Die Verarbeitung von Emotionen: Neurodivergente Kinder verstehen
Warum wir manchmal traurig oder wütend sind: Eine kindgerechte Erklärung für neurodivergente Kinder und ihre Angehörigen
Einleitung
Willkommen zu diesem Blogbeitrag!
Dieser Artikel ist der 1. Versuch einer kindgerechten Beschreibung der emotionalen Herausforderungen, die viele Kinder und Jugendliche – insbesondere neurodivergente – erleben. Es ist jedoch ebenso wichtig, dass wir als Erwachsene, insbesondere Eltern, Lehrer, Erzieher, Therapeuten und Ärzte, diese Zusammenhänge verstehen. Nur so können wir unseren Kindern die Unterstützung bieten, die sie benötigen, um ihre Gefühle besser zu verstehen und damit umzugehen. Ich finde es verdammt schwierig, komplexe Dinge zu vermitteln. Kinder verstehen und erklären häufig viel besser als wir Ärzte oder Therapeuten (das habe ich u.a. in den Emoflex-Workshops erlebt bzw. auch auf Freizeiten für ADHS- und Autismus-Kindern und Jugendlichen). Daher habe ich es so geschrieben, wie es vielleicht ein Kind erklären könnte, wenn wir ihm zuhören und ihm oder ihr glauben würden, wie es sich fühlt. Es also validieren.
Nichts ist schlimmer, als die Sorgen und Erlebnisse des Kindes in Abrede zu stellen. Leider passiert aber genau das häufig auch oder gerade von Fachleuten, die es als Erzieher oder Lehrer eigentlich besser wissen müssten, ja sogar Kinder- und Jugendpsychiatern oder Therapeuten.
Zudem ist die Versorgungsrealität eine Katastrophe.
Das führt dazu, dass wir den Kindern wohl eher selber helfen müssen und ihnen Mittel und Tools zur Verfügung stellen sollten, wie sie mit ihren intensiveren Wahrnehmungen und einer anderen Art zu Fühlen und Wahrnehmungen zu verarbeiten umzugehen. Aus der Sicht des neurodivergenten Gehirns, nicht aus der deskriptiven Sicht von „Fachleuten“.
Hier also mein Versuch, eine Erklärung für die Verarbeitung von Emotionen und vielleicht später dann zu häufigen Sorgen und Ängsten und wie man damit umgehen kann.
Warum wir manchmal traurig oder wütend sind
Es gibt Zeiten, in denen wir uns traurig, wütend oder ängstlich fühlen und nicht genau wissen, warum.
Lass uns zusammen herausfinden, was in deinem wunderbaren Gehirn passiert, wenn du solche Gefühle hast.
Dein einzigartiges Gehirn und deine Gefühle

Stell dir dein Gehirn wie einen fantastischen Computer vor, der dir hilft zu denken, zu fühlen und Dinge zu tun. Zwei wichtige Dinge, die du dazu wissens olltest sind Dopamin und ein besonderes Netzwerk, das in deinem Gehirn arbeitet, wenn du gerade nichts Bestimmtes machst.
- Dopamin: Stell dir Dopamin wie kleine Helfer vor, die dir ein gutes Gefühl geben, wenn du etwas tust, das dir Spaß macht, wie ein Spiel spielen oder ein leckeres Essen essen. Manchmal arbeiten diese Helfer nicht richtig, und das kann dazu führen, dass du dich traurig oder unmotiviert fühlst.
- Das besondere Netzwerk im Gehirn: Dieses Netzwerk hilft dir, nachzudenken und dich an Dinge zu erinnern, wenn du nichts Bestimmtes tust. Wenn es nicht richtig funktioniert, kann es schwer für dich sein, mit deinen Gefühlen klarzukommen.
Deine Gene und deine Familie

Manchmal sind wir auf bestimmte Arten geboren, weil unsere Eltern uns bestimmte Eigenschaften weitergeben. Das nennt man Gene. Diese Gene beeinflussen, wie dein Gehirn funktioniert und wie du dich fühlst.
- Gene: Gene sind wie Baupläne, die bestimmen, wie dein Körper und dein Gehirn funktionieren. Einige Menschen haben Gene, die sie anfälliger für Traurigkeit oder Wut machen.
- Familie: Deine Eltern und deine Familie sind sehr wichtig für dein Leben. Sie können dir helfen, dich gut zu fühlen, aber manchmal können sie ungewollt dazu beitragen, dass du dich schlecht fühlst. Wenn Eltern gestresst sind oder nicht wissen, wie sie dir helfen können, kann das deine Gefühle beeinflussen.
Du als empfindlicher Seismograph

Stell dir vor, du bist wie ein Seismograph. Ein Seismograph ist ein Gerät, das Erdbeben misst. Er ist sehr empfindlich und nimmt die kleinsten Erschütterungen wahr. Du als empfindlicher Seismograph bemerkst sehr früh und intensiv Dinge, die um dich herum passieren. Wenn in deiner Umgebung etwas falsch oder beängstigend ist, nimmst du das sofort wahr, manchmal sogar bevor Erwachsene es bemerken. Und machmal wird dir dann nicht geglaubt, dass es für dich ein Alarmgrund gibt und du gar nicht wieder innerlich zur Ruhe kommen kannst.
Stress und Reizüberflutung
- Reizüberflutung: Stell dir vor, du bist in einer lauten Stadt wie New York. Überall sind Geräusche und Bewegungen, und es ist schwer, alles zu filtern. Du hast ein Gehirn, das alle diese Reize auf einmal aufnimmt und sie nicht gut filtern kann. Das bedeutet, du fühlst dich oft überwältigt und gestresst.
Was ist Stress?

Stress ist, wenn du das Gefühl hast, dass du zu viele Dinge auf einmal bewältigen musst und dein Gehirn und dein Körper überfordert sind. Jeder Mensch erlebt Stress unterschiedlich. Für empfindsame Kinder kann Stress durch laute Geräusche, helles Licht oder viele Menschen um sie herum besonders stark sein. Während andere Kinder vielleicht Spaß auf dem Spielplatz haben, kann es für dich überwältigend sein, weil dein Gehirn nicht so leicht abschalten und sich erholen kann.
- Individueller Stress: Wenn du empfindsam bist, können Dinge, die andere nicht einmal bemerken, dich sehr belasten. Ein lauter Raum, grelles Licht oder viele Menschen um dich herum können dafür sorgen, dass du dich gestresst fühlst. Dein Körper reagiert dann, als ob er sich in einer gefährlichen Situation befindet, auch wenn nichts Bedrohliches passiert.
- Nicht ernst genommen werden: Wenn du dann erzählst, was du bemerkt oder gefühlt hast, sagen die Erwachsenen vielleicht, dass du übertreibst oder dir keine Sorgen machen sollst. Du fühlst dich dann nicht ernst genommen und wirst noch unsicherer.
Schlechte Erlebnisse in der Kindheit
Manchmal passieren schlimme Dinge in unserem Leben, die uns sehr traurig oder wütend machen. Diese schlechten Erlebnisse können Sachen sein wie Streit in der Familie, jemand, der gemein zu dir ist, oder sogar schlimmere Sachen wie Missbrauch.
- Schlechte Erlebnisse: Diese Erlebnisse können dein Gehirn so verändern, dass du ständig in Alarmbereitschaft bist, als ob immer etwas Schlimmes passieren könnte. Das kann dazu führen, dass du dich oft gestresst fühlst.
Unterschied zwischen erlernten und erschreckenden Erfahrungen

- Erlernte Erfahrungen: Manchmal lernen wir, wie wir uns verhalten sollen, indem wir sehen, wie andere Leute sich verhalten. Zum Beispiel, wenn du siehst, dass jemand immer höflich ist und dafür gelobt wird, möchtest du vielleicht auch höflich sein.
- Erschreckende Erfahrungen: Erschreckende Erfahrungen sind sehr schlimme und beängstigende Erlebnisse. Diese Erlebnisse können so überwältigend sein, dass dein Gehirn Schwierigkeiten hat, sie richtig zu verarbeiten. Diese Erinnerungen können immer wieder zurückkommen und dich traurig oder ängstlich machen.
Es gibt einen Unterschied zwischen Angst und Furcht.
- Angst: Angst ist, wenn du dir Sorgen machst, dass etwas Schlimmes passieren könnte, auch wenn es noch nicht sicher ist. Es ist wie die Vorwegnahme von etwas, das vielleicht passieren wird. Zum Beispiel, du hast Angst, dass du einen Test nicht bestehst, auch wenn du noch nicht weißt, wie der Test ablaufen wird.
- Furcht: Furcht ist, wenn du weißt, dass etwas Schlimmes passieren wird und du es nicht verhindern kannst. Zum Beispiel, wenn du dich vor lauten Geräuschen fürchtest und weißt, dass es in der Pause auf dem Schulhof sehr laut sein wird. Du bist sehr reizempfindlich und bräuchtest eigentlich eine Ruhezone zur Erholung, aber die lauten Geräusche machen dir Angst und du weißt nicht, wie du dem entkommen kannst. Furcht ist also konkreter und unmittelbarer.
Wie Schlaf uns hilft

Schlaf ist sehr wichtig für unser Gehirn und unsere Gefühle. Besonders der REM-Schlaf, das ist die Phase, in der wir oft träumen, hilft uns, das, was wir am Tag erlebt haben, zu verarbeiten.
- Im Traumschlaf verarbeitet dein Gehirn die Erlebnisse des Tages. Es hilft dir, Gutes von Schlechtem zu unterscheiden und zu verstehen, was passiert ist. Wenn du nicht genug guten Schlaf bekommst oder wenn du schlimme Dinge erlebt hast, kann es schwer sein, diese Erlebnisse richtig zu
verarbeiten.
Was passiert, wenn man nicht genug Schlaf bekommt?
Wenn du zu wenig Schlaf bekommst oder nicht durchgehend schlafen kannst, hat das verschiedene Auswirkungen auf dein Gehirn und deine Gefühle:
- Weniger Geduld: Du wirst schneller wütend oder traurig, weil dein Gehirn müde ist und nicht richtig arbeiten kann.
- Schlechtere Konzentration: Es ist schwieriger, sich zu konzentrieren und Dinge zu merken.
- Mehr Stress: Dein Körper fühlt sich gestresster, weil er sich nicht genug erholen konnte.
Bei normalen Erlebnissen kann dein Gehirn diese trotzdem verarbeiten, aber es dauert länger und ist schwieriger. Wenn du erschreckende Dinge erlebt hast, kann dein Gehirn diese nicht richtig verarbeiten, wenn du nicht genug Schlaf bekommst. Die Erinnerungen an diese erschreckenden Erlebnisse können immer wieder zurückkommen und dich noch mehr belasten.
Zusammenfassung
Manchmal fühlen wir uns traurig, wütend oder ängstlich wegen Dingen, die in unserem Gehirn und in unserem Leben passieren. Dein Gehirn arbeitet mit kleinen Helfern wie Dopamin, und wenn diese nicht richtig funktionieren, kannst du dich schlecht fühlen. Deine Gene und deine Familie beeinflussen auch, wie du dich fühlst. Wenn du sehr empfindlich bist wie ein Seismograph, nimmst du viele Dinge wahr, die andere vielleicht nicht bemerken. Schlechte Erlebnisse in der Kindheit können dich für immer verändern, und es ist wichtig, dass du genug Schlaf bekommst, um diese Erlebnisse zu verarbeiten.
Indem du diese Dinge verstehst, kannst du besser damit umgehen und dir selbst und anderen helfen, sich besser zu fühlen.
Ich überlege, ob ich im Sommer 2024 noch einen weiteren Emoflex-Workshop anbiete, in dem diese Zusammenhänge vermittelt bzw. in einem sehr praxisnahen Ansatz zur Verarbeitung von Emotionen und erschreckten Erlebnissen wie im Traumschlaf dargestellt werden. Diesmal würde ich einen Online-Kurs am Wochenende anbieten, der von Freitag abends bis Sonntag am späteren Nachmittag gehen würde. Dieser Workshop richtet sich dann an Eltern von neurodivergenten Kindern, Jugendliche ab 14 jahren sowie interessierte Helfer wie Schulbegleiter, Alltagsassistenten, Erzieher und Lehrer, Ergotherapeuten oder auch Psychologen und Lehrer. Das Verfahren soll dann auch oder gerade zur Stressbewältigung und Schutz vor sekundärer Traumatisierung bzw. Caregiver-Burnout eingesetzt werden. Bei Interesse einfach eine Mail an webpsychiater@gmail.com schicken.


