ADHS bei Kindern im Vorschulalter

Heute lese ich eine Menge Twitter-News zu einer Änderung der Empfehlungen in den USA, was nun die Diagnostik und Behandlung von kleinen Kindern im Vorschulalter mit einem hyperkinetischen Syndrom angeht.

Auch vierjährige können und sollten einer Diagnostik und ggf. Behandlung (Verhaltenstherapie und Elterntraining) zugeführt werden, wenn sich die Symptomatik nachhaltig und über einen Zeitraum von neun Monaten (statt der sechs Monate bei „älteren“ Kindern) zeigt.

Ich höre schon förmlich den Aufschrei, dass da wieder Kinder stigmatisiert werden und den Stempel „ADHS“ aufgedrückt bekommen sollen. In einem Artikel vor ein paar Tagen las ich beispielsweise, dass doch ADHS nichts anderes als eine Bezeichnung für Verhaltensmuster wäre, die noch vor einigen Jahren in den USA für Jungen als geradezu kerngesund, ja zu fordern gewesen wäre.

Lebendigkeit, Risikofreudigkeit, Wagemut, Unangepasstheit und motorische Unruhe und Bewegung seien doch gerade von einem Kind zu fordern. Stimmt vielleicht. Aber genau das können ADHS-Kinder eben nicht überdauernd ohne sofort bei Gleichaltrigen, in der Vorschule oder Kindergarten oder im Verein anzuecken. Sie leiden natürlich nicht unter ihrer Hyperaktivität und auch nicht unter Unkonzentriertheit. Sie leiden darunter, dass sie sich nicht situationsangemessen im „Verhaltensstrom“ der Erwartungen von Gleichaltrigen und Erwachsenen integrieren können. Sie fallen immer wieder dadurch auf, dass sie sich nicht bremsen und nicht integrieren können. Und sie bekommen immer wieder zu hören, dass sie sich nicht genug anstrengen, dazu gehören zu wollen. Dabei möchten sie nichts mehr, als einfach nur ein „normales“ Kind zu sein. Dabei sein, statt nicht zu Kindergeburtstagen eingeladen zu werden. Dabei sein, statt immer emotionale Wunden zu erhalten.

In Deutschland engagiert sich u.a. die AG-ADHS für eine vernünftige Diagnostik und Behandlung. Ich empfehle zur Versachlichung einen Beitrag von Dr. Kohns zum Thema Vorschüler und ADHS. Dann wird deutlich, dass es nicht darum geht, übermässig vielen Kindern eine Diagnose über zu stülpen, die sie nicht verdienen. Sondern darum, wirklich fundiert eine ausführliche Verhaltensbeobachtung zu machen und aus diesen Beobachtungen Rückschlüsse zu ziehen, die dann eine Integration (oder schreibt man heute Inklusion) statt Ausgrenzung ermöglicht.

Wenn die Eltern und das Umfeld von den Besonderheiten wissen, kann auch eine Förderung erfolgen. Oder besser: Könnte…. Leider sind eben Kindergärten, Jugendämter und auch viele andere angebliche Fachleute eben solange vorurteilsgeleitet, bis sie als Eltern selber ADHS-Kinder haben. Und dann laut aufschreien, wie unmöglich doch bisher das Thema ADHS / Hyperaktivität in der Öffentlichkeit von Leute vertreten werde, die sich als Fachleute aufspielen, selber aber überhaupt keinen Bezug zur Realität der ADHS-Diagnostik und Behandlung haben. Sprich: Die nie ein ADHS-Kind von der Geburt bis in das Erwachsenenalter gesehen oder gar betreut haben. Aber zu allem eine Meinung haben.

2 Gedanken zu „ADHS bei Kindern im Vorschulalter

  • 28.10.2011 um 07:11
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    „Darauf sah sie mich entsetzt ab und sagte, das geht nicht. Tja warum dann aber ständig anders herum?“

    Ich kann auch nicht sagen, warum man immer alle Menschen, gleich welchen Alters, über einen Kamm schert.
    Es muss doch möglich sein, andere Menschen so zu akzeptieren, wie sind sind und ihnen es überlassen, ihr Leben zu Leben, wie sie es sich einrichten wollen und können.

    Ich persönlich bin kein Verfechter von Medikamenten. Anderer seits bin ich für eine Medikamentierung, wenn sie notwendig ist.
    Wenn sie umgestellt werden kann, weil es GUTE und NACHVOLLZIEBARE Gründe dafür gibt, kann man das diskutieren und dann evtl. auch ausprobieren, ob es den Menschen, die es betrifft, dann besser geht (wie auch immer das BESSER individuell definiert wird). Wenn nicht, dann eben wieder zurück rudern. Die einzige Begründung,etwas zu tun, ist in meinen Augen, das Ergebnis. Geht es dem Patienten / der Patientin besser oder nicht. Wenn ja – gut. Wenn nein, dann etwas anderes ausprobieren. Ob es nun um Medikamente oder Therapien oder etwas anderes geht, das helfen könnte.

    Wir haben uns lange gegen eine Medikamentierung unserer Kinder gewehrt. In unserer Situation, und sicher auch erst im Nachhinein wirklich ersichtlich, zu Recht.
    Aber andere Menschen sind eben andere Menschen. Man kann so etwas nur individuell entscheiden. Genau so wie man nur individuell über Tests und / oder Therapien entscheiden kann.

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  • 20.10.2011 um 17:33
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    Mein Großer ist jetzt 19 Jahre alt, wenn ich gewußt hätte, was auf meine Kinder in den Jahren zukommt, hätte ich keine bekommen. Wir haben in den Jahren viele Erfahrungen sammeln müssen, wie das Umfeld, Ärtze, Therapeuten, Jugendämter, Sozialarbeiter und wen wir in den Jahren noch so alles kennengelernt haben, mit dem Thema und mit uns umgeht. Manchmal kann ich einfach nicht mehr, also habe ich es niedergeschrieben und werde es wohl nie fertig bekommen – grins – ich fange an es jedesmal umzuschreiben. Eigentlich wollte ich anderen Betroffen helfen, es mit viiiiiiieeeeellllll Humor im Umgang mit dem Umfeld zu nehmen. Mir hat damals auch ein Buch geholfen, das von einer betroffenen Mutter veröffentlicht worden ist. Es ist für einen doch wichtig, das man doch nicht allein betroffen ist. Es macht mich betroffen, daß in den fast 20 Jahren, in denen ich versuche meinen Kindern zu helfen, so richtig nichts vorwärz zu gehen scheint. Warum ist gerade der Bereich ADS für “ normale“ Bürger so schwer zu akzeptieren. Wir sind doch keine Aliens von einem anderen Planeten, wir wollen doch auch nur unseren Platz zum Leben haben und einfach akzeptiert werden, aber gerade bei dem Therapieweg meines Großen habe ich feststellen müssen, das von uns oft nur Verlangt wird “ normal“ zu sein. Wir müssen das doch endlich mal begreifen! Da gibt es Kompetentgerangel unter Ärzten, nur weil eine eine so “ hohe “ Dosis noch nie gesehen hat, stellt sie einfach die medikamente um. Eine anderer behauptet, daß Kind wäre normal, müsse nur begreifen, das es 17 Jahre alt ist. Ausbaden darf das am Ende immer das Kind. Das finde ich unverantwortlich und unzumutbar was den Kindern angetan wird!!!!!!!!! Wenn diese Kinder dann irgendwann ausrasten, sich oder anderen Schaden zufügen, dann ist das Geschreie wieder groß. Dann hat wieder jeder wieder von nichts gewußt usw. Sorry, ich will nicht grob werden, aber ich habe es langsam satt, das es immer heißt wir müssen uns anpassen und umstellen. Hey, hat schon einer mal überlegt, das wir uns auch normal finden? Ich hatte mal eine Kollegin, die hat immer zur mir gesagt, ich müsse Verständnis haben. Daraufhin habe ich sie mal gesagt: Stelle dir einfach mal vor, wie es wäre, wenn wir in der Mehrheit wären und von Euch ständig verlangen würden, Euch anzupassen. Darauf sah sie mich entsetzt ab und sagte, das geht nicht. Tja warum dann aber ständig anders herum?

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