Die vielen Gesichter der ADHSler

ADHS ist nie eindeutig.

Interessant finde ich beispielsweise, wie ADHSler sich untereinander erkennen. Wenn man in einer Kindergruppe oder auch einem scheinbar so heterogenen Kollektiv von Menschen einer Klinik ein wenig abwartet, „erkennen“ sich die ADHSler auffallend treffsicher. Und meist weit bevor „wir“ Therapeuten auch nur einen Hauch von Ahnung haben. Beispielhaft hatte ich das vor einigen Jahren erlebt, als ich noch in der Seepark Klinik sowohl eine Gruppe von Patienten mit Depressionen und Schmerzen, wie auch eine ADHS-Spezialgruppe betreute.

Von den ADHSlern wurde ich auf eine Patientin mit chronischem Schmerzsyndrom aufmerksam gemacht, die eindeutig ADHSlerin sei. Für mich zunächst total unglaubwürdig, weil sie doch eher das Gegenteil zu sein schien: Zwanghaft und sehr rigide, von Schmerzen gefangen und eben in einer Art Verbittungssyndrom gefangen. Und doch: In der Raucherecke (ja, die gibt es auch in Kliniken….) sei sie wie ausgewechselt. Zeige eine andere Seite. So wie sie quasi sich unterschiedlichen Menschen auch ganz unterschiedlich zeige. Das wiederum ist vergleichsweise sehr typisch für ADHSler. Ich hatte ihr dann einen Haufen ADHS-Fragebögen gegeben. Nicht, weil ich diese Tests auch nur im geringsten für aussagekräftig halte. Aber ihre Reaktion beim Ausfüllen war dann doch typisch: Es käme ganz drauf an, wie sie drauf sei, beziehungsweise mit wem und unter welcher emotionaler Voraktivierung sie stehe. Daher könne sie den Fragebogen nicht eindeutig ausfüllen. Sie würde einen ganzen Haufen von Bögen benötigen. Und ihn dann doch nicht ausfüllen können.

Das wiederum finde ich sehr treffend erkannt. Ihr Verbitterungssyndrom war die Folge der lebenslangen Narben (besser gesagt Wunden, denn zu Narben waren sie eben gerade nicht ausgeheilt, dazu aber später mal mehr). Aber noch viel stärker wurmte sie, dass sie so sehr von den emotionalen Aussenbedingungen und eben nicht ihrer eigenen Steuerung abhängig war. Dass Leistungen und Gefühle eben nicht konstant sein konnten und starken Schwankungen unterworfen waren. Je nach Menschen, die in ihr Leben traten und sie wieder verliessen.

Wie sollte man sowas in einen Test abfragen? Wie aber auch diagnostisch sichern? Klar ist doch, dass ADHSler sich auch Ärzten und Therapeuten sehr unterschiedlich zeigen werden. Je nach emotionaler Vorerwartung und vorweggenommenen Erwartungen oder auch Angst. So können Diagnosen und Beeinträchtigungen eben lange verborgen bleiben. Was ja einerseits eine gute Anpassungsleistung zeigt und völlig o.k. wäre.

Aber nicht gesehen wird dabei, wie anstrengend dieses „Versteckspiel“ ist. Welche Kraft es kostet, immer gegen die eigene emotionale Labilität und Wechselhaftigkeit der gezeigten „Köpfe“ zu leben. Hohe Erwartungen zu wecken, die dann nicht dauerhaft erfüllt werden. Seinen überschiessenden Gefühlen der Verliebtheit dann eine scheinbare Kälte folgen zu lassen. Oder eben immer wieder wie ein taumelnder Eisberg in den Fluten eine andere Spitze mit positiven wie negativen Eigenschaften zu zeigen.

Alles andere als eindeutig. Eben ein ADHS-Spektrum.

3 Gedanken zu „Die vielen Gesichter der ADHSler

  • 25.06.2015 um 19:03
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    Dieses Phänomen kenne ich auch – dass „wir“ uns gegenseitig erkennen.
    Auf einer Reha-Behandlung habe ich nach einigen Gesprächen ebenfalls einen jungen Mann als ADHSler erkannt. Als ich ihn behutsam (ja, das kann ich 🙂 ) auf meinen Verdacht ansprach wies er den „Vorwurf“ zuerst von sich. „Nein, er würde sich da nicht wiedersehen. Schließlich hätte er Erzieher gelernt und wisse um die Symthome eines ADHS“ Einige Tage später kam er auf mich zu um über „unsere Krankheit“ zu sprechen.
    Ich war selber davon überrascht dass das echt klappt…

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  • 07.12.2011 um 21:54
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    Burn Out widerspricht ADHS nicht. Es kann eine Folge davon sein.
    Schlimm finde ich, wenn jemand aufgrund eines Burn Outs dringend in eine Klinik gehört, vermutlich und am besten in eine ADHS-spezialisierte Klinik, diese Klinik ohne auswärtige Diagnose aber nicht aufnimmt… der empfohlene niedergelassenen ADHS-Spezialist 3 Monate Wartezeit hat und dann für die sicher qualifizierte, aber vor allem zur Einweisung benötigte Diagnose zusätzlich 250,- EUR erhebt…
    Anscheinend wird eine ADHS-Diagnose nicht von den Krankenkassen finanziert.

    Da kann man sicher und fast schon froh sein, dass ADHS mit im Spiel ist – ohne ADHS wäre der Burn-Out-Betroffene längst umgefallen angesichts dieser Zumutungen in einer echten Notlage.

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  • 24.10.2011 um 08:46
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    <<Aber nicht gesehen wird dabei, wie anstrengend dieses „Versteckspiel“ ist. <<

    Was dann wieder zu Diagnosen wie Burn Out oder Depression führt. Aber eigentlich, hat man doch was ganz anderes!

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