Neurodiversia : 1001 Dinge, die neurodiverse Menschen anders wahrnehmen

Oder : Warum wir gerade JETZT einen Tribe = eine gemeinsame Community von neurodiversen Menschen brauchen

Ich möchte eine neue Rubrik in meinem Blog einführen, die sich mit den besonderen Wahrnehmungen und anderen Sichtweisen von neurodiversen Menschen beschäftigen. Also Du und ich und deine Kids, dein Partner oder Lebensgefährtin aus dem ADHS-Spektrum, mit Autismus-Besonderheiten, Legasthenie, Hochsensibilität / Hochbegabung. What ever.

Die Motte als diagnostisches ADHS-Tool

Die Grundidee dazu ist schon sehr alt. Genauer gesagt eine Motte, die schon mumifiziert zwischen Schrank und Wand in der Seepark-Klinik Bad Bodenteich im Zimmer neben dem Chef eine ziemlich unentdeckte Rolle spielte. Zumindest unentdeckt von den Reinigungs-Perlen des Konzerns.

Es begab sich also zu seiner Zeit, dass ich dort auch jüngere ADHS-Kids sah. Oder sie in Begleitung ihrer Mama (seltener ihres Vaters) sich zu Tode langweilten, wenn sie zu mir ins Büro mitgeschleppt wurden und nicht in der tollen Kinderbetreuung der Klinik Action erlebten.

Ich habe – trotz Suche – bisher wenig über die besondere Rolle der Motte bzw. Insekten – in der Diagnostik von Autismus oder ADHS finden können. Zu Unrecht wie ich finde.

Denn es ergab ich eine sehr hohe Trennschärfe in der diagnostischen Sicherheit, wenn ich nach mehr oder weniger fürchterlichen 30 bis 50 Minuten Gespräch mit der Mutter wie beiläufig das Kind fragte, ob ihm oder ihr etwas in meinem Raum aufgefallen sei, was andere Menschen vielleicht nicht so sehen.

Alle ADHSler und die meisten Autisten berichteten von der Motte. Die Autisten vielleicht noch mit genauerer Angaben zur Biologie dieses Insektes im Speziellen 🙂

Die Motte und die besondere Art die Welt zu sehen

Nun geht es mir nicht um Diagnostik. Es geht mir darum, wie ungewöhnlich, großartig und speziell diese andere Wahrnehmung ist ! Und wie neurodiverse Menschen anders wahrnehmen.

Gestern hatte ich ein längeres Gespräch mit einer Personalerin einer großen Arbeitsvermittlungsfirma. Die – wie so viele Firmen – von heute auf morgen eben ins Homeoffice geschickt wurden. Wo sich en Großteil der Abläufe, Termine, Besprechungen von jetzt auf gleich veränderten.

Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass hier Menschen aus dem ADHS-und Autismus-Spektrum eine sehr große Hilfe sein könnten, andere und bessere Entwürfe für Lernen, Arbeiten, Leben etc zu entwickeln.

Für einen Autisten ist das Gebot der „sozialen Distanz“ eine Selbstverständlichkeit. Für ADHSler die Anpassung an eine neue Situation unser tägliches Brot. Probleme mit Zeitmanagement und Selbstorganisation beim Lernen im Homeschooling ? Ablenkbarkeit ? Kommt uns bekannt vor, oder ?

Gerade wenn Krisen sind, ist es auch die Zeit für einen neuen Aufbruch. Für Veränderungen. Und damit aber auch für neue Chancen.

Wenn nicht JETZT, wann dann ?

Neurodiversia : Eine neue Chance, eine neue Welt unter Beteiligung von Menschen aus dem Spektrum

Neurodiversia : Eine andere Art der Wahrnehmung zum neurodiversen Leben


Mich interessieren großartige Geistesblitze, der besondere Moment am Tag oder in deinem Leben. Dinge, die den besonderen Flow erzeugen. Oder aber einfach nur schön oder anders sind. Die du und ich anders wahrnehmen. Nicht falsch. Nicht defizitär. Anders.

Daher möchte ich mit dir eine Liste von (mindestens) 1001 großartigen Dingen und Momenten aus deiner Wahrnehmung und Erlebnissen sammeln, die du mit anderen neurodiversen Menschen teilen willst oder dich von anderen anregen lassen möchtest.

Was sind also Deine persönlichen Momente, die für dich speziell, großartig, irritierend, verändernd oder einfach anders als bei Anderen sind ?

Was wären eigentlich Selbstverständlichkeiten, die wir dann aus der utopischen Welt Neurodiversia in die Gesellschaft in Deutschland (oder zumindest bestimmte Nischen) einsickern lassen sollten ?

Was sind einfache Veränderungen bei der Arbeit, im Homeoffice, beim Lernen oder sonstwo im Alltag, die das Leben einfacher machen würden ?

Hilf mir, diese Liste zu füllen und damit eine Art „Tribe“ = eine Gemeinschaft von neurodiversen Menschen und Projekten zu etablieren.

Was haben wir denn bisher, woraus ich dann noch Beiträge mache (damit ich es nicht vergesse)

Neurodiverse Anders wahrnehmen…

  1. Hören von defekten Glühbirnen oder Fledermäusen. Riechen von Schimmel
  2. Körperliches Spüren und Erfassen der Stimmung von anderen Menschen
  3. Die Begeisterung mit seinem Vermögen von 50 Pfennig Süssigkeiten am Kiosk kaufen zu dürfen
  4. Mikomimik : Wie man das Gesicht, Mimik und Gestik anders versteht
  5. Temperatur- und Schmerzempfinden
  6. Schönheit wahrzunehmen, die kleine Blume am Wegesrand, die faszinierenden Wolken
  7. Ein besonderes Empfinden für Geschmack, Konsistenz, Geruch etc beim Essen



17 Gedanken zu „Neurodiversia : 1001 Dinge, die neurodiverse Menschen anders wahrnehmen

  • Pingback: Neurodiversia : 1001 Dinge, die neurodiverse Menschen anders wahrnehmen - ADHD

  • 23.05.2020 um 20:38
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    JA, JA, JA! Das sind Ideen, die ich seit schon seit einiger Zeit mit mir rumtrage. Wir brauchen einen „Tribe“, eine Gemeinschaft, eine Community, mit der wir uns vertreten. Das ist ein ganz wichtiges Puzzlestück für den weiteren Fortschritt im Umgang mit ADS/Neurodiversität! Neben unseren Bemühungen einen inhaltlich-fachlich starken Standpunkt gegen die „dumpfe Unwissenheit“ in weiten Teilen der Bevölkerung aufzubauen, nehmen wir Betroffene (in Ermangelung eines besseren Wortes) ja selber unmittelbar von der stigmatisierenden Wucht eben dieser Unwissenheit Schaden. Eine Gemeinschaft oder Community, die die Interessen von neurodiversen Menschen bündelt würde jetzt eine ganz wichtige Lücke füllen. Ich hatte sogar den Gedanken, dass es Zeit ist zu diesem Anlass eine bundesweite Versammlung zu organisieren. Das geht aktuell nicht, aber wir sollten uns das als Ziel vornehmen.
    Ich möchte noch einen Beitrag zu Martins Frage mitteilen. Ich habe beobachtet, dass es mir leichter fällt als Menschen ohne AD-Syndrom mich in angespannten Situationen zu amüsieren! Doch! Und ich bin überzeugt, dass es uns aufgrund unserer breit gefächerten Wahrnehmung viel leichter fällt aus einer Vielfalt zu wählen und wir infolgedessen unter allen Umständen mit einer größeren Gelassenheit reagieren und entscheiden können. Bei Stress oder größerer Spannung entscheide ich mich am liebsten für humoristische Perspektiven. Das macht nicht nur Spaß, sondern fördert meist auch die Motivation und Kreativität aller Beteiligten. Und wenn in so einer Situation noch andere Menschen mit neurodiverser Veranlagung anwesend sind gelingt es oftmals im spontanen Verständnis durch gemeinsames sich ergänzendes interagieren die Blickrichtung zu wechseln und dadurch die Stimmung in einer Gruppe zu beflügeln.

    Ralf Schumann

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  • 12.05.2020 um 21:55
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    Ich kann nach einer einstündigen Zugfahrt meinem Mann alles über sämtliche Mitreisende im Großraumwagen berichten inklusive der Befindlichkeiten der Leute, ob ich will oder nicht… und er hat nicht mal gemerkt, dass da noch andere Leute waren

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  • 12.05.2020 um 09:35
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    Schönes Thema und doch musste ich etwas nachdenken, bis ich einen Punkt fand, wo ich mich einklinken konnte.
    Ich habe strukturiertes ADS, einen recht hohen IQ und bin hypersensibel.
    Das macht den Alltag nicht leichter, aber ich habe gelernt Probleme zu lösen. Und so löse ich die Probleme der anderen nun für mich. *smile
    Das wird manchmal etwas speziell:
    Jemand sagt: Ich hätte gerne einen Schrebergarten, das ist sooo schwierig.
    Ich will ihr dann beweisen dass das nicht sehr schwierig ist und schaue mich um. Natürlich habe ich spätestens 1 Woche später selber eine Schrebergarten! (Und leider habe ich ihn nicht mehr, wegen Punkt 2)
    Jemand sagt: Ich möchte um die Welt reisen.
    Ich bin um die Welt gereist! (Corona hat die Reise zwar nach 5 Monaten schon in Neuseeland enden lassen, aber ich hatte unendlich Spass)
    Jemand sagt: Ich hätte gerne ein Ferienhaus.
    Ich bin gerade dabei mir ein Ferienhaus zu kaufen. Habe ein absolut schnuckeliges Häuschen gefunden und mich da rein verliebt.

    Seit mir diese Mechanik bewusst geworden ist (damals als ich in der Schule nicht rechnen konnte, aber problemlos die Rechnungen meiner Schulkollegen lösen konnte) bitte ich jeweils jemanden mir mein Ziel als sein Wunsch zu formulieren… und schon klappt es *smile Manchmal nicht auf den ersten Anhieb, aber mit etwas Stetigkeit geht es immer.

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    • 13.05.2020 um 10:19
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      Nachtrag: Als ich noch jung und spontan war, habe ich oft die Leute auf ihre (für mich sehr prominent sichtbaren) Probleme angesprochen. Man hat mir dann gesagt, dass da gar kein Problem vorhanden war und wunderte sich sehr. Meistens ein Jahr später kamen die Leute wieder auf mich zu und erzählten mir, dass dieses Problem nun wirklich aufgetaucht wäre und sie es nun gelöst hätten und woher ich davon gewusst hätte, bevor es ihnen bewusst wurde. (Ich hätte wohl eine Karriere als Wahrsagerin anstreben sollen *seufz)

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  • 10.05.2020 um 16:33
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    Mir ist bewusst geworden, dass Autist*innen Videokonferenzen gut moderieren können. Unpünktlichkeit wird nicht gerne gesehen. Anfangs darf es gerne noch etwas Zeit für den Teamspirit und das freundliche Blabla geben, aber danach wird die Tagesordnung abgearbeitet, und alle dürfen sich anschließend wieder zufrieden ausklinken und ihrem Zuhause widmen.

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  • 10.05.2020 um 14:37
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    * Teilweise ist meine Wahrnehmung die eines Kindes geblieben, was mich heute noch immer ohne Argwohn sein lässt. Menschen bezeichnen das auch als Naivität. Dies erlebe ich als Stärke und ebenso als Schwäche.

    * Ich liebe diese Fähigkeit, von einem kleinen Irgendwas angestachelt, in der Lage zu sein, eine Ideen- und Handlungskette zu entwickeln und zu verfolgen, bis ein Ergebnis vorliegt, das ich selbst als perfekt empfinde – und das in kürzester Zeit und ohne, dass irgendwas anderes wichtiger wäre.

    * Ich lebe seit ich denken kann nach dem Motto: Ich mache alles, was und so gut ich es kann und ich besorge mir alles, was ich brauche, unerbittlich. Dies bedeutet für mich ein Gleichnis im kleinen wie das Lebensprinzit einer zukünftigen tauschmittelfreien Gesellschaftsordnung, das in etwa lautet „Jeder gibt der Gesellschaft nach seinen Möglichkeiten und nimmt von ihr nach seinen Bedürfnissen“.

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  • 10.05.2020 um 10:15
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    Mein Kind sagte mal nach einem Blick aus dem fahrenden Auto“ wir müssen zurückfahren, der Obdachlose hat nur einen Schuh..“
    Mich hat das sehr berührt..
    In der Zeitspanne eines Wimpernschlags soviel Aufmerksamkeit,Empfindsamkeit und Entschlossenheit etwas zu tun…

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    • 10.05.2020 um 10:18
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      Ja, grandios ! Eigentlich kann man nur megastolz auf diese Kids sein. Aber an der falschen Stelle ausgesprochen, dass der Hosenstall beim Lehrer auf ist, der auf dem Fahrrad zur Schule fährt und schon hat man ein Problem…

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  • 10.05.2020 um 08:58
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    Vielen Dank für das tolle Thema. Mir ist aufgefallen, dass manche neurodiverse Menschen viel schneller erkennen, ob jemand authentisch ist oder nicht. Diese Fähigkeit könnte man sehr gut zB in Personalgesprächen insbesondere für Führungspositionen nutzen, damit es hier nicht wie so oft zu Fehlbesetzungen kommt, die der Leistungsfähigkeit eines Unternehmens dauerhaft schaden können.

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    • 10.05.2020 um 09:01
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      Ja, genau das denke ich halt auch. Ich träume ja noch davon eine Art Consulting / Beratung für neurodiverse Menschen am Arbeitsplatz zu machen. Man könnte wirklich viele Burnout-Folgen durch „Mobbing“ von Vorgesetzten verhindern, wenn nicht ständig antisoziale / narzistische Leute ausgewählt werden, die die Personaler blenden und dann desolate Resultate erzeugen

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  • 09.05.2020 um 19:56
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    I luv it! Der Link kam über eine gute Freundin die selbst bekennend ADHS lebt und liebt. So sehr dass sie es zur Psychaterin gebracht hat. Also seit 30 Jahren im Berufsleben, viele tolle aufregende Ideen, ganz oben und auch wieder ganz unten. Habe nie wirklich gelernt meine Fähigkeiten wirklich zu vermarkten und scheitere immer an den Marktgegebenheiten. Spezialisten sind gesucht, ich jedoch kann alles 😉. Schön dass ich nicht der Einzige auf diesem Planeten bin

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  • 09.05.2020 um 15:46
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    Dinge, die neurodiverse Menschen anders wahrnehmen… „Jeder weiß es, aber keiner spricht es aus.“…aber der- oder diejenige mit ADHS spricht es aus! Das Totschweigen von Tatsachen aus Gründen der Diplomatie oder im negativen Kontext aus Duckmäusertum, Angepasstheit oder teilnahmsloser Bequemlichkeit ist mir persönlich zuwider. Das heißt nicht, dass Schweigen aus Gründen der Diplomatie nicht ziemlich oft angebracht sein kann.

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  • 09.05.2020 um 12:47
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    Ich hörte immer das Fiepsen der alten Röhrenfernseher und -monitore. Ich habe es sogar bei zwei Fernsehern im Standby gehört, was mich sehr gestört hat. Zumal ich in einem Fall auf dem Boden direkt daneben mit meiner Cousine übernachten sollte. Sie hat das nicht gehört. Ich konnte erst schlafen als ich den TV richtig ausgeschaltet habe.

    Mein Geschmackssinn war vor allem als Kind auch viel empfindlicher. Was dazu führte, dass ich vieles nicht mochte. Das führte leider häufig zu vielen Diskussionen am Esstisch und dem Zwang aufzubessern. Ich mag bis heute nichts geräuchertes.

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    • 12.05.2020 um 09:41
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      Tickende Uhren, Lichteinfälle aus kleinsten Ecken und natürlich heutzutage all die LED-Lämpchen an den elektronischen Geräten und Schaltern! Wobei ich problemlos am hellen Tag einschlafen kann. Aber in der Nacht – unmöglich.

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