ADHS Zeitmanagement: Auf die letzte Minute?

Mark Twain soll gesagt oder geschrieben haben: „Gäbe es die letzte Minute nicht, wäre niemals etwas fertig“. Herr Twain scheint dabei aus eigener ADHS-Erfahrung zu sprechen. So werden viele ADHSler eben erst mit dem entsprechenden „Erledigungsdruck“ so aktiv, dass sie dann innerhalb kürzerer Zeit doch noch ein Projekt erledigen.

Das geht häufig gut. Aber leider nicht immer …

Auf einem Vortrag von mir sagte ein Teilnehmer sehr richtig: ADHSler brauchen „Fertigmacher“. Wenn der interessante Teil einer Aufgabe bei der Arbeit getan ist, so werden die letzten Details schlicht immer weiter auf die lange Bank geschoben. Einmal, weil es zu langweilig ist, sich mit Korrekturen oder Niederschriften zu beschäftigen. Dann aber auch, weil der eigene Anspruch an Perfektionismus häufig so ausgeprägt ist, dass immer neue Versionen oder Korrekturanfänge begonnen werden, aber nicht abgeschlossen werden. Toll wäre es, wenn man mit einem Menschen zusammen im Team arbeitet, der gerade diese letzten Details zu seiner inneren Besessenheit macht und einen Spass daran hat, dann ein rundes Projekt abliefern zu können. Diese „Stinos“ sind toll für diese Aufgaben und können dann aus meiner Sicht gerne auch die Lorbeeren für das Projekt einstreichen. Hauptsache, das Projekt ist vom Tisch und mein Kopf ein wenig freier für die anderen 999 mehr oder weniger geistreichen Ideen.

Nun gibt es aber Aufgaben, die kann ich nicht delegieren, sind aber lästig und aus ADHSler Sicht „uneffektiv“. Da streikt mein Gehirn und geht auf Standby. Meistens sind es Aufgaben, die so langweilig sind, dass jede Sekretärin sich weigern würden, sie zu erledigen. So muss ich jede Woche Einzeltermine disponieren. Das ist o.K. Nicht o.k ist, wie lange und umständlich das geht. Oder Arztbriefe schreiben in einer Art, bei der das Ausschneiden von Buchstaben aus der Zeitung und dann aufkleben auf Papier wie bei Erpressungsbriefen vermutlich schneller gehen würde. Was mein Gehirn „beleidigt“, ist nicht, dass ich die Aufgaben machen muss. Das weiss ich und gehört zum Job. Ich muss ja nicht als Arzt arbeiten. Aber wenn aus der subjektiven Sicht meines Gehirns eine effizientere Option für die Aufgabe besteht, die ich nicht wählen darf, streikt mein Gehirn gerne mal.

Gerade mit der Einführung von einem Computersystem in der Klinik haben sich Aufgaben ergeben, die so strukturiert sind, dass sie normalen Angestellten nicht zugemutet werden. Also bei mir als Arzt bleiben. (Schlicht, weil sie getan werden müssen. Eigentlich müsste nur das System richtig eingerichtet werden, dass ist aber wiederum aufwändig und wird von anderen Aufschiebern in der EDV-Abteilung sowie beim Hersteller des Systems seit 6 Jahren nicht getan).

Hier muss ich mir Eselsbrücken machen, dennoch einen emotionalen „Sinn“ zu erkennen. Leider hilft hier nur selber gemachter „Druck“ (im englischen Urge).

Dies gilt zumindest dann, wenn der Druck entsprechend gross ist und es wirklich um im weitesten Sinne emotional wichtige Projekte beziehungsweise um subjektiv wichtig eingeschätzte Dinge handelt. Einige „Profis im Aufschieben“ (Prokrastination) werden auch nach Abgabeschluss einer Arbeit oder anderen „Deadline“ nur dadurch aktiv, dass das schlechte Gewissen drückt. Nicht das eigene Gewissen. Sie machen sich aufgrund ihrer Hilfsbereitschaft eher Gedanken, was die unerledigte Aufgabe für Partner und andere Personen bedeuten könnte.

Leider hilft Einsicht nur  herzlich wenig bei diesem Problem. ADHSler haben häufig das Problem, dass sie eben selber nicht anfangen können und den inneren Start-Knopf eben nicht finden.

3 Gedanken zu „ADHS Zeitmanagement: Auf die letzte Minute?

  • 02.07.2012 um 00:09
    Permalink

    Oh, WAHNSINN!!! Ich hätte niemals gedacht, dass jemand es so auf den Punkt mit den gleichen Worten beschreiben kann wie ich es immer mache … Es spricht mir aus der Seele! Nur leider macht mich mein rebellisches Gehirn, aufgrund dessen, oft lebensunfähig und sehr eingeschränkt. Ist das wirklich AD(H)S???

    Antwort
  • 25.06.2012 um 19:01
    Permalink

    Ihr trefft den Nagel auf den Kopf.

    Antwort
  • 18.10.2011 um 07:34
    Permalink

    Das brutale ist, man weiß das selbst und beobachtet es auch immer wieder an sich selbst, kann es aber leider nicht abstellen….

    Manchmal denke ich, ich wäre für diese Welt und dieses Arbeitsleben hier einfach nicht gemacht.

    Antwort

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: