ADHS: Genetik oder Umgebungseinflüsse?

Eigentlich sollte es in der modernen Psychologie kein Gegensatz mehr sein. Umso mehr erstaunen mich immer wieder giftige Kommentare, die an der neurobiologischen Existenz bzw. der genetischen Prädisposition bei ADHS zweifeln. Anhand von Krankenkassenunterlagen einiger Gesetzlicher Krankenkassen in Deutschland wurde nun der Anteil von eineiigen und zweieigen Zwillingen in der ADHS-Population nochmal untersucht bzw. der genetische Einfluss nochmal bestätigt. Siehe hier …

Ich habe gerade einen interessanten entsprechenden Vortrag zur Genetik der Anorexia nervosa gehört. Der genetische Anteil bei der Anorexie liegt bei .57
Das ist schon vergleichsweise viel, aber eben doch gemessen an den beschriebenen sehr hohen Anteilen bei ADHS (.7 bis .8) eben doch wenig. Immer wieder wird dann behauptet, dass das gemeinsame familiäre Umfeld diese Häufung erklärt. Aber genau das ist eben nicht der Fall. Zumindest nicht so einfach.

Neu für mich (im Bereich Essstörungen) war aber, dass bestimmte Gene (hier speziell am Beispiel des 5-HTT) im Zusammenspiel mit Umweltfaktoren bzw. Erziehungseinflüssen zu einem positiven oder negativen Effekt führen. So ist es beispielsweise so, dass das 5-HTT Gene (aus dem Bereich des serotonergen Systems) offenbar mitbestimmt, welchen Einfluss negative Life-Events bzw. Traumatisierungen auf das Kind haben. Die Ausprägung bzw. Funktion dieses Genes bestimmt dann in Abhängigkeit von der Häufigkeit oder Schwere von Stress bzw. Traumatisierungen, ob sich eine Störung im klinischen Sinne entwickelt. Oder ob das Kind bzw. ein Jugendlicher im Sinne von Resilienz vielleicht gut bzw. ohne Schaden mit diesen Ereignissen umgehen kann. Ohne dieses Genmerkmal allein führen Life-Events bzw. ungünstige Erziehungsmuster eben nicht zu einer Störung. Das wurde für Depressionen und eben die Anorexie nachgewiesen und eben auch für ADHS diskutiert. Hier gibt es also quasi eine gemeinsame Wegstrecke auf der genetischen Ebene für neuropsychiatrische Störungen.

Diese Empfindsamkeit (Sensitivität) für Umweltreize bzw. Stress oder Traumatisierungen kann aber auch positiv genutzt werden. Das Wissen um eine besondere Empfindsamkeit bzw. den Besonderheiten der ADHS-Konstitution innerhalb der Familie kann dann eben auch zu einer positiveren Einflussnahme auf das Kind bzw. sein Umfeld führen. Wenn das Kind vulnerabler für „negativen“ Stress ist, so würde eine positive Einflussnahme möglichst früh und möglichst kindgerecht eben auch zu einem „heilenden“ bzw. protektiven Einfluss führen können.

Ein Gedanke zu „ADHS: Genetik oder Umgebungseinflüsse?

  • 08.06.2013 um 16:29
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    Die Gene geben den Rahmen vor. Es mag nun sein, das einige räumliche Elemente dieses Rahmens quasi Defekt sind. Durch den Einfluss aus der Umwelt wird dies dann so oder so ausgebaut.

    Kann man sich wie eine Stadt vorstellen, die als Bauplan bereits im Gen enthalten wäre. Einige Straßen haben aber kleinere Fehler eingebaut, so das die zwischen den Straßen liegenden Bauflächen nur fehlerhaft bebaut werden können, wenn sie nicht besondere Pflege erhalten oder selbst dann wenn sie diese Pflege erhalten, gibt es substanzielle Bodenprobleme.
    Vielleicht sind Flächen vergiftet, oder anderweitig verkümmerte Zonen, auf denen nicht nur nicht belastbar gebaut werden kann, sondern nicht mal etwas wächst, wenn man hart an diesen Flächen arbeitet.
    So wie ein öder Wüstenlandstrich kaum ohne besondere Investition und massive dauerhafte Pflege in eine grüne Wachstumszone verwandelt werden kann, hungern einige Zonen im neuronalen Netzwerk entsprechend genetisch „programmierter“ Personen.

    Ähnlich kennen wir es von unserer ADHS: Mühsam errichtete labile Grundstrukturen, die bei anderen offenbar automatisch wachsen. Oft Mühsam erworbenes und schwerlich umgesetzes Wissen, während andere zwar ebenfalls nach individuellem Können und Mühen Wissen erwerben, aber es zumeist hinterher einfach unbewußt anwenden können wenn sie wollen, sobald es verinnerlicht ist.

    Ich hoffe es ist ein verständliches Bild.

    MFG

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