ADHS und Bulimia nervosa

Es kommt nicht so häufig vor, dass ich eine pychologische Promotiion als Lesestoff für einen Sonntag empfehle. Die Arbeit von Julia Leuchtenberger an der Uni Marburg aus dem Jahr 2012 ist aber aus meiner Sicht hier eine Ausnahme.

Nicht nur, weil sie sehr ausführlich auch auf eine Arbeit von Piero und mir zu Überlegungen von Borderline-Persönlichkeitsstörungen und ADHS eingeht.

Sie belegt, dass die Häufigkeit einer „klassischen“ ADHS-Symptomatik bei den Bulimie-Patientinnen mit 7,8  Prozent quasi doppelt so hoch wie in der Normalbevölkerung ist. Und sich bei den Bulimie-Patientinnen ADHS-ähnliche Symptome in weit über 35 Prozent nachweisen lassen, die eigentlichen den diagnostischen Kriterien von ADHS entsprechen würden…. Aber hier eben das Alterskriterium nicht erfüllt, d.h. die Symptome waren so nicht eindeutig in der Kindheit nachweisbar. Wer sich mit ADHS bei Frauen auskennt, kennt dieses Phänomen, das man ja mit allem Für und Wider hinsichtlich einer zu häufigen Diagnostik abwägen kann.

So oder so, es ist für mich sehr spannend zu lesen gewesen.

2 Gedanken zu „ADHS und Bulimia nervosa

  • 18.02.2015 um 20:25
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    Da möchte ich einfach mal auf meine Überlegungen hinweisen. Das Essstörungsverhalten hängt ja eng mit all den Störungsbildern zusammen, die zwischen der Selbststeuerung, der Bedürfnisserfüllung liegen. Das sich Annehmen können und wollen, die eigenen Bedürfnisse wahr nehmen und diese auch zu erfüllen. Das mit Genuß und Freude.

    Die Selbststeuerungststörung ist auch in der Verhaltensweise der Sucht zu finden. Die Sucht selbst ist eine Überkompensation, das Festhalten an einem Symbol für Bindung, für Liebe, für Erfüllung und des Symbols anstelle sich um die tiefer liegende Symptomatik im Sinne der Beziehungsstörung zu kümmern. Der Beziehung zu sich selbst, zu den Dingen und zu den Menschen, die uns Dinge geben vermitteln, uns damit versorgen und so im eigentlichen Sinne selbst Symbole der Sucht werden können.

    Bei der ADHS gehts gerade auch darum, das wir den Ansprüchen anderer und damit den internalisierten Wünschen und Vorstellungen von Eltern, Lehrern und Gesellschaft nicht genügen zu können, aber auch unseren eigenen Ansprüchen nie genügen. Das hat auch mit der Kompensation in den Perfektionismus hinein zu tun, aber das ist nicht die Ursache selbst, sondern die Unfähigkeit überhaupt die eigenen Wünsche, Bedürfnisse und Zielsetzungen zu erfüllen bzw. zu verfolgen ist das Problem.

    Anhand des Essens kann man dieses Spannungsverhältniss der Suche nach Bedürfnisserfüllung, nach Annahme, nach Protest, nach Anpassung wunderbar durchspielen, ohne das sich etwas ändert. Wir haben Gesellschaftlich ja gerade eine Phase der Gewichtshysterie und damit liegt die Infizierung durch irgendwelche Ernährungsberaterinnen (die selbst oft aus der Essgestörten-Ecke stammen!), vor allem im immer früheren Kindesalter, sehr nahe.

    Das Problem ist schon die Einstufung das das Gewicht ein Problem sei, denn zumeist ist das Gewicht selbst keine direkte Folge von Überernährung, sondern eine sekundäre Folge bestimmter Gene und radikalem Stress über Jahre und Jahrzehnte und Training anhand von Diäten. Ebenso gilt das mit anderer Genausstattung für das Untergewicht/Magersucht, nur sind hier einige Faktoren anders gelagtert.
    Psycho-sozialer Stress ist das größte Problem und durch die gesellschaftliche Konzentration auf die Gewichtsmaße. Dies wird den Kindern immer von Anfang an vermittelt nicht richtig zu sein, eine Last zu sein (für das Gesundheitssystem) für ihre Gelenke, für sich selbst, für die Familie. Ablehnung von Eltern gegenüber den Kindern, den jungen Erwachsenen und die Mediale Ausschlachtung des Schönheitsideals.

    Es finden so in jedem Körper auch Anpassungsprozesse statt. Über die HPA Achse wird Übergewicht durch Cortisol gefördert, allgemein sind die meisten Krankheitsrisiken, die dem Übergewicht in die Schuhe geschoben werden, Folgen von Streß und nicht Gewichtsschäden. Nicht etwas mehr Gewicht macht Gelenke kaputt, sondern der ständige Alarmzustand und Streßfaktor durch den höheren Streßpegel und damit die hohe Stresshormonbelastung. Das führt erst zu vermehrtem Essen und Trinken.

    Bei der Buliemie entsteht eine Lust am Essen, am gierigen Verschlingen und an der Selbstschädigung, dem Sado-Masochistischen Moment der Übertretung des Verbots sich selbst zu befriedigen und sich dafür gleichzeitig zu strafen.

    Bei der Magersucht ist der verinnerlichte Anpassungsdruck und die Reaktion durch Hungern anders, es führt auch zu Stress, aber irgendwie zu einer übermäßigen Ausschüttung von Endorphinen unter anderem Dopamin. Dadurch kann das zu einem sich selbst nährenden Kreislauf werden.
    ADHSler machen das höchstwarscheinlich wenn keine Komorbidität vorliegt mit dem Hungern wegen der Endorphine, eine angemessene Medikation dürfte die Probleme schnell lösen.
    Bei richtiger Magersucht ist das anders, da bleibt die Sucht nach der körperproduzierten Hungerdroge das Problem und dieser Suchtanker müsste aufgelöst werden, ist ein anderes Thema.

    Das Übergewicht bei ADHS kann aber auch anders entstehen, eben wenn Menschen mit typischer Gewichtszunahme bei Stressinduktion reagieren, werden sie dadurch auch ruhiger, sie können sich durch das Essen mit Dopamin etwas versorgen aber vor allem auch die Unruhe los werden, im Sinne der Selbstmedikation. Hier entsteht ddann auch schnell ein Kreislauf von übermäßiger Bedürfnisserfüllung, gerade nicht weil die Menschen Essüchtig wären, sondenr weil das Essen zu einer Selbstmedikation wird.

    Ist alles ein bischen Bruchstückhaft, mosaikartig, jedoch aus langer Erfahrung zusammengetragen und wichtig das Entscheider das Begreifen und nicht einfach das Übergewicht oder die Bulimie behandeln, sondern die tiefer liegenden Bindungsstörungen und Beziehungsstörungen, die eigentlichen Kränkungen beseitigen, den oft jungen Menschen beibringen, das sie nicht einfach nur Gegenstände sind, die herumgeschoben werden dürfen, sondern das sie Menschen sind,die einen Anspruch auf ein Selbst haben, auf eine Selbstverwirklichung und Anspruch auf ein Stück Glück und Erfüllung haben.

    Aber leider konterkariert das unsere Gesellschaft in zunehmendem Maße. Der moralische Verfall wird als Fortschritt verkauft, der Verlust von Bindung und Beziehung zur Moderne verklärt – Rücksichtslosigkeit zur Tugend erhoben und Opfertum zur Schuld stigmatisiert. Wie sollen Menschen da noch sich selbst kennenlernen und ihre Bedürfnisse angemessen ausleben? Selbst das wird ja heute mehr zu Markte getragen, denn es gibt eine ganze Industrie das künstliche Bedürfnisse erzeugtund Ersatzbefrieidigungen verkauft.

    MFG

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  • 15.02.2015 um 14:06
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    Das zeigt sehr schön, dass es im klinischen Alltag auch schon zu Zeiten des DSM-IV (und davor) selbst dann möglich war, eine ADHS-Diagnose zu stellen, wenn die Kriterien nicht vollumfänglich erfüllt waren. Es geht in der Praxis immer um Menschen und nicht um theoretische Diagnosen.
    Von einer Anhebung des Erstmanifestationsalters von „vor 7“ (DSM-IV) auf „vor 12“ (DSM-5) profitieren also bestenfalls die Forschung (und die Pharmaindustrie), nicht aber betroffene Frauen mit einer Essstörung. Hierfür sind alleine eine verbesserte Ausbildungs- und Versorgungssituation und damit mehr qualifizierte Fachpersonen und ADHS-Kompetenzzentren erforderlich.

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