Allgemein

Differenzierung von Angst und Furcht bei ADHS und Autismus: Symptome verstehen und behandeln

In der Verhaltenstherapie ist es von entscheidender Bedeutung, zwischen Angst und Phobien einerseits und den Symptomen von Erschrecken oder Reizüberflutung andererseits zu unterscheiden, insbesondere bei Patienten mit Autismus-Spektrum-Störungen (ASS) und Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS). Diese Differenzierung ermöglicht eine gezielte und effektive Behandlung, die auf die spezifischen Bedürfnisse der Patienten abgestimmt ist.

Dieser Artikel versucht die Differenzierung von typischen Angstsymptomen (im Sinne von phobischem Vermeidungsverhalten bzw. auch Angst vor der Angst) von den klasischen (aber unbekannteren) Symptomen von ADHS und Autismus-Spektrum mit „Dread“ = Furcht bzw.

Anxiety often involves cognitive fear about what might happen.
Dread is the anticipation of what you know will happen.
Megan Anna Neff

Angst bezieht sich oft auf die kognitive Antizipation (Vorwegnahme) von dem, was passieren könnte. Furcht ist die Erwartung dessen, was man weiß, dass es passieren wird. Megan Anna Neff betont diesen Unterschied, um die Art und Weise zu verdeutlichen, wie Menschen mit Angst und Phobien ihre Umwelt wahrnehmen und darauf reagieren.

Angst (Fear) ist eine emotionale Reaktion auf eine unsichere, potenzielle Bedrohung, die kognitiv antizipiert wird. Es handelt sich dabei um ein ungerichtetes Gefühl von Besorgnis oder Furcht vor möglichen zukünftigen Ereignissen, oft begleitet von körperlichen Symptomen wie erhöhter Herzfrequenz, Schwitzen und Zittern.

Furcht (Dread) hingegen ist die Erwartung einer bekannten Bedrohung oder eines bevorstehenden Ereignisses, das als sicher eintretend angesehen wird. Diese Art der Furcht ist spezifischer und intensiver, da sie sich auf ein Ereignis bezieht, von dem die Person überzeugt ist, dass es eintreten wird.

Phobien sind intensive, irrationale Ängste vor spezifischen Objekten oder Situationen. Diese Ängste werden kognitiv im Sinne von „Was wäre wenn“ antizipiert, was zu übermäßig wahrgenommenen oder verstärkten Stressreaktionen führt, die dann eine Angstreaktion und einen Teufelskreis der Angst auslösen. Die befürchteten Situationen treten oft nicht ein, doch die Vorstellung davon reicht aus, um starke Angstgefühle zu erzeugen.

Typische Merkmale von Angst und Phobien:

– Kognitive Furcht vor möglichen zukünftigen Ereignissen (Angst)

– Erwartung sicher eintretender Bedrohungen (Furcht)

– Starkes Vermeidungsverhalten

– Körperliche Symptome wie Herzklopfen, Zittern und Schwitzen

– Gedankenkreisen und übermäßiges Sorgen

Erschrecken und Reizüberflutung bei ASS und ADHS

Erschrecken und Reizüberflutung sind häufige Symptome bei ASS und ADHS und unterscheiden sich grundlegend von Angst und Phobien. Bei Menschen mit ASS und ADHS führen sensorische Überlastungen (Overload) bis hin zu extremen emotionalen und physischen Reaktionen (Meltdown). Diese Reaktionen sind nicht hypothetisch, sondern reale und oft unvermeidbare Erfahrungen, die durch eine Vielzahl sensorischer Reize ausgelöst werden.

Hierbei gelten die Regeln der Traumalogik: Erlebnisse, die zu intensiv, zu früh, mit Ambivalenz oder Ambiguität und ohne Schutz auftreten, werden wie eine Traumatisierung aufgenommen und oft nicht verarbeitet. Diese Erlebnisse können nicht verlernt werden, das heißt, die Gesetze der Lerntheorie in der Verhaltenstherapie greifen hier nicht. Im Gegensatz zu kognitiven Ängsten und Phobien, die durch gezielte Expositionstherapie behandelt werden können, erfordern traumalogische Reaktionen eine andere Herangehensweise.

Damit kommen wir zur wirklich schwierigen Frage, wie dann diese “Erschreckungen” bzw. Furcht vor realen Überreizungen bzw. Anpassungsanforderungen, die man gar nicht leisten kann bzw. sollte, von Symptomen einer PTBS bzw. Entwicklungstraumatisierung zu differenzieren wäre…

Ich denke, dass dies praktisch immer Hand in Hand geht, d.h gar nicht trennbar ist.

Besonders bei Erschrecken und Reizüberflutung treten häufig frühere Hilflosigkeitserfahrungen bzw. „Erschreckungen“ assoziativ auf. Diese Reaktionen dienen ursprünglich dem Überlebensschutz, indem sie auf Gefahren aufmerksam machen und schnelle Reaktionen ermöglichen. In neuen Situationen kann es jedoch dazu kommen, dass alle früheren Erschreckungen re-aktiviert werden. Dies führt nicht nur zu einer sensorischen Reizüberflutung, sondern auch zu einer emotionalen Überflutung. Die Betroffenen erleben die Situation ähnlich wie in der Kindheit, als sie schutzlos und hilflos waren.

Typische Merkmale von Erschrecken und Reizüberflutung:

– Überreaktion auf sensorische Reize (z.B. laute Geräusche, helles Licht)

– Plötzliche, intensive emotionale Reaktionen

– Schwierigkeiten, sich zu beruhigen und zu fokussieren

– Rückzug oder Vermeidung von sensorisch intensiven Umgebungen

– Assoziative Reaktivierung früherer Hilflosigkeitserfahrungen

– Gefühl der Schutzlosigkeit und Hilflosigkeit wie in der Kindheit

Klinische Implikationen für Verhaltenstherapeuten

Für Verhaltenstherapeuten ist es essenziell, diese Unterschiede zu erkennen und in der Behandlung zu berücksichtigen. Bei der Arbeit mit Patienten, die unter Angst oder Phobien leiden, sollten kognitive Verhaltenstechniken angewendet werden, die darauf abzielen, irrationale Gedanken zu identifizieren und zu verändern sowie schrittweise Exposition zur Desensibilisierung einzusetzen.

Für Patienten mit ASS oder ADHS, die unter Erschrecken oder Reizüberflutung leiden, sind hingegen andere Ansätze erforderlich. Da es für Erwachsene mit Autismus oder ADHS oft keine spezifische Integrationstherapie gibt, müssen alternative Methoden zur Anwendung kommen. Entspannungstechniken, eine strukturierte Umgebung sowie Psychoedukation können hilfreich sein, um die Belastung durch Reizüberflutung zu reduzieren und den Umgang mit sensorischen Reizen zu verbessern. Therapeutische Ansätze könnten sich auf die Verbesserung der Selbstregulation und den Aufbau von Schutzmechanismen fokussieren, um zukünftigen Overload-Situationen besser begegnen zu können.

Ich selber arbeite dann einerseits mit Psychoedukation im Sinne von Störungsbildteaching und Anpassung der Situation an die Person mit ihren Reizverarbeitungsbesonderheiten, so dass ständige Überlastungen mit einer nachfolgenden Veränderungserschöpfung nicht auftreten müssen. Daneben ar eite ich sehr gerne mit einer speziellen Adaptation von EMDR über innere Bilder und bilateraler Stimulation (Emoflex).

Wenn Autismus-Symptome der Furcht/Erschrecken bzw. Symptome der Reizoffenheit bei Reizfilterschwäche aus dem ADHS-Spektrum fälschlicherweise als Angststörung oder Soziale Phobie diagnostiziert werden und daraufhin Techniken der kognitiven Verhaltenstherapie (KVT) und Expositionstherapie angewendet werden, kann dies mehrere negative Folgen haben:

Negative Auswirkungen falscher Diagnosen und Therapien

  1. Verschlechterung der Symptome:
    • Sensorische Überlastung: Techniken der Expositionstherapie, die darauf abzielen, den Klienten schrittweise an beängstigende Reize zu gewöhnen, können bei Menschen mit Autismus oder auch ADHS zu einer Verstärkung der sensorischen Überlastung führen. Dies kann intensivere Meltdowns oder Shutdowns auslösen.
    • Emotionale Überflutung: Die wiederholte Konfrontation mit stressigen Situationen ohne angemessene Bewältigungsstrategien kann zu einer emotionalen Überflutung führen, die die Situation für den Klienten unerträglich macht.
  2. Verstärkung von Hilflosigkeitsgefühlen:
    • Frühere Traumata: Erschreckungserlebnisse, die mit früheren Hilflosigkeitserfahrungen verbunden sind, können durch Expositionen reaktiviert werden, was dazu führt, dass der Klient sich noch hilfloser und schutzloser fühlt.
    • Vertrauensverlust: Wenn die angewendeten Techniken nicht helfen, kann dies das Vertrauen des Klienten in die Therapie und den Therapeuten untergraben.
  3. Ineffektive Behandlung:
    • Nicht-Verarbeitung: Techniken der kognitiven Verhaltenstherapie, die auf das Umlernen von Ängsten abzielen, greifen bei traumalogischen Reaktionen und sensorischer Überlastung nicht. Die Symptome können nicht verlernt werden und die zugrunde liegende Problematik wird nicht adressiert.
    • Fehlende Anpassung: Autistische Menschen benötigen oft spezifische Strategien, die auf ihre individuellen sensorischen und emotionalen Bedürfnisse zugeschnitten sind. Standardtechniken der KVT sind oft nicht ausreichend angepasst.
  4. Erhöhte Belastung und Stress:
    • Dauerhafte Anspannung: Wiederholte Expositionen gegenüber stressigen Reizen ohne Erfolg können die dauerhafte Anspannung und den Stresslevel des Klienten erhöhen.
    • Burnout-Gefahr: Eine anhaltende Überforderung kann zu einem Burnout führen, der die allgemeine Lebensqualität und Funktionsfähigkeit weiter beeinträchtigt.

Zusammenfassung

Die Differenzierung zwischen Angst/Phobie und Erschrecken/Reizüberflutung ist entscheidend für eine effektive Verhaltenstherapie. Während Angst und Phobien oft durch kognitive und emotionale Prozesse verursacht werden, bei denen hypothetische Szenarien antizipiert und übermäßig verstärkte Stressreaktionen ausgelöst werden, resultieren Erschrecken und Reizüberflutung bei ASS und ADHS aus realen, sensorischen Überlastungen, die traumalogische Reaktionen hervorrufen.

Diese Reaktionen sind oft mit der Reaktivierung früherer Hilflosigkeitserfahrungen verbunden, was zu einer intensiven emotionalen Überflutung führt.

Eine präzise Diagnose und maßgeschneiderte therapeutische Ansätze sind notwendig, um die individuellen Bedürfnisse der Patienten optimal zu adressieren und ihre Lebensqualität zu verbessern. Indem Therapeuten den Unterschied zwischen kognitiver Angst und sensorischer Reizüberflutung verstehen, können sie effektivere und spezifischere Interventionen entwickeln, die das Wohlbefinden ihrer Patienten nachhaltig fördern.


Differenzierungsfragebogen: Angst/Phobie vs. Furcht/Erschrecken

Bitte beantworten Sie die folgenden Fragen ehrlich und so genau wie möglich. Der Fragebogen soll Ihnen helfen, zu erkennen, ob Ihre Symptome eher auf Angst/Phobie oder auf Furcht/Erschrecken zurückzuführen sind.

Teil 1: Kognitive Furcht (Angst/Phobie)

1. Haben Sie oft Angst vor Situationen oder Ereignissen, die in der Zukunft liegen könnten?

– [ ] Ja

– [ ] Nein

2. Denken Sie häufig über mögliche schlimme Szenarien nach, die eintreten könnten, obwohl sie unwahrscheinlich sind?

– [ ] Ja

– [ ] Nein

3. Vermeiden Sie bestimmte Orte, Personen oder Aktivitäten, weil Sie Angst vor möglichen negativen Erfahrungen haben?

– [ ] Ja

– [ ] Nein

4. Fühlen Sie sich oft unruhig oder besorgt, ohne dass es einen konkreten Grund gibt?

– [ ] Ja

– [ ] Nein

5. Haben Sie körperliche Symptome wie Herzklopfen, Schwitzen oder Zittern, wenn Sie an eine beängstigende Situation denken?

– [ ] Ja

– [ ] Nein

6. Kreisen Ihre Gedanken häufig um befürchtete zukünftige Ereignisse?

– [ ] Ja

– [ ] Nein

Teil 2: Erwartete Furcht (Furcht/Erschrecken)

7. Erleben Sie häufig intensive emotionale Reaktionen auf sensorische Reize (z.B. laute Geräusche, helles Licht)?

– [ ] Ja

– [ ] Nein

8. Haben Sie das Gefühl, dass bestimmte Situationen alte, unangenehme Erinnerungen oder Gefühle reaktivieren?

– [ ] Ja

– [ ] Nein

9. Fühlen Sie sich in bestimmten Situationen schutzlos und hilflos, ähnlich wie in Ihrer Kindheit?

– [ ] Ja

– [ ] Nein

10. Erleben Sie oft eine sensorische Überflutung, die zu einem emotionalen Zusammenbruch (Meltdown) führt?

– [ ] Ja

– [ ] Nein

11. Reagieren Sie übermäßig stark auf unerwartete Ereignisse oder plötzliche Veränderungen?

– [ ] Ja

– [ ] Nein

12. Haben Sie Schwierigkeiten, sich nach einer intensiven Reizüberflutung zu beruhigen und zu fokussieren?

– [ ] Ja

– [ ] Nein

Teil 3: Allgemeine Erfahrungen

13. Fühlen Sie sich häufig überwältigt von Ihren Emotionen und haben das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren?

– [ ] Ja

– [ ] Nein

14. Erleben Sie oft körperliche Symptome wie Übelkeit oder Schwindel, wenn Sie in eine stressige Situation geraten?

– [ ] Ja

– [ ] Nein

15. Haben Sie das Gefühl, dass Ihre Reaktionen auf stressige Situationen oft intensiver sind als die anderer Menschen?

– [ ] Ja

– [ ] Nein

Auswertung

Teil 1 (Angst/Phobie):

Wenn Sie die meisten Fragen in diesem Abschnitt mit „Ja“ beantwortet haben, könnten Ihre Symptome eher auf Angst oder Phobien zurückzuführen sein. Diese sind oft mit kognitiven Befürchtungen und irrationalen Ängsten verbunden, die zu Vermeidungsverhalten führen.

Teil 2 (Furcht/Erschrecken):

Wenn Sie die meisten Fragen in diesem Abschnitt mit „Ja“ beantwortet haben, könnten Ihre Symptome eher auf Furcht oder Erschrecken im Sinne von sensorischer und emotionaler Überflutung zurückzuführen sein. Diese Reaktionen sind oft mit früheren Hilflosigkeitserfahrungen assoziiert und können intensiv und überwältigend sein.

Teil 3 (Allgemeine Erfahrungen):

Die Fragen in diesem Abschnitt können allgemeine Hinweise darauf geben, wie intensiv und überwältigend Ihre Reaktionen auf stressige Situationen sind. Eine hohe Anzahl von „Ja“-Antworten hier kann darauf hinweisen, dass sowohl Angst/Phobie als auch Furcht/Erschrecken eine Rolle in Ihren Erfahrungen spielen.

Bitte besprechen Sie Ihre Ergebnisse mit einem Therapeuten, um eine genaue Diagnose und geeignete Behandlungsstrategien zu erhalten.

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