Neurodivergenz und Sprache
Neurogerechte Sprache in der klinischen Praxis: Ein Wegweiser nicht nur für Fachleute für Respekt und Inklusion

Neurodivergenz und Sprache – neuro-„gerechte“ Formulierungen
Ehrlich geschrieben : Die Verwendung von Sprache in Hinblick auf gender-sensibler bzw. neurodiversitäts-affiner Sprache in Wort- oder Sprechform fällt mir persönlich schwer. Ich möchte keine Person abwerten und doch hat mein ADHS-Gehirn so manchmal Probleme, alles „richtig“ auszudrücken bzw. die richtige (?) Wortwahl zu wählen. Gerade wenn es um Sensibilitäten bzw Besonderheiten im Bereich ADHS / Autismus-Spektrum, PDA (Pathological Demand Avoidance) oder auch Gender-Dysphorie und verwandte Themen geht.
Wie sollte ich lernen, es besser zu machen?
Neurogerechte Sprache bedeutet, dass wir Worte bewusst so wählen, dass sie neurodivergente Menschen respektieren und unterstützen, ohne sie als defizitär darzustellen. Du möchtest neurogerechte Sprache in der klinischen Praxis nutzen, bist dir aber nicht ganz sicher, wie das geht? Hier findest du eine einfache und klare Anleitung, die dir dabei hilft, neurodivergente Menschen wertschätzend und respektvoll zu unterstützen – ohne kompliziertes Fachchinesisch. Es ist wichtig, flexibel, verständlich und empathisch zu sein. Denn alle sind unterschiedlich, und das sollte sich auch in der Sprache widerspiegeln.
Ein Tipp vorab: Neurodivergente Menschen können Informationen unterschiedlich verarbeiten. Klare Absätze, Bulletpoints, wenig Fachjargon und lockere Sprache helfen dabei, dass die Botschaft ankommt, ohne zu überfordern.
Tabelle: Neurogerechte und „alte“ Bezeichnungen in der klinischen Praxis
| „Alte“ Bezeichnung | Neurogerechte Bezeichnung |
| Symptome | Besondere Merkmale |
| Störung | Individuelle Unterschiede |
| Hochfunktional / Niedrigfunktional | Benötigt Unterstützung in [bestimmtem Bereich], Zeigt Stärken in [bestimmtem Bereich] |
| Person mit Autismus (ohne Rücksprache) | Autist:in oder Person mit Autismus (je nach Präferenz) |
| Er / Sie als Standard | Die Person / ADHSler:innen |
| Behandlung / Heilung | Unterstützung / Wohlbefinden |
| Leiden an ADHS / Autismus | Ist ADHSler:in / Ist Autist:in |
1. Keine Pathologisierung: Neurodivergenz ist keine Krankheit
Viele klinische Begriffe stempeln neurodivergente Menschen als „krank“ oder „defizitär“ ab. Das sollte vermieden werden. Wir sollten darauf achten, die Stärken und Besonderheiten von neurodivergenten Menschen in den Vordergrund zu stellen – das verändert die gesamte Wahrnehmung.
– Vermeide: „Symptome“ oder „Störungen“
– Nutze lieber: „Besondere Merkmale“, „Individuelle Unterschiede“
Warum? Wenn die Sprache sich auf Defizite konzentriert, fühlen sich Menschen falsch oder unzureichend. Stärkenorientierte Begriffe zeigen, dass Neurodivergenz einfach eine andere Art des Seins ist.
2. Frage nach Selbstbezeichnungen: Identität hat Vorrang
Jede:r hat das Recht, selbst zu entscheiden, wie sie oder er angesprochen werden möchte. Das gilt auch für neurodivergente Menschen. Manche identifizieren sich stark mit ihrer Neurodivergenz (z.B. „Autist:innen“), andere bevorzugen eine Person-zuerst-Sprache (z.B. „Person mit Autismus“).
– Vermeide: „Person mit Autismus“ ohne nach den Vorlieben zu fragen
– Nutze lieber: „Autist:innen“ oder „Person mit Autismus“, je nach Präferenz der Person
Warum? Es zeigt Respekt und stärkt die Autonomie, wenn Menschen selbst entscheiden können, wie sie genannt werden wollen.
3. Gendergerechte Sprache: Alle Geschlechter inkludieren
Viele neurodivergente Menschen identifizieren sich als nicht-binär oder genderqueer. Es ist wichtig, in der klinischen Praxis gendersensible Sprache zu verwenden, um alle anzusprechen.
– Vermeide: „Er“ oder „Sie“ als Standard
– Nutze lieber: „Die Person“ oder „ADHSler:innen“
Warum? Genderneutrale Sprache schafft ein inklusiveres Umfeld und vermeidet, dass sich Menschen ausgeschlossen oder missverstanden fühlen.
4. Vermeide Labels wie „hochfunktional“ und „niedrigfunktional“
Begriffe wie „höchfunktional“ und „niedrigfunktional“ werden oft verwendet, um neurodivergente Menschen zu kategorisieren. Das führt jedoch zu Missverständnissen, da Fähigkeiten kontextabhängig sind und sich in verschiedenen Situationen unterschiedlich zeigen.
– Vermeide: „Niedrigfunktional“ oder „höchfunktional“
– Nutze lieber: „Benötigt Unterstützung in [bestimmtem Bereich]“, „Zeigt Stärken in [bestimmtem Bereich]“
Warum? Menschen haben unterschiedliche Fähigkeiten in verschiedenen Situationen. Ein einfaches Label wird dem nicht gerecht.
5. Masking und der unsichtbare Stress
Viele neurodivergente Menschen, besonders Autist:innen, maskieren ihre neurodivergenten Merkmale, um in der neurotypischen Welt zurechtzukommen. Das ist unglaublich anstrengend und sollte in der klinischen Praxis thematisiert werden.
– Vermeide: „Sie scheinen gut mit den Herausforderungen zurechtzukommen.“
– Nutze lieber: „Haben Sie das Gefühl, dass Sie manchmal Ihr Verhalten anpassen, um akzeptiert zu werden?“
Warum? Masking kann zu emotionalem Stress und Erschöpfung führen. Wenn es angesprochen wird, können sicherere Räume geschaffen werden, in denen Menschen authentisch sein können.
6. Kontext ist entscheidend: Verhaltensweisen verstehen
Viele Verhaltensweisen, die in einem Umfeld als „problematisch“ wahrgenommen werden, können in einem anderen als Stärke gelten. Es ist wichtig, die individuellen Lebensumstände und den Kontext zu berücksichtigen.
– Vermeide: „Dieses Verhalten ist ungewöhnlich.“
– Nutze lieber: „In welchem Kontext tritt dieses Verhalten auf?“
Warum? Neurodivergente Menschen passen sich oft den Anforderungen ihrer Umgebung an. Das Verständnis der Umstände hilft, ihre Bedürfnisse besser zu erkennen.
7. Eigenverantwortung fördern: Die Patient:innen als Expert:innen

Die Patient:innen sollten aktiv in den Prozess der Therapie und Unterstützung einbezogen werden. Statt von oben herab Anweisungen zu geben, sollten Therapeut:innen die Erfahrungen und das Wissen der Patient:innen respektieren.
– Vermeide: „Ich werde Ihnen zeigen, wie Sie das lösen.“
– Nutze lieber: „Welche Strategien haben für Sie bisher funktioniert, und wie können wir darauf aufbauen?“
Warum? Menschen wissen oft selbst am besten, was für sie funktioniert. Die Anerkennung dieser Expertise schafft Vertrauen und stärkt die therapeutische Beziehung.
8. Hormonelle und geschlechtsspezifische Veränderungen berücksichtigen
Gerade bei neurodivergenten Frauen und nicht-binären Menschen spielen hormonelle Veränderungen (wie Menstruation oder Menopause) eine wichtige Rolle. Diese sollten in der Therapie nicht übersehen werden.
– Vermeide: „Das sind nur hormonelle Schwankungen.“
– Nutze lieber: „Wie wirken sich hormonelle Veränderungen auf Ihre Neurodivergenz aus?“
Warum? Neurodivergente Symptome können sich im Laufe des Lebens verändern. Indem diese Phasen angesprochen werden, können passende Unterstützungsmaßnahmen angeboten werden.
Bezeichnungen sind mehr als nur Worte
Wenn du in der klinischen Praxis eine neurogerechte Sprache verwendest, gehst du weit über die bloße Wahl der Worte hinaus. Du schaffst ein Umfeld, das auf Respekt, Verständnis und Unterstützung aufbaut. Für neurodivergente Menschen ist das mehr als eine nette Geste – es ist der Schlüssel zu mehr Sicherheit, Wohlbefinden und Selbstbestimmung.
Wichtig für zukünftige Beiträge:
– **Einfache, direkte Sprache**: Keine langen, verschachtelten Sätze.
– **Visuelle Orientierungshilfen**: Aufzählungen, Tabellen, fettgedruckte wichtige Punkte.
– **Empathie**: Zeige Verständnis für die unterschiedlichen Erfahrungen neurodivergenter Menschen.
– **Gendergerecht**: Immer gendergerechte und inklusive Sprache verwenden.
Diese Struktur und Herangehensweise wird es neurodivergenten Leser:innen erleichtern, die Inhalte zu erfassen und sich willkommen zu fühlen.
Welche Erfahrungen hast Du mit der Verwendung von Sprache im Kontext Neurodivergenz gemacht ?


