ADHS – Extreme …. Schilderung der Medikationswirkung…

Aktuell arbeite ich in Bremen-Ost auf einer Station für Persönlichkeitsstörungen. Also meist Borderline-Patientinnen. Die Diagnose ADHS wurde in der Klinik bisher so gut wie nie gestellt. Dafür gibt es einige hundert Meter weitere eine ADHS-Ambulanz für Erwachsene. Aber Mitdenken, Diagnostizieren und Behandeln ist ja auch bei uns erlaubt und erwünscht. Auch wenn bisher ADHS oder gar Autismus-Spektrum Ausnahme-Diagnosen blieben.

ADHS Extreme

So wie es mir schon häufiger ergangen ist, erwarteten mich aber auf der „neuen“ Station dann so extreme Beispiele für das „Hyperkinetische Syndrom“, dass ich mich fragte, wie man daran vorbei schauen kann.

ADHS wird dann auch als Syndrom der Extreme oder aber der paradoxen Widersprüche (darf man das so schreiben oder wäre das ein weisser Schimmel?).

Auch wenn in meiner Online-Gruppe (und auch in meiner klinischen Arbeit) eher die „ruhigen“ Formen von ADHS / ADS / sluggish cognitive tempo dominieren, so gibt es sie doch auch : Die „Wilden“. Die Frauen und Männer, die quasi ungebremst durch die Autobahnen des Lebens rasen. (Und ganz nebenbei : Deren Lebenserwartung dann um 13 bis 21 Jahre verkürzt sein kann, wenn man Forschungen von Russel Barkley glaubt).

2 meiner total kindlich wirkenden Jungs (einer davon ein sehr klassischer Systemsprenger mit zig vergeblichen Jugendhilfemaßnahmen u.a. in Polen) sind da auch ein schönes Beispiel.

Die Gabe von 30 mg Elvanse beschrieb der eine als extremes Erlebnis : Es sei so wie auf einer mehrspurigen Autobahn vorher gewesen. Alle fahren zu schnell, drängeln, wechseln die Fahrspur. Verpassen dann die Ausfahrten (oder müssen halt auf der Autobahn umdrehen). So sei es vorher gewesen.

30 mg Elvanse hätten zu einem extremen Bremsen geführt. Quasi Vollbremsung. Weil jetzt sitzt er quasi nur in einem Fahrzeug. So langsam (obwohl er immer noch total beschleunigt unterwegs ist). Er sieht die Schilder, die Leitplanken, die Ausfahrten. Aber er muss erst lernen, sich dem fliessenden Verkehr anzupassen.

Er muss jetzt selber HANDELN, während er früher mehr oder weniger nur im Hier und Jetzt mitgetrieben wurde. Er war also eher Beifahrer in seinem eigenen Leben.

Das kann ganz locker und auch schön sein. Weil er ja eigentlich nie die Verantwortung für sein Leben übernehmen konnte bzw. musste. Was natürlich auch bedeutete, dass er ständig und immer wieder kritisiert wurde.

Er weiss noch nicht so richtig, welche Konsequenzen das dann später hat. Ob er das überhaupt will und kann, diese Verantwortung für sich selber. Schliesslich hat er sie nie gehabt, nie trainiert. Nie weiter entwickeln können.

Aber am Freitag berichtete er dann eben auch, dass es spannend werden könnte. Wenn er die richtigen Begleiter / Beifahrer an seiner Seite hat, die ihn unterstützen und auch ein wenig begrenzen und lenken. Nicht für ihn entscheiden, aber vielleicht mit ihm.

Welche Erfahrungen hast Du / haben Sie mit den Extremen von ADHS bzw. der ersten Einnahme von Methylphenidat / Lisdexamphetamin oder anderen Stimulanzien gemacht ? Und welche Hilfen gab es dann für die Einordnung dieser Erfahrungen ?


Diesen Text habe ich heute für meine Online-Gruppe geschrieben, die seit 15.1.2021 stattfindet und eine Mischung auf gegenseitige Unterstützung und Informationsvermittlung und konkrete Hilfen für den Umgang mit den Stärken und Besonderheiten der höheren Handlungsfunktionen bietet (Nähere Infos dazu unter winkler.orga(at)gmail.com



		

5 Gedanken zu „ADHS – Extreme …. Schilderung der Medikationswirkung…

  • 25.01.2021 um 02:44
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    Ohne Dr. Winkler würde es diese Antwort nicht geben.
    Kleiner geht es wirklich nicht.
    Wir haben uns im Sommer 2019 kennen gelernt und er war mein Psychiater und gleichzeitig Therapeut.
    Nach zwei Jahren schwerster Depression inkl. sehr hoher Suizidalität, vermuteter er eine andere Grunderkrankung und ich bekam erstmals 30 mg Elvanse, welches erst kurz zuvor in Deutschland zugelassen worden war.
    Und was dann geschah muss man als eine Art Wunderheilung betrachten, denn ohne genau zu wissen, was ich da jetzt bekommen hatte, war es so, das ziemlich genau nach einer Stunden nach der Einnahme ein unfassbar wohliger Schauer in meinem Rückenmark(ich konnte es förmlich spüren) bis in mein Gehirn kroch und auf einmal und alle gleichzeitig Millionen Lichter aufgingen und ich spürte, dass mein Hirn zum ersten mal in meinem Leben begann, das zu leisten, wozu es in der Lage war.
    Ich würde es eine Initialzündung die bis heute anhält. nennen.

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  • 23.01.2021 um 16:55
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    Weil Sie gerade von Ihrem neuen Arbeitsorganisation schreiben…wie häufig sehen Sie in der Praxis eine Komorbidität von BPS und AD(H)S? Manche Symptome sind bei beiden ja recht ähnlich…

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    • 24.01.2021 um 10:48
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      Wenn BPS Borderline heissen soll, dann ist es sehr häufig. Etwa 50 Prozent der Borderline-Störungen beruhen auf einer nicht erkannten Thematik aus dem Bereich ADHS / Neurodiversität bzw. emotionale Dysregulation.

      Wenn BPS Bipolare Störung heissen soll, ist es ähnlich. Aber nicht ganz identisch.

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  • 23.01.2021 um 13:15
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    Ich, männlich 63 Jahre alt.
    Nach langem Leidensweg, Depressionen, Ängste und ADHS Diagnose mit Mitte 50,dann in Frührente.

    Habe leider keine Stimulanzien vertragen. Medikament Venlafaxin zwischen 150 und 225mg.
    Mitte letzten Jahres ging gar nichts mehr.

    Aus Verzweiflung habe ich mir Strattera 25mg verschreiben lassen, nach einer ca. 5 Wochen Zeit mit Scheiß Nebenwirkungen vertrage ich es jetzt sehr gut.
    Nehme es jetzt seit ca. 8 Monate.
    Meine Wahrnehmung hat sich wohltuend verändert. Ich werde nicht mehr von Eindrücken überflutet ,und muss mich nicht mehr verkrampfen um mit meiner Wahrnehmung bei einer Sache zu bleiben.

    Ich bin sehr froh über diese neue Erfahrung, und es geht es mir erheblich besser.

    MFG Walter

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    • 23.01.2021 um 13:20
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      Das freut mich sehr. Gerade wenn eben die Begleit-und Folgestörungen wie Ängste / Trauma eine Rolle spielen, ist die Medikationseinstellung schwierig. Dann kann eben auch mal „weniger“ mehr sein.

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