ADHS , MCD und Entwicklungsstörungen

Vor einigen Tagen las ich, dass in Berlin und Brandenburg die Verordnungszahlen für Metyhlphenidat bei ADHS um mehr als 10 Prozent rückläufig waren. Nun ja.

Am gleichen Tag habe ich einen erwachsenen Patienten wegen Depressionen in unserer Klinik aufgenommen, den ich mir aufgrund einiger Auffälligkeiten in seiner Krankengeschichte dann doch näher anschauen wollte :

– multipler Substanzmittelkonsum von Alkohol, Cannabis, Kokain und Schnüffelstoffe in der Vergangenheit

– Verzögerte Sprachentwicklung in der Kindheit mit Betreuung in einem Sprachheilkindergarten

– erhebliche Selbstorganisationsprobleme und Krise nach Trennung von Freundin bzw Umzug

Ich fragte ihn dann nach Vordiagnosen aus der Kindheit. Und siehe da : 1987 wurde er von Prof. Steinhausen in der Charitè in Berlin betreut. Dort wurde eine umfassende Entwicklungsverzögerung, sowie MCD diagnostiziert. MCD steht ja für minimale cerebrale Dysfunktion.

Letztlich wurde eine Elternberatung und eine Spieltherapie empfohlen. Und der Junge über mehr als 3 Jahre logopädisch betreut.

Immerhin spricht er jetzt fliessend und nur bei Aufregung ist eine Art Störung der inneren Bremse mit Wortfindungsfehlern auffälllig.

Auch wenn MCD nun nicht ganz deckungsgleich mit ADHS nach heutiger Definition ist, so stellt sich für mich schon die Frage, ob diese Entwicklung beim Patienten doch anders hätte verlaufen können. Anders, wenn man eben auch eine medikamentöse Behandlungsoption in Erwägung gezogen hätte. Oder zumindest eine weitere Nachbetreuung des Kindes vorgenommen hätte.

So sehr ich ja sensorische Integrationstherapie, Ergotherapie, Krankengymnastik oder Logopädie schätze, so sehr müsste man ja auch mal die Grenzen dieses Therapieverfahrens diskutieren. Mal ganz davon abgesehen, dass sich für die Wirksamkeit einer Spieltherapie nun überhaupt keine Belege finden lassen.

Mir geht es nicht (zwingend) darum, nun sofort eine Medikation als Lösung aller Probleme zu fordern. Sondern eher eine Verbesserung der Versorgung und Betreuung von Kindern mit entsprechenden Entwicklungsverzögerungen der Sprache, des Sprechens, der Sensorik und Motorik bzw. der Koordination (z..b bei Dyspraxie).

Wenn man jetzt 10 Prozent weniger Stimulanzien in Berlin verordnet, kann es eine Entwicklung sein, die mehr nachfolgende Entwicklungsprobleme verursacht als sie angeblich verhindert. Denn die Folgen einer Nichtbehandlung zeigen sich eben erst später.

Ich personlich vertrete die Auffassung, dass die heutige Chefärztin der Kinderpsychiatrie Charitè in Berlin (Prof. Lehmkuhl) gut beraten wäre, sich mal mit früheren Patienten und Patientinnen ihrer Klinik zu unterhalten. Und mal zu erfassen, was das Anpragern einer angeblichen Übertherapie mit Stimulantien letztlich dann für das Leben dieser Kinder und Jugendlichen bedeutet.

Eine falsche bzw. fehlende Behandlung bedeutet dann auch das Versagen von Entwicklungschancen.

5 Gedanken zu „ADHS , MCD und Entwicklungsstörungen

  • 10.09.2014 um 16:56
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    „Wenn man jetzt 10 Prozent weniger Stimulanzien in Berlin verordnet, kann es eine Entwicklung sein, die mehr nachfolgende Entwicklungsprobleme verursacht als sie angeblich verhindert. Denn die Folgen einer Nichtbehandlung zeigen sich eben erst später.“

    Oft zeigen sie sich sehr früh, nur eben nicht nach außen. Die Kinder und Familien leiden still. Ich kenne zu viele Erwachsene mit unbehandeltem ADHS, die einen tragischen Werdegang verzeichnen.

    Vielleicht lassen sich einige Ärzte von der allgemeinen Hexenjagd gegen Ritalin, der angeblichen Modekrankheit ADHS, die Ärzte zu Drogendealern und die Eltern als unfähig erklären, beeinflussen?
    Selten habe ich derart dogmatische Grabenkämpfe gesehen wie beim Thema ADHS – zu Lasten der Betroffenen.

    Viele, die ADHS nicht selbst im Alltag erleben, ob als Eltern oder selbst Betroffene, können es kaum begreifen, oder verstehen, wie diese Kinder und oft auch Erwachsene leiden, das schließt Fachleute mit ein. Nach außen sieht ein Betroffener ganz normal aus. Es wirkt, als könne er, wolle aber nicht. Das ist so ein Standardsatz, den Erwachsene mit ADHS wohl zur Genüge kennen dürften …

    Die Medikation vorzuenthalten ist selbstgerecht und rücksichtslos. Auf lange Sicht ist sie günstiger, da sich viele Folgebeschwerden wie beispielsweise Depressionen damit vermeiden lassen.

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  • 05.03.2014 um 21:05
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    Das ist das schlimmste. Die vielen vertanen Chancen, die Möglichkeiten, die nie genutzt wurden. Das Leiden an der ADS, das letztlich stark subjektiver Natur ist und für Aussenstehende meist nicht nachvollziehbar, jedoch so tiefschürfend wesentlicher Anteil am Leben mit ADS ist und in erheblichen Teilen mit dem Erfahren von Verlust zu tun hat.
    Was man verpasst hat,
    was man nicht geschafft hat,
    was man nicht schaffen kann,
    was man nicht erhalten hat,
    was man nicht bekommen kann,
    was man nicht angehen kann
    was man nicht ausdrücken kann
    was man nicht vermitteln kann
    was man nicht ändern kann,
    vieles an Verlusterfahrungen und nur ein Bruchteil davon reicht für viele Menschen um sie in die Psychotherapie zu bringen oder einen gebrochenen Menschen aus ihnen zu machen.
    ADSler haben diese Hypothek der Verlusterfahrungen von Geburt an in einer unklärbaren Vielschichtigkeit. Je nach sozialen und wirtschaftlichen Umweltfaktoren und sonstigen Ressourcen ist es ein Leben, das man wie folgt beschreiben könnte:

    Auf glühenden Kohlen einen Spießrutenlauf gegen den eigenen Verdruss anrennen.

    Wegen irgendwelchen moralisierenden Haltungen aus überkommener Pädagogik, Psychoanalytik, Psychotherapie, Verhaltenstherapeutischen Interventionen allgemeiner „Pseudo“-Hilfsbereitschaft, die erstmal die Forderung stellt, allen Hilfestellungen ohne Rücksprache mit Patienten diesen aufzuoktroyieren und wenn es nicht funktioniert ist der Patient nachlässig …

    Dazu gehört auch das angesprochene rücksichtslose Vorenthalten der Medikation. Letztlich wäre jeder Euro in der frühzeitigen Medikation der betroffenen Kinder eine billige Investition in die Zukunft der Gesellschaft, die sich locker auszahlt, weil Erwachsene Betroffene dann in aller Regel ihren Werdegang weniger tragisch erlebt haben.

    http://www.adhs.org/gesundheitsoekonomie/adhs-kosten

    Es zahlt sich aus zu zahlen.

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    • 08.03.2014 um 15:20
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      Sehr guter Kommentar. Eigentlich müsste man dazu einen ganzen eigenen Beitrag machen (mache ich vielleicht auch nochmal)

      Antwort
  • 01.03.2014 um 20:17
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    Das Problem ist ein zutiefst menschliches Problem.

    Auch wenn wir davon ausgehen wollen, das alle Menschen eigentlich im Kern gutmütig handeln wollen, so muss man attestieren das viele Menschen auch diejenigen in weißen Kitteln eben weniger am Wohl der Menschen interessiert zu sein scheinen, als vielmehr an der eigenen Selbstdarstellung indem die eigenen Rezepte und Verordnungen als das Seelenheil schlechthin verkauft werden.

    Das kann man in vielen Bereichen beobachten. Bei der Diätindustrie, Ernährungsberatungsindustrie und ihrer angeschlossenen Ärzteschaft, oder im Rahmen der Behandlung vielschichtiger Gesundheitsprobleme wie der ADS, die letztlich besonders den ideologischen Konflikten unterworfen ist.
    Trauma oder Vererbung? Oder gar Vererbtes FamilienTrauma? Psychoanalytische Behandlung oder doch lieber Verhaltenstherapie? Medikation als pragmatische Soforthilfe oder doch lieber Zuckerbrot und Peitsche aus der dunklen Pädagogikecke?

    Dieses Selbstdarstellen der eigenen Ideen und Ideale führt in allen Lebens-Bereichen immer wieder zu einem tiefen Riss zwischen fachlich bester Methodik, pragmatischer Problemlösung oder im Falle der Patientenbetreuung einem positiven aufbauenden zwischenmenschlichen Umgang, der sich emphatisch mit dem leidenden Menschen gemein macht.

    Letzteres wäre der erste Schritt zur besten Patientenbetreuung, aber das machen Sie mal einem Menschen klar, der sich als Oberschichtskarrierist vor den Unterschichts ADS ler setzt und ihm von oben herab eine Therapie vorschreibt, die weniger der Heilung als mehr dem protestantischen Ideal der Anti-Freude Kultur deutscher Prägung entspricht. Leiste was dann biste Gesund! Leiste nix, dann biste Schuldig!

    Hier greifen meines Erachtens eben solche zwischenmenschlichen Spaltereien ins Getriebe der positiv gemeinten und geschaffenen Gesellschafts-Strukturen zur Gesundheitsfürsorge. Hinzu kommt die finanzielle Interessenlage aller Beteiligten und des Systems, die ja oft gegenläufig sind. In diesem Zusammenspiel der Kräfte werden die Betroffenen als schwächste Instanz schlicht oft genug einfach zerrieben.

    Das es besser würde ist ein frommer Wunsch. Die Utopie lebt aber davon, das wir sie trotzdem umsetzen, auch wenn sie nie eine Chance haben wird *zwinker

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  • 01.03.2014 um 17:41
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    Hmmmmm……ob man da nicht mal ein falsches denken hat, heißt es nicht die Therapien sollen zusammen wirksam sein….
    Es ist ja schön wenn die Verordnungen runter gehen, aber zu welchen Lasten…
    nur um gut da zu stehen in der Politik und um sich zu profilieren??
    ob ihr Namensvetter das gut heißt?

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