Zum Strickmuster von „adhs-schweiz.ch“

Im Netz existieren zahlreiche Seiten zur ADHS, welche die Existenz dieses Störungsbildes verneinen. Zu diesen Websites zählt  www.adhs-schweiz.ch. Passend zum Thema „Konsensuserklärung“ hier ein gekürztes Reprint eines Postings zu dieser Internetseite aus unserem Blog von 2008:  

Um den Sinn und das Wesentliche eines Gedichtes, eines Romans, eines Films oder eben auch einer Website aufschlüsseln und verstehen zu können, muss die Aufmerksamkeit nicht nur auf das „Was“ (= Inhalt), sondern auch auf das „Wie“ (= Form) gerichtet werden. Nicht immer sind es die Inhalte, welche das Sinnstiftende eines Textes ausmachen.

Genau das ist der Fall bei adhs-schweiz.ch: Bei der Lektüre von Texten dieser Website imponiert in erster Linie die Schreibweise, durch welche die Sinnzusammenhänge und Botschaften erzeugt wurden (und werden). Evident erscheinen also weniger die einzelnen inhaltlichen Aussagen, sondern das formale Muster, welches den Betreibern als Grundgerüst ihrer Website dient.

Art und Weise, wie auf adhs-schweiz.ch die inhaltlichen Bausteine zu einem Sinnzusammenhang und damit zu einer Botschaft zusammengefügt werden, beruhen im Kern auf einem relativ einfachen Strickmuster. Die Website von adhs-schweiz.ch lebt nämlich von künstlich aufgebauten Gegensätzen:

  • Biologisierung (ADHS-Verhalten = hirnorganische Stoffwechselstörung = Reduzierung menschlichen Fühlens, Denkens und Handelns) vs. Verständnis des Menschen als soziales Wesen.
  • „Rein organische Erklärungslinie“ vs. Einbezug psychologischer Faktoren.
  • Biologische vs.  psychologische, entwicklungspsychologische, bindungstheoretische, tiefenpsychologische, psychodynamische Erklärungsansätze.
  • Krankheit vs. „Fehlhaltungen“ und „Irritationen“.
  • Ritalin vs. Beziehung und Verstehen.
  • Chemie vs. Erziehung usw.

Die Website adhs-schweiz.ch teilt durch dieses Strickmuster unendlich komplexe biologische, entwicklungspsychologische und gesellschaftliche Zusammenhänge auf in Richtig und Falsch, Gut und Böse, Innen und Aussen. Dieser Diskurs, der sich wie ein roter Faden durch viele Texte dieser Website zieht, vermittelt verunsicherten Leserinnen und Lesern Klarheit, Ordnung und Orientierung. Allein schon durch diese formale Strukturgebung erreicht adhs-schweiz.ch, dass ein Teil der ratsuchenden Leserschaft sich zuerst einmal spontan entlastet und aufgehoben fühlt.

Die Betreiber von adhs-schweiz.ch praktizieren diesen Spaltungsdiskurs dermassen konsequent, dass sie selbst zum Opfer ihrer eigenen Strategie werden. Beispiel: Auf adhs-schweiz.ch werden namentlich genannte ADHS-Fachpersonen angeprangert, weil sie in eigener Initiative und aus dem Motiv der Redlichkeit und Transparenz heraus mögliche Interessenskonflikte offenlegen. Geradezu absurd ist nun, dass adhs-schweiz.ch nicht nur ihre eigenen Interessensverflechtungen bedeckt hält (wer finanziert eigentlich adhs-schweiz.ch?), sondern komplett anonymisiert auftritt (Anmerkung: bis heute ist der Betreiber von adhs.schweiz.ch anonym).

Wenden wir uns den Inhalten von adhs-schweiz.ch zu: Etliche der auf dieser Website postulierten Kernaussagen und Zusammenhänge erachte ich für verkehrt. Über weite Strecken enthält diese Website aber auch Aussagen, welchen vielen halbwegs vernünftigen Fachpersonen und kritischen Eltern wohl bewusst sind:

  • Ja, es ist tatsächlich ein Problem, dass die ADHS-Forschung in erster Linie von Geldern der Pharmaindustrie lebt.
  • Und ja, bindungstheoretische und psychodynamische Fragestellungen wurden im herrschenden ADHS-Diskurs bisher weitgehend ausgeklammert.
  • Und noch einmal ja: das Verstehen einer Kindes in seinen zwischenmenschlichen Bezügen und Fragen der Erziehung sind für das Verständnis und die Therapie von ADHS-Kindern von elementarer Bedeutung.

Ganz speziell am „Strickmuster“ von adhs-schweiz.ch ist nun, dass es den Betreibern im Grunde genommen gar nicht um diese Inhalte und Aussagen, um ADHS oder um Menschen geht. Die teilweise ja ganz vernünftigen Contents dieser Website dienen allein einer Verteidigungsrede des Guten gegen das Böse. Die von adhs-schweiz.ch praktizierte konsequente Aufspaltung in Richtig und Falsch und Gut und Böse setzt nämlich zwingend voraus, dass die Betreiber davon ausgehen, die Wahrheit zu besitzen (nur wer diese Position beansprucht, erfüllt die Voraussetzung, um über Richtig oder Falsch urteilen zu können). In apologetischer* Manier schliesslich verteidigt adhs-schweiz.ch die Wahrheit gegen das Unwahre und Böse. Sie tut dies in einer Art, wie wir es auch von anderen fundamentalistischen Gruppierungen kennen**.

Es geht also einzig um die Verteidigung der Wahrheit. Und die Wahrheit wird nicht diskutiert. Nirgends. Auch nicht bei adhs-schweiz.ch. Ein Dialog mit den Betreibern ist nicht möglich, weil er gar nicht nötig ist. Folgerichtig existiert nicht nur kein Forum, sondern nicht einmal ein Impressum.

Würde es adhs-schweiz.ch ernsthaft um eine angemessenere Sichtweise der ADHS und um eine optimalere Versorgung der Betroffenen gehen, würde sie in einer offenen Haltung die Diskussion über ihre Positionen und Thesen fördern. Sie würde versuchen, Zustimmung auch von externen Fachpersonen zu gewinnen. Aber nein: bei adhs-schweiz.ch haben weder Diskussionen noch Kritik Platz. Noch einmal: über die Wahrheit wird nicht diskutiert.

Wenn es den Betreibern von adhs-schweiz.ch also gar nicht um die ADHS geht, worum dann? Was nützt Ihnen dieser Diskurs? Warum grenzen sich die Betreiber dermassen nach aussen ab? Ich weiss es nicht. Leider kann ich den Webmaster nicht fragen.

Schade finde ich die ganze Geschichte vor allem auch deshalb, weil ich zahlreiche der von adhs-schweiz.ch portierten Themen interessant und durchaus diskussionswürdig finde.

Fazit: Ja zu kritischen Positionen und konstruktiven Auseinandersetzungen in der ADHS-Diskussion. Aber so bitte nicht. Wir stehen in all den Fragen rund um Verhaltensprobleme und psychischem Leid von Kindern, den Erziehungsfragen, den Sorgen um die Einflüsse von Bildschirmmedien usw. doch vor so grossen Herausforderungen, dass wir die Kräfte bündeln müssten. Mit dem Anzetteln von fundamentalistischen Grabenkämpfen werden Ressourcen unnötig verpufft.

In diesem Sinn laden wir die Betreiber von adhs-schweiz.ch ein, sich zu outen und mit uns und anderen Interessierten in einen sachlichen Dialog einzustimmen.

* Wikipedia: Apologetik (aus dem griechischen ἀπολογία apologia, „Verteidigung, Rechtfertigung“) bezeichnet die Verteidigung einer (Welt-)Anschauung, insbesondere die wissenschaftliche Rechtfertigung von Glaubens-Lehrsätzen (…)

** Wikipedia: Fundamentalismus (von lateinisch fundamentum – Unterbau, Grund, Fundament) ist eine Überzeugung oder soziale Bewegung, die ihre Interpretation einer inhaltlichen Grundlage (Fundament) als einzig wahr annimmt. Fundamentalismus wird durch eine stark polarisierte Auslegung einer Letztbegründung umgesetzt (…)

Ein Gedanke zu „Zum Strickmuster von „adhs-schweiz.ch“

  • 24.02.2012 um 00:55
    Permalink

    Um das Strickmuster zu vervollständigen, möchte ich noch anmerken, dass damals massiv versucht wurde, systematisch und mittels fast identischen web-adressen damals bestehene Foren und Webseiten zu ADHS den Besucherstrom abzustellen, bzw. umzuleiten.
    Die Web-adresse vom früheren Forum von Piero Rossi lautete adhs.ch, daraus wurde adhs-schweiz.ch gemacht.
    Nach demselben Strickmuster wurden auch diverse deutsche Webseiten und Foren konkurrenziert. Ein Schelm, wer dabei Böses denkt…

    Die Beispiele dazu unterlasse ich, da ich für solche Seiten keine Werbung machen will.

    Es geht mir nicht darum, diverse Verschwörungstheorien wiederaufflammen zu lassen, für mich sind es schlicht Interessenskonflikte, die diverse (Berufs-)Gruppen mit der Diagnose ADHS haben und mit solch einem dogmatischen Vorgehen leider nur zu Lasten der Betroffenen gehen.

    Solche Vorgehensweisen erinnern mich an den kalten Krieg. Aber ich habe immer noch Hoffnung, dass auch diese Phase nun überwunden und Geschichte ist und statt Glaubenskriege nun endlich wirkliche Diskussionen darüber in davon unterschiedlich betroffenen Disziplinen möglich sind oder zumindest werden.

    Ab dem 1.April 2012 gilt übrigens auch in der Schweiz eine Impressumspflicht. Allerdings nur für Webseiten, die irgendwelche Dienste anbieten und/oder verkaufen. Man darf gespannt sein, ob dies für den/die Betreiber von o.g. Seite Anlass genug ist, sich der Diskussion zu öffnen oder weiterhin lieber anonym und hinterrücks zu agieren.

    Aber eigentlich sollte es inzwischen für den Internetnutzer eh eine Standartregel sein, Seiten ohne Impressum mit besonderer Vorsicht anzuschauen…

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