ADHS-Experte M. Döpfner bestätigt ideologisch gefärbte Vorurteile

Danke Martin für den Hinweis auf das Interview „Forscher: ADHS ist zur Modeerscheinung geworden“ in der Rhein-Zeitung vom 22.02.2012 mit Prof. Manfred Döpfner.

Erstaunlich, welch einseitige Sicht der ADHS der renommierte ADHS-Experte Manfred Döpfner in diesem Interview präsentiert. Im Grunde genommen bestätigt Manfred Döpfner nämlich nicht nur, dass die ADHS tatsächlich zur Modeerscheinung geworden ist, er reproduziert auch zahlreiche andere Vorurteile fundamentalistisch ausgerichteter ADHS-Kritiker. Mit anderen Worten: Manfred Döpfner sagt in diesem Interview in abgeschwächter Form dasselbe, was wir in der letzten Zeit wieder vermehrt wieder von ideologisch motivierten ADHS-Kritikern zu lesen und zu hören bekommen.

Konkret:

Döpfner: „Vieles was lediglich mit Variationen von der Norm zu tun hat, wird bereits in eine Krankheitskategorie gesteckt, in die es nicht gehört“.

Döpfner bestätigt damit einer der zentralen Vorwürfe der ADHS-Kritiker, dass aus zu vielen an sich noch normalen menschlichen Verhaltensweisen eine Krankheit gemacht wird, dass damit Menschen fälschlicherweise eine ADHS-Diagnose erhalten.

Döpfner: „Die Grundschwierigkeit ist, dass es keine natürlichen Grenzen gibt, an denen die Normalität aufhört und die Krankheit anfängt.“

Abgesehen davon, dass mir dieser Satz aus Publikationen von ADHS-Kitiktern irgendwie bekannt vorkommt, weiss Manfred Döpfner (oder müsste es wissen), das dieses Postulat verkehrt ist. Es ist nämlich bei der Frage nach einer möglichen ADHS in den meisten Fällen relativ einfach bestimmbar, was als noch normal und was als krank gilt. Letztes ist immer dann gegeben,

  • wenn ein Kind durch ausgeprägte Konzentrations- und Impulskontrollstörungen massgeblich und anhaltend behindert wird, sein zwischenmenschliches, sein kreatives und sein intellektuelles Potential zu entfalten,
  • wenn es darunter leidet und
  • wenn sichergestellt ist, dass alle andere möglichen Ursachen der Symptomatik ausgeschlossen wurden (obligates diagnostisches Kriterium der ADHS).

Wenn es zu falsch-positiven Diagnosen kommt, liegt das meistens daran, dass keine fachgerechte Diagnostik erfolgte. Im Vergleich zu vielen anderen psychischen Störungen ist es bei Vorliegen einer ADHS-Symptomatik nämlich relativ einfach, zwischen krank und Normvariante zu unterscheiden. Allein schon die diagnostischen Kriterien der DSM-IV und der ICD-10 ermöglichen eine zuverlässige und ’strenge‘ Diagnostik.

Döpfner: „Ohne Zweifel ist ADHS auch sehr beliebt, weil es manchmal Eltern fälschlicherweise suggeriert, sie seien entlastet. Es ist schon komisch, dass einige Eltern erleichtert sind, wenn man ihnen sagt, ihr Kind sei krank, psychisch krank.“

Ich weiss nicht, wie viel Manfred Döpfner noch mit ADHS-Kindern und ihren Eltern noch zu tun hat. Aber einfach so zu sagen, dass die Diagnose ADHS bei Eltern beliebt sein soll, ist doch sehr, sehr spieziell. Wenn Eltern nach jahrelangen Abklärungs-Odysseen und ungezählten direkten und indirekten Vorwürfen, sie hätten ihr Kind falsch erzogen (und allen Schuldgefühlen, welche die Mütter in dieser Zeit entwickelt haben), zur gegebenen Zeit erfahren, dass die Ursache der ADHS-Problematik ihrer Kinder primär neurologischer Natur ist, stellt das für viele Eltern eine riesengrosse und verdiente Entlastung dar. Dass Manfred Döpfner das „komisch“ findet und und zu belächeln scheint, wenn sich Eltern nach einer Diagnose entlastet fühlen, ist befremdend. Ausserdem wird das Kind ja nicht erst mit der Diagnose krank. Dass mit ihren Kindern ersthaft etwas nicht stimmt, wissen die Eltern meist schon lange. Sie finden einfach bei Fachpersonen oft viel zu lange kein Gehör.

Döpfner: „Was wir als psychische Störung beschreiben, wird natürlich auch durch unsere Gesellschaft mit definiert […] Was wir in unserer Gesellschaft benötigen, sind Menschen, die sich möglichst lange konzentrieren können. Sie müssen in der Lage sein, eine bestimmte Tätigkeit ausdauernd zu verrichten. Menschen die das nicht können, sind dann auch in ihrem Lebensvollzug beeinträchtigt.“

Diese Antwort spielt all jenen in die Hände, welche auf der „Anti-ADHS-Neuro-Enhancement-Welle“ reiten. Also: „Ritalin, um mithalten zu können in einer Gesellschaft, welche vom Individuum zu viel abverlangt.“ Dass die Gesellschaft heute mehr Konzentration von den Menschen erwartet, bedeutet (sofern das überhaupt stimmt) in keiner Weise, dass es aus diesen Gründen bei Kindern vermehrt zu klinisch relevanten Konzentrationsschwächen kommt (man erkennt diese Schwächen möglicherweise früher, sie treten den erhöhten gesellschaftlichen Erwartungen i.S. Konzentration wegen aber sicher nicht häufiger auf).

Döpfner: „Es kann natürlich sein, dass dabei die Reizüberflutung eine Rolle spielt – u.a. die schneller werdende Schnittfrequenzen in Filmen“.

Auch hier: Der postulierte Zusammenhang zwischen der medialen Reizüberflutung und ADHS kann zu einer Verschärfung der ADHS-Problematik führen, diese aber nie primär verursachen. Menschen litten an einer ADHS schon lange vor der medialen Revolution. Ob er will oder nicht: Manfred Döpfner trägt mit diesen Formulierungen Wasser auf die Mühlen all jener, welche die ADHS als gesellschaftliches Phänomen konzipieren, um schliesslich die Existenz der ADHS als Krankheit negieren zu können.

Döpfner: „ … Was nach meiner Meinung sicher auch stark dazu beigetragen hat, sind massive Veränderungen in der Pädagogik. Also die Art und Weise, in der wir heutzutage Kinder erziehen. Es fällt uns schwerer, Regeln zu formulieren, konsequent zu sein. In den Schulen gibt es freie Konzepte, die für Kinder, die sich selbst steuern können, wunderbar sind.“

Und noch eins oben drauf: Eine zu lockere Gesellschaft mit zu wenig Regeln in Kombination mit einer Kuschelpädagogik in einen Zusammenhang mit der ADHS zu stellen, ist einfach unglücklich. Denn selbst für den Fall, dass die Aussage zutrifft, dass Kinder heute zu frei erzogen werden, hat dies weder mit den Fragen des oder der Journalist/-in noch mit der ADHS etwas zu tun. Genau diesen Diskurs (schlechte Gesellschaft + falsche Erziehung erzeugen ADHS) pflegen nämlich auch Vertreter von Psycho-Sekten (zu denen Manfred Döpfner aber sicher nicht gehört!).

Döpfner: „Ärzten sage ich deshalb immer: Nicht jedes Kind, das ADHS hat, braucht Medikamente.“

Das hört sich beruhigend und gleichzeitig beunruhigend an. Die Botschaft ist klar: Zu viele Kinder bekommen Medikamente! Vertreter/-innen der Anti-ADHS-Bewegung werden sich ob dieser Äusserung genüsslich die Hände reiben.

Interessanterweise beantwortet Manfred Döpfner an keiner Stelle die Kernfragen nach den möglichen Gründen für die mediale Ausweitung der Thematik (z.B.: „Warum hat man den Eindruck, dass die ADHS zunimmt?)“. Der oder die Journalist/-in stellt gute Fragen, welche es eigentlich prima ermöglichen würden, Klartext zu reden.

Wieso nur ergreift Manfred Döpfner in diesem Interview nicht die Chance, klipp und klar zu sagen, welche (Psycho-) Sekten und Organisationen und welcher Diskurs hinter der Anti-ADHS-Welle steht? Mit anderen Worten: Interessant an Manfred Döpfners Antworten ist nicht, was er sagt, sondern was er nicht sagt.

Manfred Döpfner kann diese Frage wahrscheinlich deswegen nicht beantworten, weil er selbst ein Teil des Problems bzw. der Antwort ist.

Konkret: Dass selbst einer der bekanntesten ADHS-Experten im deutschsprachigen Raum statt einer klaren Positionierung hauptsächlich von „vielleicht“ und „könnte“ spricht und sich mit seinen Äusserungen fast nahtlos in den Anti-ADHS-Diskurs einfügt, ist meines Erachtens einer der relevanten Gründe für die Renaissance der ADHS-Kritiker.

Manfred Döpfner verpasste in diesem Interview eine Chance, klar und unmissverständlich Stellung zu beziehen. Wenn Experten, die eigentlich wüssten, was Sache ist, dies nicht tun, haben es fundamentalistisch motivierte Gruppierungen umso leichter, mit ihren Ideologien mediale Wirksamkeit zu erlangen.

Ein Gedanke zu “ADHS-Experte M. Döpfner bestätigt ideologisch gefärbte Vorurteile

  1. […] Ich habe mich beim Erscheinen des Artikels über die reißerische Überschrift geärgert, nicht aber über Prof. Döpfners Aussagen insgesamt. Ich finde sie unaufgeregt und klar, denn er bezeichnet es z.B. als Kunstfehler, bei schweren Fällen von ADHS auf Medikamente verzichten zu wollen.
    Döpfners Aussagen über die Einordnung von ADHS-typischen Verhaltensqualitäten in einen gesellschaftlichen Rahmen habe ich so verstanden, dass eben nicht jeder Pädagoge mit einem Verdacht „der ist doch nicht normal, der hat doch ADHS!“ um sich werfen sollte – und schon gar nicht sich damit aus seiner pädagogischen Verantwortung stehlen, denn es gibt durchaus pädagogische Möglichkeiten, Kinder mit ADHS zu unterstützen.
    So herum wird für mich ein Schuh daraus! […]
    Ich sehe durchaus die Gefahr, dass ADHS-Kritiker das herauslesen könnten, was sie gerne möchten. Das liegt aber m.E. daran, dass sie jede relativierende Aussage über das Thema als Zustimmung ihrer Thesen auslegen. Natürlich, man würde sich kraftvolle Worte wünschen, angesichts der gefährlichen Meinungsmache. Unaufgeregte Artikel haben aber ebenfalls einen Wert.

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