AVWS Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung

Seit einigen Tagen habe ich in meiner „Essstörungsgruppe“ eine erwachsene Patientin, bei der im Kindesalter durch die MH Hannover (Prof. Ptoc) eine zentrale auditive Wahrnehmungsstörung (heute wohl AVWS = auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung) diagnostiziert wurde. Damit ich es auch im E-Brief unbedingt richtig kodiere, hier die offizielle ICD-10 Nummer „F80.20“ und eine wie ich finde sehr informative Webseite zum Thema .

Bei der Patientin war es so, dass sie beim Richtungshören bzw. in den lauten Situationen des Klassenverbandes Probleme hatte, die Geräusche richtig zu orten bzw. zu „verstehen“. Das Hören an sich ist in Ordnung, das Verarbeiten der Informationen aber eben „langsamer“ bzw. gestört. Rein praktisch sah man es gestern: Mein Telefon (Handy) klingelte und sie ortete das Klingeln völlig falsch in der Richtung. Dann war sie irritiert, als sie das Handy sah.

Sie erzählte, dass sie aber eben nicht nur beim Hören Probleme beim Verstehen hatte bzw. hat. Das wiederum ist wohl ein wichtiger Unterscheidungspunkt zu ADHS bzw. anderen Wahrnehmungs- und Teilleistungsstörungen. Die „Defizite“ bei AVWS sind eben auf das Hören beschränkt. Beispielsweise beim Diktieren eines Textes. Wenn (wie bei mir in der Kindheit) aber beispielsweise das Schreiben eins Diktates noch soweit in Ordnung ging, dann aber beim Korrekturschreiben noch mehr Fehler als im ursprünglichen Diktat sind, liegt wohl ein anderes Probem vor.

Die Abgrenzung von ADHS (und anderen Lern- und Teilleistungsstörungen) zu AVWS ist nicht einfach, Überlappungen wohl häufig.

3 Gedanken zu “AVWS Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung

  1. Hallo,
    Ich kann das absolut bestätigen! Aber auch vice-versa! Bei der Diagnosestellung spielt natürlich die Einstellung des Diagnostizierenden eine ganz grosse Rolle!
    Als Eltern wird man da leicht beeinflusst und schnell ist man wieder bei der Glaubensfrage…

    Es gibt leider noch keine Statistiken dazu, (oder kennt jemand welche?) wie hoch der Anteil der Falschdiagnosen in den verschiedenen Richtungen ist.
    Klar sein sollte, dass bei auditiven und visuellen Störungen besondere Vorsicht angesagt sein sollte, da sich die auftretenden Symptome nicht nur oft mit ADHS-Symptomen decken, sondern bei einem vorliegenden ADHS auch mischen und deshalb eine Diagnose erschweren. Hier stellt sich oft die Frage nach der Henne und dem Ei…, was war zuerst da, welches Problem ist das grundsätzlichere?

    Unerklärlich für mich als Privatperson, Patient oder betroffenem Elternteil ist aber auch die mangelnde Zusammenarbeit der verschiedenen Fachrichtungen.
    Auditive und visuelle oder räumliche Störungen sind für verschiedene Fachrichtungen entweder Stiefkind, d.h., man hinterfragt hier nicht, sondern stülpt ADHS darüber, oder andersrum, man schliesst grundsätzlich ADHS aus, (weil es das ja gar nicht gibt…) und sucht ausschliesslich in diesen Bereichen.

    Für mich stellt sich die Frage, wie sollen Eltern oder Betroffene sich hier zurechtfinden, wenn sich noch nicht mal die Wissenschaft darüber einig ist, wie man das eine vom anderen trennen kann und schlussendlich doch alles nur eine Glaubensfrage bleibt?

    VG, Chris

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  2. Mir wurden schon einige Kinder mit der Diagnose AVWS vorgestellt, bei welchen sich dann herausstellte, dass den Problemen nicht eine AVWS, sondern eine bisher unerkannte ADHS zugrunde lag. Auffallend bei den Untersuchungsberichten war jeweils, dass von der spezialisierten Stelle offenbar nur nach dem möglichen Vorliegen einer AVWS gesucht wurde. Auf eine ganzheitliche und vor allem auch klinische Untersuchung des Kindes wurde in diesen Fällen verzichtet.

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  3. Hallo,
    ein ganz wichtiges Thema! Danke dafür, dass das mal jemand anspricht!
    Wie der Blick auf die angegebene Website zeigt, gibt es auch heute noch Schwierigkeiten mit der Bezeichnung dafür, bzw. man tut sich noch schwer damit, einen einheitlichen Begriff dafür zu finden und einzelne WS herauszufiltern und voneinader zu unterscheiden.

    Zitat:
    -Wenn (wie bei mir in der Kindheit) aber beispielsweise das Schreiben eins Diktates noch soweit in Ordnung ging, dann aber beim Korrekturschreiben noch mehr Fehler als im ursprünglichen Diktat sind, liegt wohl ein anderes Probem vor. -Zitatende.

    Meine volle Zustimmung! Jemand, der von einer AVWS betroffen ist, ist unfähig, sich selbst zu korrigieren. Somit wäre auch ein Diktat nicht halbwegs ordentlich hinzubekommen. Das betrifft aber nicht nur das Schreiben, sondern auch das Sprechen. Was üblicherweise zuerst einer typischen Dyslexie zugeordnet wird, (Buchstaben- und Silbenverwechslung), manifestiert sich bei einer AVWS nicht nur in der Schrift und dem Lesen (das wäre dann Dyslexie), sondern auch in der Sprache. Also sollte man hier weiter suchen.

    Dyslexieprobleme äussern sich in einer Verlangsamung des Schrift- und Leseerwerbs, hängen sehr oft mit einer visuellen und/oder räumlichen WS zusammen, daher die typischen Buchstabenverwechslungen und Unterscheidungsprobleme von z.B. b und p etc.
    Sobald sprachliche Probleme hinzukommen, sollte auch an eine AVWS gedacht werden.

    Dies äussert sich z.B. darin, dass ein Kind ausserstande ist, einen neu erlernten Begriff zu korrigieren.
    Beispiel: Reissverschluss oder Waschlappen. Mit der Silbenvertauschung, die daraus Schlussverreiss oder Laschwappen macht, wird leider noch zuoft einfach eine Dyslexie vermutet und eben auch entsprechend versucht, zu therapieren. Was oftmals wenig aussichtsreich ist, denn das Problem wurde nicht richtig erkannt. Eine Schrift- und Lesetherapie hilft herzlich wenig, wenn das Hörverständnis gestört ist.

    Bei der AVWS funktioniert die Verbindung zwischen Ohr und Gehirn nicht richtig, (ganz einfach dargestellt), ein neu erlernter Begriff wird im Gehirn gespeichert und so auch jedesmal abgerufen.
    Die Eigenkorrektur, die bei Dyslexie zu einem grossen Teil erlernbar ist, ist hier aber blockiert, weil die Wahrnehmung eine andere ist. Es nützt also nichts, einem Kind 1000x vorzusagen, dass es Reissverschluss und nicht Schlussverreis heisst, da muss das Hörverstehen quasi neu erlernt werden.

    Wenn jetzt noch AD(H)S dazu kommt, wird es mehr als schwierig zu unterscheiden, was im Grunde genommen das grössere Problem ist.
    Eine intensivere Differenzierung der verschiedenen WS wäre daher sehr von Vorteil, leider ist die Praxis oft noch eher ein grobes Schubladendenken.

    Um nochmal auf dein obiges Zitat zurückzukommen:

    Wenn du bei der Korrektur eines Diktates mehr Fehler als beim eigentlichen Diktat gemacht hast, warst du in der Lage, dazuzulernen, bzw. du hast probiert, es besser zu machen 😉
    Ein Kind, das auditive Probleme hat, kann seine Fehler definitiv nicht verändern, ADHS hin oder her, es muss ein neues Hörverständnis erlernen plus die passende Umsetzung davon. Ein Dyslektiker, der eher visuelle und räumliche WS hat, sieht ebensowenig seine Fehler, versteht also nicht, was an der Schreibweise falsch sein sollte und kann sich ebensowenig korrigieren.

    Eine gesteigerte Aufmerksamkeit hilft hier nur bedingt, kann evtl. auch kurzfristig vermeintlichen Erfolg vortäuschen. Auf die Länge gesehen ist dies aber falsch therapiert, da damit tatsächlich nur Symptome, aber nicht die Ursache davon angegangen wird. Wenn allerdings ADHS das grössere Problem ist, erreicht man hier mit der passenden Therapie recht schnell sehr gute Erfolge. M.M.n. werden die einmal gestellten Diagnosen im Verlauf der Therapie aber oft noch zuwenig hinterfragt, das mag auch ein Grund dafür sein, dass oftmals geglaubt wird, mit einer Dosiserhöhung der medikamentösen Therapie bekommt man das Problem in den Griff. Oder umgekehrt, wenn eine Dyslexietherapie nicht wie vorgesehen anschlägt, wird zuwenig nach anderen Ursachen gesucht, sondern (leider oft vergeblich) dort rumgebastelt und versucht, dies zu optimieren, was ebenso wenig nützt und wodurch viel kostbare Zeit fürs Kind verloren geht.

    VG, Chris

    PS: Sorry für die Länge, ich widerspreche damit meiner eigenen Empfehlung für Blogbeiträge, aber kürzer gings einfach nicht….;)

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