Ausbildungsprobleme bei jungen Erwachsenen mit ADHS-Vergangenheit

Ich beantworte ja sehr gerne auf dem Frageportal Justanswer Fragen von Betroffenen und auch Angehörigen. Heute tauchte eine Frage auf, die von einer anderen Kollegin dann beantwortet wurde. Meine Antwort wäre wohl etwas anders gewesen. Daher veröffentliche ich Sie mal hier …

Frage einer Mutter :
Guten Morgen, ich brauche Hilfe. Mein Sohn 18 Jahre Jung leidet zusehend an Panikattacken und Angstzuständen. Er erbricht sich mehrmals bevor er in der Früh ins Ausbildungsbetrieb geht und hat Durchfall. Am Abend geht Max um 20-21 Uhr ins Bett, damit er ausgeruht ist. Schlafen kann er jedoch nicht. Wir wissen den Grund. Sein Chef verlangt viele Überstunden (bis Dezember circa 150), er hat Max schon oft vor der gesamten Belegschaft beschimpft, dass er ein Idiot ist und so weiter. Ich habe große Angst um meinen Sohn, er hat schon mal Suizidgedanken in der Grundschule gehabt als man bei Max ADHS festgestellt. Was kann ich für ihm tun?“

Grundsätzlich werden die lebenslangen Auswirkungen einer ADHS-Veranlagung in der Kindheit für die spätere Ausbildung und Berufstätigkeit unterschätzt. Als ADHS-Mutter bzw. Eltern werden Sie wissen, dass Ihr Sohn besondere Stärken, aber eben auch teilweise Probleme im Bereich der Selbstständigkeit und Strukturierung hat. Zudem wissen wir, dass nicht nur die Reizoffenheit bei Reizfilterschwäche mit dadurch bedingter Ablenkbarkeit und Konzentrationsproblemen bzw. Problemen im Gedächtnis zu Problemen führt, sondern vor allem die Entwicklungsverzögerung in der Selbstständigkeitsentwicklung. Hier spielen eine ganze Reihe von höheren Hirnfunktionen eine Rolle, die „man“ für die eigenverantwortliche Regelung des eigenen Lebens und für eine Ausbildung bzw. Berufstätigkeit braucht.

Nun ist es so, dass Eltern Ihre Söhne und Töchter häufig wie eine Art „Kameltreiber“ zu Hause aktivieren bzw. steuern (z.B. morgens Aufstehen, Ordnung halten, Mappenführung, Termine erinnern), was dann aber in einer Ausbildung nicht gelingt.

Bitte : Vermeiden Sie, eine Krankschreibung bzw. Herausnahme aus dem Konflikt, sondern suchen Sie eine aktive Lösung mit dem Betrieb. Würde er krankgeschrieben, würde der letzte Rest an Selbstaktivierung und Tagesstrukturierung noch verloren gehen. Eine Lösung bzw. Veränderung ist aber innerhalb von 2 Wochen nicht realistisch möglich (allein einen Termin bei einen Facharzt erhalten sie frühestens in Monaten). Es geht also darum, langfristige Lösungen und Veränderungen zu erzielen, die auf die Regulations-und Wahrnehmungsbesonderheiten von ADHSlern Rücksicht nehmen.

Es ist dann zu hinterfragen, ob Ihr Sohn nun im klassischen Sinne eine ANGST-Störung hat oder aber eben REAL bestimmte Anforderungen am Arbeitsplatz nicht leisten kann (oder sich gar nicht daran erinnert, dass er sie leisten muss). Anders ausgedrückt : Nicht selten sind es eher Überforderungssymptome, die dann zu körperlichen Symptomen wie Erbrechen auf dem Weg zur Arbeit, Durchfall, Schwitzen, Schwindel etc führen. In der Folge tritt dann ein Vermeidungsverhalten bzw. zunehmende Krankschreibungen auf, da ja objektiv gesehen körperliche Beschwerden bestehen und eine Belastbarkeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt nicht besteht.

Gerade heute habe ich eine interessante Übersicht gelesen, was so 18 Jährige denn theoretisch und praktisch können müssten, wenn es um die Selbstständigkeit geht.
1. Ein 18- Jähriger müsste mit Vorgesetzten bzw. Mitarbeitern angemessen Reden und Zuhören
2. Ein 18- Jähriger müsste sich selbstständig zum Arbeitsplatz finden bzw. dort zurecht finden und ggf. aktiv Nachfragen
3. Ein 18- Jähriger müsste mit Aufgabenlisten, Terminen und Verschiebungen bei der Arbeit klar kommen bzw. ggf. Probleme frühzeitig benennen
4. Ein 18- Jähriger müsste sich aktiv an den alltäglichen Aufgaben des Haushaltes beteiligen
5. Ein 18- jähriger müsste zwischenmenschliche Konflikte mit Kollegen und Vorgesetzten erkennen und angemessen regeln können
6. Ein 18- jähriger müsste mit Hoch- und Tiefphasen (Stimmungsschwankungen, Lustlosigkeit, Probleme der Selbstaktivierung) umgehen können
7. Ein 18- jähriger müsste selber Geld verdienen und dieses auch einteilen können
8. Ein 18- järhiger müsste Risikosituationen und Konflikte frühzeitig erkennen und ihnen aus dem Weg gehen können

Ich habe selber schon an Workshops für ADHS-Jugendliche teilgenommen, die eine Art Vorbereitung auf das Erwachsenenwerden zum Thema haben (bei Tokol.de im Jugendgästehaus in Laubach).
Leider macht es sehr wenig Sinn, nun darauf zu setzen, dass der Junge zur „Vernunft kommt“ bzw. über eine normale Verhaltenstherapie seine Angst überwindet. Auch eine Klinikbehandlung über 6 oder 12 Wochen wird das Problem selten verändern. Es geht ja gerade darum, dass grundlegende Voraussetzungen für die Selbstständigkeitsentwicklung aufgrund der ADHS-Konstitution nicht vorhanden sind.

Anders ausgedrückt : Die Voraussetzungen und das Vermitteln von „Struktur“ und Selbstregulation und Selbststeuerung müssten viel früher im Elternhaus, in Sportvereinen oder anderen sozialen Gruppen erfolgen.

Dennoch sehe ich aus Voraussetzungen :

1. Eine störungsspezifische Hilfe muss vorhanden sein.
Auch wenn nicht alle ADHS-Jugendlichen und Erwachsenen eine Medikation benötigen : In dieser Situation wäre es fahrlässig, nicht auf die Medikation als eine Art „Selbstkontroll-Brille“ zu setzen. In meinem vorherigen Blog-Beitrag habe ich auf die Zusammenhänge von Sozialer Angst und ADHS hingeweisen. Und viele Ärzte bzw. Therapeuten würden nun bei Vorliegen einer Panikstörung ganz sicher nicht auf die Idee kommen, einen Therapieversuch mit Methylphenidat oder Amphetaminen vorzuschlagen. Und zwar aus dem Grund, dass ja dadurch der Teufelskreis der Angst durch die Aktivierung des vegetativen Nervensystems (zumindest vorrübergehend) erhöht und damit die Wahrscheinlichkeit für Panikattacken theoretisch erhöht wird. In der Praxis ist das aber selten bis nie der Fall.

Daher : Erneute Vorstellung bei einem Experten für ADHS im Erwachsenenalter mit der Fragestellung : Ist eine Medikation indiziert.

2. Coaching / Eingliederungshilfe / psychologisch-funktionelle Ergotherapie mit Schwerpunkt ADHS im Erwachsenenalter
Wenn eine Medikation besteht, ist häufig eine äußere Strukturvorgabe bzw. eine Art Lotsenfunktion erforderlich. Dies wäre über Coaching, eine ambulante Betreuung bzw. seltener auch über eine spezielle Ergotherapie für Erwachsene mit ADHS möglich. An dieser Stelle lasse ich mal das Problem aus, wo man diese Hilfe bekommt, ob es sie gibt und wer sie finanziert.

Fakt ist : Sie müssen eine Lösung finden, dass die äußere Struktur nicht von Ihnen als Mutter, sondern von einer anderen Person überwacht und kontrolliert wird

3. Berufsbildungswerk / Kolleg oder andere Maßnahmen der beruflichen Teilhabe

Wie Sie vermutlich selber gemerkt haben, liegt nicht ein Mangel an Willen, sondern ein Mangel an Umsetzen vor. Es gibt spezielle Berufsbildungswerke bzw. Berufsförderungswerke, die sich speziell auf die Anforderungen und Stärken von ADHSlern spezialisiert haben. Hier wäre beispielsweise Hamburg eine gute Anlaufstelle.

Könnten Sie zu dem Kinderarzt bzw. Kinderpsychiater wieder Kontakt aufnehmen, der die ADHS-Diagnose gestellt hat ?

3 Gedanken zu „Ausbildungsprobleme bei jungen Erwachsenen mit ADHS-Vergangenheit

  • Pingback: Markierungen 01/27/2016 - Snippets

  • 26.01.2016 um 15:48
    Permalink

    Vorab, Ihre Antwort halte ich durchaus für richtig und möchte diese nur ergänzen.

    Was mir in der Antwort fehlt: Der Chef benimmt sich offenbar wie ein Tyrann. Die Ausbeutung von Auszubildenden ist heute ein Geschäft für viele Arbeitgeber geworden, das auf Einseitigkeit ausgerichtet ist. Ausbildung selbst findet immer weniger statt. Überstunden bis der Arzt nötig wird ist nicht mit der Ausbildungsverordnung insbesondere nicht für Heranwachsende vereinbar – Nein, auch nicht wenn diese schon Volljährig sind! Die Ausbildung bleibt ein geschütztes Verhältniss zu Gunsten des Auszubildenden!
    In manchen Bereichen wie z.B. Gourmet-Küchenausbildung gehört das „Brechen“ der Azubis sogar zur Ausbildungsstrategie, grober Umgangston in manchen Bereichen des Handwerks zur bedauernswerten Normalität. Das rechtfertigt jedoch kein Terrorregime gegenüber Auszubildenden und dauerhafte Demütigungen im Betrieb. Azubis sind weder fertige Erwachsene noch sind sie fertige Arbeitskräfte und ihre Fehler gehören zur Ausbildung und zum Lernprozess dazu.

    Es gibt rechtliche Grenzen der Zumutbarkeit von Arbeitszeiten und es gibt Grenzen dessen, wie Chefs mit Mitarbeitern umgehen dürfen, vor allem wenn diese noch nicht mal wirklich Erwachsen sind und sich noch in Ausbildung befinden. Das Problem ist natürlich, das das Einschalten eines Rechtsbeistands die Situation verschärfen wird und etwaiges Mobbing durch den Chef warscheinlich verstärkt. Aber: Auch das gehört zum Erwachsen werden dazu und zur notwendigen Erfahrung GERADE eines ADHSlers das er sich nicht alles bieten lassen sollte! Es wäre durchaus ratsam das auch hier das Aufsuchen eines Rechtsbeistands, die Auslotung der maximal zumutbaren Wochenarbeitszeit und Überstunden und diese einzuhalten gefördert wird und damit dem werdenden Erwachsenen Selbstachtung und Konfliktverarbeitungsstrategien an die Hand gegeben werden. Die setzen sich nicht alleine im Aushalten jedweder Mißhandlung und Ausbeutung zusammen, nicht nur im Austarieren der medikamententösen Potentiale sondern auch in der angemessenen Wehrhaftigkeit gegenüber den einzelnen Rechtssubjekten mit denen jeder im Laufe seines Lebens konfrontiert ist.
    Vor dem Rechtsbeistand sind Schlichtungsversuche durch die Ausbildungsbetreuung der IHK sehr ratsam. Schlimmstenfalls kann dem Betrieb sogar die Ausbildungserlaubniss entzogen werden um heranwachsende Auszubildende vor dem Mißbrauch durch Ausbeuter zu schützen, das wäre für denselben durchaus mit Kosten verbunden, die er sicher nicht gerne zahlen möchte.

    Fazit; Sie haben völlig Recht das man nicht bei jedem Problem die externen Strukturen, die ADHSlern besonders nutzen auflösen sollte, ja sogar sie auch vorübergehend unter ungünstigsten Bedingungen versuchen sollte diese zu erhalten. Dies darf aber nicht dauerhaft über das Hinausgehen, was für das einzelne Individuum erträglich ist. Es braucht auch nicht über das hinaus akzeptiert werden, was gesetzlich vorgeschrieben ist und auf Dauer dann zu Lasten der Betroffenen geht. Mobbing/Bossing selbst führt geradewegs in schwerste stressinduzierte Gesundheitsprobleme, da hilft auch bei ADHS keine noch so gute medikamentöse Behandlung mehr. Das sollte auch ein Mediziner in so einem Fall berücksichtigen.

    Beste Grüße

    Antwort

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