ADHS-App (4)

Teil 1 / Teil 2 / Teil 3

Der Kommentar von Chris bietet mir die Gelegenheit, auf einen wichtigen Punkt hinzuweisen. Und zwar nicht nur hinsichtlich einer möglicherweise einmal real werdenden ADHS-App, sondern auch zum Verständnis der ADHS generell. Chris schrieb hier unter anderem Folgendes:

2. Um das Interessantbleiben zu erhalten, kann man spielerische Aktzente einbauen, Niveau 1, 2, 3 etc. Das Problem ist, finden alle ADHSler das dann auch amüsant und motivierend? Welche spielerischen Akzente lassen sich einbauen? Nach welchem Vorbild? Angry Birds, Mario, Autorennen etc?

Richtig. Angry Birds, Mario, Autorennen und viele andere Games haben auch für viele Erwachsene eine stark stimulierende Wirkung.

Motivierend hingegen sind Games aber nie. Das können sie nicht.

Denn sie wirken immer nur so lange, wie man sich mit ihnen befasst. Schaltet man den PC oder das Smartphone aus, ist der Effekt weg. Das gilt übrigens auch beim Fernsehen.

Games sind genau genommen nicht nur nicht motivierend, sondern haben – das zeigen viele klinische Erfahrungen – auf viele Betroffene eine demotivierende Wirkung. Erst recht gilt das, wenn eine ADHS vorliegt. Games decken quasi künstlich das Bedürfnis, sich zu spüren und sich wohl zu fühlen ab, ohne das man im Leben etwas dafür tun muss. Der Hunger nach einem guten Gefühl wird, ähnlich einem Konsum einer Droge, quasi auf eine schnelle und bequeme Art gestillt. Und weil diese Kicks allseits verfügbar sind,  unkompliziert funktionieren und prima wirken, wird schon bei nächster Gelegenheit noch eine Runde gegamt. Games können das eh schwache Belohnungssystem von ADHS-Betroffenen also zusätzlich schwächen. Das ist vor allem bei Jugendlichen mit einer ADHS unbedingt zu berücksichtigen.

Was es in einer ADHS-App (und im Leben von ADHS-Betroffenen) braucht, sind Stimulatoren, welche den Stimulationshunger nicht direkt befriedigen, sondern wecken und vor allem nicht nur Moment ihrer Benutzung wirken. Sie sollen dazu beitragen, die Stimmung der Benutzer/-innen so anzuheben, dass Betroffene für Handlungen im realen Leben aktiviert werden. Und auf diesem Weg zu einem befriedigenden Gefühl gelangen (und eben nicht durch Pseudo-Erfolgserlebnisse, wie sie unter anderem Games ermöglichen). Die Wirkung von spielerischen Elementen in einer ADHS-App soll also nicht lähmen, sondern aktivieren. Das ist gemeint, wenn wir von „Vorglühen“ sprechen.

Zum Thema ADHS & Bildschirmmedien siehe unter anderem auch hier.

5 Gedanken zu „ADHS-App (4)

  • 14.09.2014 um 09:48
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    Schön das es nicht nur mir so geht. Ich hätte auch gerne eine App die alle Probleme löst, aber wie soll die App es schaffen mich davon abzuhalten die Prioritäten immer wieder zu hinterfragen und umzustellen? Oder wie soll sie es schaffen meine notorische Unruhe abzustellen? Oder wie soll sie es schaffen das meine Gedanken nicht permament springen? Ich habe keine großen Probleme die wichtigen Dinge in meinem Leben zu regeln. Meist auf den letzten Drücker, aber immerhin. Für mich ist das zentrale Problem nicht das wissen über sinnvolles, es ist das wirklich tun. Und ich habe bisher keinen glaubwürdigen Beleg gefunden das ADHSler sich das wirklich antrainieren können. Ich habe da eher die „mal wieder nicht geschafft“ Gefühle gesammelt.
    Geht es nicht vielmehr darum sich das Umfeld so zu organisieren das die größten Fallstricke vermieden werden? Also eher darum sich selbst genauer kennen zu lernen? Da hilft nach meiner Ansicht keine App, das wird nur gelingen wenn ein Coach als wohlwollender, aber auch kritischer Spiegel fungiert. Und das kann auch selbst ein Betroffener sein, aber wohl keine Computerprogramm.

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    • 14.09.2014 um 16:30
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      1. Die allerbeste ADHS-App wird eine qualifizierte Behandlung einer ADHS nicht ersetzen, sondern bestenfalls ergänzen können.
      2. Voraussetzung, dass eine ADHS-App hilfreich sein kann, ist natürlich eine befriedigend wirksame ADHS-Therapie
      2. Dieser Kommentar bringt mich zudem auf die Idee, dass eine ADHS-App kurze, aber klare Infos darüber enthalten müsste, was im Jahr 2014 unter einer fachgerechten ADHS-Abklärung und was unter spezifischen ADHS-Behandlung verstanden wird.

      Antwort
  • 14.09.2014 um 01:08
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    Was ich immer nicht nachvollziehen kann, ist die Sache mit der Belohnung. Schon als Kind waren mir Urkunden egal.
    Sogar in der VT wurde man damit genervt. Ich kauf mir doch nicht am Ende der Woche was Schönes zur Belohnung ( für was? ) wenn ich es genauso gut gleich machen kann…..und motivierend ist das schon gar nicht. Mein ADHS Kind ( Hypo) hat zwar gerne Sternchen und Co gesammelt, aber niemals eingetauscht. Und wenn es etwas blöd fand, haben auch Belohnungssysteme nix gebracht.
    Wenn es aber ein SELBST gesetztes Ziel hatte, hat es kein Belohnungssystem gebraucht. So geht es mir auch.
    Wenn MEIN Ziel ist, mein Leben besser zu organiseren, weniger chaotisch, muss sichtbar für mich sein, was ich konkret erreicht habe. Dafür brauche ich keine nicht mit dem Ziel in Verbindung stehende künstliche Marker wie Credits.
    Spiele sind übrigens nicht für alle ADHSler interessant. […] Mein Fazit: Belohnungssysteme werden überbewertet 🙂

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  • 14.09.2014 um 00:54
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    Wunderbar! Knapp daneben und irgendwie doch ein Volltreffer 😉
    Denn es ging mir darum, darauf hinzuweisen, dass eben die Art und Weise der Motivierung ein ganz zentraler Punkt für die Nützlichkeit und Bedienbarkeit einer solchen App ist!

    Cordula hat 2 ebenfalls sehr wichtige Punkte angesprochen:
    1. den Geräuschpegel, aber evtle. Geräusche lassen sich einfach abschalten, notfalls mit der Lautsprecher-Stummschaltung am PC oder Handy.
    2. den für sie wünschenswerten Supervisor oder Rückmeldungen von Mitbenutzern.
    Wer soll der Supervisor sein? Sind Rückmeldungen von Mitbenutzern wirklich hilfreich?
    Mir fällt dazu einfach immer wieder der Spruch ein:“ein Blinder führt einen anderen Blinden über die Brücke. “ Bei ADHS können Zuspruch und Ratschläge oder auch Trost von anderen Betroffenen ganz sicher hilfreich sein, aber dies ist nicht im Sinne einer App. Machbar wäre es sicher, aber eine App hat ein Ziel als Vorgabe und sollte sich darau beschränken, ohne weitere Möglichkeiten zur Verzettelung anzubieten.

    Darüber hinaus besteht die zentrale Frage noch immer darin, wie und mit welchen Mitteln kann man mittels einer App ADHS-ler motivieren, an einem Programm teilzunehmen, ohne dass dieses in die Spiele-Kategorie abrutscht?

    Das „Vorglühen“ habe ich schon richtig verstanden, kann es aber bisher noch nicht in Bezug mit einer App bringen. Sämtliche Lernprogramme, egal welcher Art, setzen bisher auch spielerische Akzente und Anreize ein, eben in Form von Spielen, like Angry Bird oder Mario.
    (war nur ein Beispiel!)
    D.h., die momentan einzige Lösung bzw. Motivation, auch bei Lernspielen, ist das Erreichen verschiedener Levels. Die bestehen aber bisher auch bei wirklich professionellen Lernprogrammen aus Spielen der vielfältigsten Art zur Belohnung.

    D.h., es gilt hier, eine neue Art der Belohnung und auch Motivierung nicht nur zu entdecken, sondern auch App-gerecht zu entwickeln.
    Bonne chance! Es ist vermutlich nicht unmöglich, aber sicher kein Projekt, das auf die Schnelle entwickelt werden kann!

    VG, Chris

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  • 12.09.2014 um 13:44
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    Eine ADHS-App muss auf jeden Fall „multimodal“ wirken, d.h. Anreize / Rückmeldungen auf verschiedenen Kanälen geben. Wechselnde Optik ist ein wichtiger Punkt, den hat Piero ja eingangs genannt. Die Auswahl der Geräusche zu den einzelnen Aktionen dürfte ebenfalls wichtig sein, auch wenn ADHSler als „Augentiere“ gelten. Levels, Credits, Items zu sammeln ist ebenfalls belohnend und befriedigend. Eine wie auch immer geartete Rückmeldung von Mitspielern oder einem „Supervisor“ würde auch helfen.

    Die App über ihr Abschalten / Ausblenden hinaus interessant zu halten, schaffen ja auch viele Computerspiele, indem z.B. in virtuellen Gärten ein Hintergrundprozess angestoßen wird, nach dessen Ergebnis es sich später zu schauen lohnt. Ähnlich könnte eine App mit Beginn einer Aufgabe mit der Produktion einer virtuellen Überraschungsbelohnung beginnen, die sich der Anwender abholen kann, wenn er seine Aufgabe im echten Leben erledigt hat.

    Ich selbst habe keine ADHS, würde aber von so einer spielerischen App sicher ebenfalls enorm profitieren. Derzeit muss ich mir meinen Rhythmus aus Arbeit und Farm-Spiel auf dem Smartphone selbst schaffen.

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