ADHS ist kein normales kindliches Verhalten.

Bildschirmfoto 2015-01-04 um 13.17.25Über Petra Hausmann bin ich auf Facebook auf einen tollen Blogbeitrag gestossen, der sich mit den Vorurteilen auseinander setzt, dass ADHS doch quasi ein ganz normales kindliches Verhalten sei.

In dem Beitrag wird eben gerade schön beschrieben, dass die ganzen Besonderheiten der Exekutivfunktionsstörungen bzw. der Reizoffenheit und Emotionsregulation jedes normale kindliche Verhalten verunmöglicht. Und übliche Kontakte zu Gleichaltrigen zum Problem werden lässt. Gerade der Alltag und die sozialen Kontakte sind dann die Qual. Das ist nun keine Bipolare Störung oder so ein Blödsinn. Das sind syndromtypische Probleme der Emotionsregulation bei ADHS. Man kann sie ja vielleicht noch anders klassifizieren als „Temper mood ….“ , muss man aber nicht. Sollte man auch nach meiner Meinung lieber nicht.

Beispiele gefällig ? Felix hat am letzten Tag vor den Weihnachtsferien sein grosses Fussballturnier in der Schule. Die 6. Klasse gegen den Rest der Welt. Sein Müller-Trikot aus dem Türkei-Urlaub kommt endlich zum Einsatz, da er sonst eben nicht spielt. Er wird halt in keiner Fussballmannschaft lange toleriert. Und ist eher ein Bewegungslegastheniker. Dann also gegen die 6c der grosse Einsatz. Schon lange vorher erträumt.  Lehrer sind eher nicht anwesend. Die eine Hälfte des Kollegiums ist krank (oder schon im Winterurlaub), die andere Hälfte wärmt sich im Lehrerzimmer. Jedenfalls ist die Sporthalle den Kindern überlassen. Überhaupt scheint sich in den letzten Wochen Struktur in der Schule eher in Form von Wunschdenken abzuspielen. Die Schule ist quasi in Selbstauflösung begriffen. Die Kinder sich weitgehend in Form von Spiel- oder Videozeiten überlassen. Was einigen Kindern nicht schadet, aber gerade für Kinder mit Entwicklungsbesonderheiten eine kleine Hölle bedeutet. Früher aus dieser „Schule“ rausnehmen für einen Urlaub, darf man die Kinder dann aber auch nicht. Man könnte ja den Lehrern am Flughafen begegnen, die schon früher…. Wenn man das wiederum laut aussprechen würde, hätte man ja seinen Stempel als Eltern weg.

Felixs Traum ist nach 2 Minuten durch Auswechselung beendet. Er hat gerade eine Ballberührung.
Entsprechend hat er einen Gefühlsabsturz. Als von seinen Eltern geschultes Kind  für solche Situationen agiert er den aber nicht aus, sondern sagt, er müsse sich in der Toilette abkühlen. Was ja ein guter Weg einer Aus-Zeit wäre. Auf dem Weg pisacken ihn weitere Mitschüler. Aber er bleibt noch cool.
Aber er kommt aus dem miesen Gefühl nicht raus. Es klemmt.

Nun kommt tatsächlich der Sportlehrer mal wieder in die Turnhalle und vermisst Felix. Und verbreitet Hektik. Felix sei abgehauen. Die Berichte der Mitschüler klingen so, dass er aus Wut wegen der Auswechselung durchgedreht sei. Und abgehauen ist.  Wobei die Mitschüler mehr im Geschehen auf dem Spielfeld als nun am Geschehen auf der Auswechselbank waren. Seine Ankündigung zur Toilette zu gehen, ist nicht angekommen oder vergessen. Oder nicht gehört. Und so beginnt eine chaotische Suche mit dem Ergebnis, dass Felix nicht gefunden wird. Also werden die Eltern telefonisch informiert.

Die ihrem „Teufelsbraten“ durchaus solche Reaktionen zutrauen. Aber auch wissen, dass für ADHSler oder Autisten eben eher die Toilette der häufigste (ich wollte erst schreiben „liebste“) Aufenthaltsraum in der Schule sein kann. Und den Tipp geben, dort mal zu schauen.

Erst später klärt sich dann durch eine Lehrerin auf, wie es wirklich war. Was aber längst nicht imer der Fall ist. Felix hat ja einen entsprechenden Stempel weg. Selbst wenn man sich „richtig“ verhält, läuft es eben gerade nicht richtig. Und eben auch nicht kindgerecht. Denn man könnte von einem Schüler in der 6. Klasse sicher ein anderes Verhalten erwarten können.

ADHS-Eltern könnten ganze Bücher mit solchen oder ähnlichen Gefühlsregulationsproblemen schreiben. Familienbesuche zu Weihnachten oder Neujahr sind da in aller Regel gute Gradmesser (gerade gestern wieder erlebt….). Es klemmt also nicht nur einmal im Jahr, es hagelt regelmässig solche Stories.

Die aber eben auch Narben von Zurückweisung und Ausgrenzung bedeuten. Mehr als man sie eh schon im Verlauf von Schule oder Kindheit zur eigenen Entwicklung braucht oder sonst erleben würde.

Einige Eltern werden das dann als „Mobbing“ externalisieren. Und eben auch nicht an ADHS oder Exekutivfunktiosstörungen denken. Schliesslich zappelt Felix ja nicht und er bewegt sich gerne (wenn auch unkoordiniert bei Ballspielen). Aber sein Selbstwertgefühl und seine Stimmungsstabilität ist halt nicht vorhanden.

Wie ein kleines Kind halt.

Aber eben doch kein normales kindliches Verhalten.

Und wenn dann bereits im frühen Kindes- oder Teenageralter eben „Depressionen“ oder eine Häufung von psychosomatischen Beschwerden auftreten, dann ist Bagatellisieren die schlechteste Antwort auf das Problem. Es wächst sich schon aus….

Immer wieder erlebe ich dies aber noch heute in Gesprächen mit Patientinnen und Patienten. Da wurde dann schon im Kindesalter mal an Entwicklungsbesonderheiten bzw. eine psychologische Ursache gedacht. Und es wurde ein (mehr oder weniger bescheuerter) ADHS-Test gemacht. Was immer das auch sein mag, es wurde dann ein zu niedriger Score ermittelt. „Gott sei Dank, kein ADHS“…. Aber was denn dann ?

Normales kindliches Verhalten ist dadurch gekennzeichnet, dass sich die Kinder altersgemäss entwickeln und altersgemäss in soziale Bezügen verhalten können. Das sie die Hürden der Weiterentwicklung meistern. Nicht immer glatt. Aber doch so, dass es im Rahmen bleibt.

ADHS-Kinder fallen ständig aus dem Rahmen.

Typisch für Mädchen (bzw auch Jungs vom unaufmerksamen Subtyp) ist ja nicht, dass sie durch Zappeln oder Störverhalten auffallen. Vielmehr treten die Probleme dann auf, wenn die Hirnfunktionen (bzw. metakognitiven Fähigkeiten der Selbstwahrnehmung und Selbststeuerung) gefragt sind, die eben nicht altersgemäss bei ADHS-Kindern- und Jugendlichen vorhanden ist.

ADHS sind dann eben gerade deshalb keine normalen Kinder, weil sie „zu kindlich“ sind. Sich eben nicht so verhalten können, wie es ein normales Kind täte. Sich eben gerade nicht so steuern können, wie sie es wollen. Und dies quasi bei vollem Bewusstsein selber auch spüren. Aber eben nicht ausdrücken können.

 

 

3 Gedanken zu „ADHS ist kein normales kindliches Verhalten.

  • 05.01.2015 um 00:36
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    Eigentlich bleibt einem das auch länger noch erhalten. Für mich als Mann mit den Anlagen ein sehr gelassener ruhiger, arbeitssamer introvertierter Mensch zu sein, von meinem Charakter her, ist das eine Katastrophe auch ADHSler zu sein. Es wird der Spagat zwischen dem Asperger-Typus und der ADHS bei deutlich.

    Das infantile ist wie ein Ungetüm das einem die Fähigkeit raubt, SEIN Leben zu meistern, was übrig ist, ist nur EIN leben. Nicht das was man eigentlich in seinen Anlagen trägt, sondern etwas zwischen Kompensationsverhalten und Therapieerfolg. Gerade wenn man viel viel länger als andere sucht, nach dem Selbst und wenn man sich findet, damit nichts anfangen zu können. Merken das man sein Leben lang in einem Zwiespalt gefangen bleiben wird und naja ok, man muss sich arrangieren wie alle mehr oder weniger gehandicapten Menschen. Irgendwie biegt man sich das dann mehr oder weniger zurecht, löscht die größten Feuer, ohne jemals die Flammen löschen zu können. Es brennt immer und überall, man lebt in einem Ausnahmezustand.

    Und wenn dann wieder so ein Pappenheimer daher kommt, der mehr oder weniger ein NT sein dürfte, und wieder so erzählt: „Jaja, für mich ist das Leben auch anstrengend!“

    Ka, mehr fällt mir dazu nicht ein. Ich! bin an diesem Punkt sprachlos. Das hat Seltenheitswert.

    MFG

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  • 04.01.2015 um 21:33
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    Oh weh.. das erinnert mich an unser heuriges Weihnachtsessen. Und ich bin beileibe kein Kind der 6. Klasse sondern bald 60 Jahre alt!!! Und musste nach einem heftigeren (weil für mich ungerechten) Wortwechsel in die Küche und als man mich nicht in Ruhe liess („Aber komm, wir wollen doch wieder Frieden schliessen, heute möchte ich keinen Aerger“) in die Waschküche fliehen, weil es mich immer mehr schüttelte und mir die Tränen immer mehr und hemmungsloser runterliefen. – Ich kann es heute noch nicht… *seufz – Bitte Normalbürger: Einfach mal den ADSler in Ruhe lassen und alles später klären. Solange Besuch da ist ist der Reizdruck zu hoch um „runterzukommen“.

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  • 04.01.2015 um 12:21
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    Der verlinkten Text berührt mich sehr….drückt er doch aus, welcher Ungerechtigkeit und Verkennung ADHSler besonders in der Kindheit ausgesetzt sind. Eltern können das nur zu einem Teil auffangen…denn schnell werden sie in den Augen der ‚ normalos‘ selbst abgestempelt, als Verursacher der Misere.

    Kleiner Trost: Adhsler sind Stehaufmännchen und oft haben auch die Eltern diese Eigenschaft ( und Disposition) . Das Wichtigste: zu seinem Kind stehen so wie es ist.
    Aber wie oft uns das Herz bricht…..

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