider wird das nicht von jedem Arzt so dem Patienten mitgeteilt und zu gerne dem Wunsch nach einer schnellen Lösung nachgegeben. Besonderes bei Erwachsenen, die erst spät ihre Diagnose bekommen haben, hätte eine differenzierte Diagnostik im Kindes- und Jugendalter evtl. viel Leid erspart. Spreche da aus eigener Erfahrung.
    Möchte Ihnen auf diesem Wege noch viel Mut und Entschlossenheit mitgeben und Ihnen und ihrem Kollegen Piero Rossi für diesen informativen Block danken.
    Schöne Advents- und Weihnachtszeit und machen Sie so weiter. Danke!

    Liebe Grüsse
    MyPy

    Antwort
    • 03.12.2013 um 12:20
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      Herzlichen Dank !
      Ich wollte erst noch einen Link zur Erklärung von Sensitivität etc reinbauen, aber dann kam mal wieder ein anderer Gedanke dazwischen ….

      Antwort
  • 03.12.2013 um 11:59
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    … vielleicht oder wahrscheinlich hilft gerade (auch) diese ZEIT, AufMERKsamkeit den Patienten… …

    Antwort

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