Alternativen zu Ritalin + Co.

… gibt es leider noch nicht. Wer eine echte, praktikable und auch unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten bewährte Alternative zur medikamentösen Behandlung der ADHS entwickelt, würde wohl im Schnellverfahren nominiert für den Nobelpreis.

Worüber wir aber verfügen, sind verschiedene, die medikamentöse Behandlung ergänzende psychotherapeutische und neuropsychologische Therapien. Diese therapeutischen Interventionen erfolgen spezifisch, sind also nicht bei allen Kindern mit einer ADHS indiziert.

Die im Rahmen der Eingangsuntersuchung erfolgte neuropsychologische Abklärung liefert Hinweise auf allfällig vorliegende komorbide, neuropsychologische Störungen oder Entwicklungsrückstände, oder aber auf ADHS-spezifische Funktionsschwächen, welche gezielt behandelt werden sollten.

Ich werde in diesem Beitrag eine auch bei ADHS-Betroffenen zur Anwendung kommende, neuropsychologisch orientierte Therapie vorstellen. Es geht dabei um die Behandlung von Störungen des Arbeitsgedächtnisses.

Unter Arbeitsgedächtnis versteht man in der Neuropsychologie die aktive Komponente des Kurzzeitgedächtnisses, also Halten und gleichzeitiges Bearbeiten von Informationen im Kurzzeitgedächtnis. Das Arbeitsgedächtnis ist ein Baustein der übergeordneten sogenannten Exekutivfunktionen, von denen Martin schon wiederholt berichtete. In Wikipedia heisst es zum Stichwort „Arbeitsgedächtnis“ sehr treffend:

„Das Arbeitsgedächtnis ist … zuständig für vorübergehende Speicherung und Veränderungen und wird zum Beispiel benötigt, um einen Satz inhaltlich zu verstehen (sodass man sich noch an den Anfang des Satzes erinnern kann, wenn man am Ende angelangt ist). … Auch im Zusammenhang mit der Lösung komplexer Aufgaben ist das Arbeitsgedächtnis notwendig. Das Arbeitsgedächtnis wird genutzt, um die uns gegenwärtig umgebende Umwelt zu verstehen und von ihr eine mentale Repräsentation herzustellen. Es wirkt unterstützend beim Problemlösen und beim Erwerb neuen Wissens. Es hilft bei der Formulierung und Abwägung aktueller Ziele …“

Weil das Arbeitsgedächtnis unter anderem auch ermöglicht, daran zu denken zu können, was man im Auge behalten und worauf man sich konzentrieren sollte, kommt es zu einer Überschneidung von Arbeitsgedächtnis und der Aufmerksamkeitskontrolle.

Defizite des Arbeitsgedächtnisses spielen bei ADHS-Betroffenen eine immens grosse Rolle. Dies zeigt nicht nur der Alltag, es wurde auch von vielen ADHS-Experten und in zahlreichen Studien bestätigt.

Nun zur Therapie. Es existieren eine Reihe von (computergestützten) Trainingsprogrammen zur Verbesserung des Arbeitsgedächtnisses. Es gibt offenbar gut evaluierte und teure Programme (z.B. Cogmed). Bezogen werden können aber auch einfachere, ebenfalls wirksame und bezahlbare Trainingsprogramme.

Am meisten Erfahrung habe ich mit dem an der Universität Bern entwickelte Programm „BrainTwister“ gewinnen können (siehe auch das Demo-Video auf dieser Website). Es handelt sich um ein schlankes Programm, konzentriert auf das Wesentliche und ohne jeglichen Schnickschnack. Das Programm ermöglicht zudem eine statistische Erfassung und Auswertung des Trainingsverlaufs. Es eignet sich für Kinder und Erwachsene.

Zuerst werden wie in einem Memory einfache Merkaufgaben abgearbeitet. Dabei passt sich der Schwierigkeitsgrad automatisch der Leistungsfähigkeit an.

Kern der Trainings ist das sogenannte n-Back-Training. Dabei geht es darum, bei einer Abfolge von visuellen und/oder akustischen Reizen immer dann zu reagieren, wenn der am Monitor erscheinende (oder erklingende) Reiz dem letzten (1-back), dem vorletzten (2-back), dem drittletzten Reiz (3-back) usw. entspricht.

Trainiert wird damit die kontinuierliche kognitive Aufmerksamkeitskontrolle, wobei ein kritischer Reiz in Abhängigkeit der vorangehenden Reize immer wieder neu definiert wird (also fortlaufendes Halten und gleichzeitiges Bearbeiten von visuellen und/oder akustischen Informationen im Arbeitsspeicher).

Aus meiner Erfahrung kann dieses Programm mit Kindern ab 10 Jahren verwendet werden, wobei die Kinder Begleitung benötigen. Es muss ausgehend von den ersten Aufgaben ein langsamer Aufbau erfolgen, wobei sich bei Kindern zwei Trainingseinheiten pro Tag à 10 Minuten recht gut bewährt haben. Eltern neigen gelegentlich dazu, in zu grossen Schritten voranzugehen. Besser ist eine langsame Steigerung des Schwierigkeitsgrades.

Bei Kindern mit einer ADHS, welche medikamentös behandelt werden, muss sichergestellt sein, dass das Medikament zum Trainingszeitpunkt noch wirksam ist.

Weitere, die medikamentöse Therapie ergänzende Therapieverfahren stelle ich zu einem späteren Zeitpunkt vor.

2 Gedanken zu „Alternativen zu Ritalin + Co.

  • 02.03.2012 um 10:51
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    Kinesiologie mag bei Konzentrationschwächen in Einzelfällen durchaus hilfreich sein. Wenn hingegen eine ADHS die Ursache der Konzentrationsprobleme ist, hilft Kinesiologie nicht. Jedenfalls habe ich in all den Jahren nie ein Kind mit einer ADHS kennengelernt, deren Probleme dank der Kinesiologie behoben werden konnten. Auch unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten zählt die Kinesiologie nicht zu den Therapien, welche sich bei Vorliegen einer ADHS als wirksam erwiesen haben.

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  • 02.03.2012 um 10:33
    Permalink

    Den „BrainTwister“ muss ich auch mal ausprobieren bei meinem Sohn. Ich habe bis jetzt immer die Methode „Kinesiologie“ verwendet. Darüber gibt es auch einen Artikel http://www.elternwissen.com/konzentration/adhs/art/tipp/homopathieakupressurundkinesiologiegegenadhs0.html, der sehr gut beschreibt, wie die Methodik funktioniert. Diese Methode hilft bei meinem Sohn sehr gut. Aber ich bin immer wider für alles neue offen. So bekommt mein Sohn auch einmal Abwechslung geboten 😉

    LG
    Kristina

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