ADHS und Fehlerkorrektur (Teil II)

Es ist leider schon so, wie Martin schrieb: Kinder mit einer unbehandelten ADHS sind oft ausserstande, Fehler während der Bearbeitung oder dem Korrekturlesen zu erkennen. Generell können viele von ihnen einen Text, wenn überhaupt, dann nur einmal lesen.

Ob selbst verfasst oder aus einem Buch gelesen: Kinder (und auch Erwachsene) mit einer unbehandelten ADHS sind in der Regel ausserstande, einen Text zweimal, geschweige denn drei Mal durchzulesen. Wie heisst es doch so schön: „Wiederholung ist die Mutter des Lernens“. Kinder mit einer unbehandelten ADHS und ohne „Mutter“ können nicht lernen. Motivation hin oder her.

Auf den letzten Drücker morgens im Bus noch etwas überfliegen mag die eine oder andere Situation retten. Aufs Ganze gesehen aber führt diese Lernstörung dazu, dass Schüler/-innen mit einer ADHS zunehmend erwartungswidrige schulische Minderleistungen erbringen (auf die Folgen für die Psyche dieser Kinder habe ich an anderer Stelle  schon hingewiesen).

Ergänzend zu einer fachgerechten Behandlung der ADHS, welche in vielen Fällen zu einer Verbesserung der Lernfähigkeit führen, bewährt sich Folgendes:

  1. Der zu lesende beziehungsweise zu lernende Text wird in ein Textverarbeitungsprogramm eingescannt.
  2. Es werden drei oder vier verschiedene Versionen dieses Textes ausgedruckt, in welchen derselbe Inhalt anders formatiert wird: Schriftart, Schriftgrösse und Farbe sollen in jeder Version anders sein. Auch kann die Seite einmal einen Rahmen und/oder eine anders gestaltete Seitennummerierung aufweisen.
  3. Das Kind beziehungsweise die Schülerin verwendet dann bei jedem Lesedurchgang eine andere Version.

Bei zahlreichen mit bekannten Kindern mit einer ADHS funktioniert diese „Lesehilfe“ erstaunlich gut. Sie schaffen es tatsächlich, einen Text mehr als nur einmal zu lesen. Wahrscheinlich liegt das daran, dass die immer unterschiedliche visuelle Präsentation des Gelesenen einen neuronal stimulierenden Effekt aufweist (eine medikamentöse Therapie ersetzt diese Methode indes nicht).

Problematischer ist die Bereitschaft vieler Eltern, den Aufwand auf sich zu nehmen, die zu lernenden Texte einzuscannen und zu bearbeiten …

Wäre ich Direktor einer Schule für Kinder mit ADHS, würde von vorne herein mit dieser Methode gearbeitet. Jede zweite Prüfung könnten die Schüler/-innen zudem auf Wunsch am PC schreiben. Zum Korrekturlesen würde die automatisierte Lesehilfe (ein Plug-In für Word) nach jedem Lesedurchgang auf einen Klick hin Schriftart, Farbe und Textgrösse ändern …

Ausserdem würden alle Schüler/-innen beim Entdecken von Fehlern mit Punkten und einer Notenaufbesserung belohnt. Fehler würden in meiner Schule von den Lehrpersonen grundsätzlich grün und nicht (blut-)rot markiert. Ausserdem: Eine Unterrichtsstunde würde in meiner Schule 25 Minuten dauern. Alles „Beigemüse“ würde weggelassen. Gelernt würde nur, was wirklich wichtig ist. Dazwischen gäbe es Sport, Tanzen und Näh(maschinen)- und Kochkurse. Und natürlich Musik und …

Tja, wenn nur das Wörtchen wenn nicht wär.

2 Gedanken zu „ADHS und Fehlerkorrektur (Teil II)

  • Pingback: Legasthenie und ADHS : Textformatierung hilft « ADHS-Spektrum: Neues und Altes aus der ADHS-Welt

  • 23.05.2012 um 17:53
    Permalink

    ADHS und Lesen – eine besondere Herausforderung im lerntherapeutischen Setting. Ich beobachte immer wieder, dass die Kinder und Jugendlichen mit ADHS langsame und ungenaue Leser sind, aber erstaunlicherweise trotzdem recht viel Textinhalt erfassen. Aufgrund ihrer u.a. noch zu wenig automatisierten Lesefähigkeit (Fluss, Genauigkeit) weichen sie dem Lesen eher aus. Und genau diese zwei Fertigkeiten müssen trainiert werden, um möglichst in ein automatisiert ablaufendes Lesen zu kommen. Automatisiert im Sinne mit möglichst wenig Aufmerksamkeitskapazität. Aber wie trainieren? Es gibt zwei von der Wissenschaft empfohlene Wege: entweder viel lesen (wobei die Genauigkeit sich nicht unbedingt verbessert) oder den gleichen Text x-mal. Sprich, genau das, was beim ADHSler nicht funktioniert. Wie Piero oben beschreibt, wandle im Leseübungstexte auf verschiedene Arten um: Einfärben in Silben (blau/rot), Wechseln der Schriften und der Grössen, einzelne Wörter ersetzen, pro Zeile einen Satzteil, Satz „zerreissen“ und einen Teil links und den anderen Teil rechts platzieren, etc. So kommt ein Text auf acht bis zehn verschiedene Arten daher. Werden noch die Vorlesezeiten gestoppt (aber erst nach dem 3. Durchgang), so kommt noch ein kleiner Wettbewerb mit sich selbst dazu. In der Regel verbessert sich die Lesefähigkeit, nebst den Unterlagen ist das Einfühlen und Mitführen ebenso tragend. Ich denke, wenn schon ganz früh mit dem „Gleichen auf verschiedene Arten“ begonnen würde, wäre zumindest im Lesen schon viel geholfen…

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