ADHS Medikation mit Ritalin: Wie wirkt Methylphenidat?

Methylphenidat wirkt wie ein stiller Koordinator im Vorfeld von Gedanken, Gefühlen, körperlichen Reaktionen und Verhalten. Wenn eine Stimulanzienbehandlung  gut wirkt, merkt man als Patient zunächst häufig überraschend wenig. Das Umfeld dafür überraschend viel.

Ein Kind wird also zu Recht sagen, dass es keine Veränderung merkt. Es dauert einfach, bis man sich an die neue Wahrnehmung gewöhnt.

Vom Schweizer Kinderpsychiater Meinrad Ryffel wurde der häufig in amerikanische Publikationen gebräuchliche Vergleich von Psychostimulanzien mit einer Brille nach Europa gebracht. Er bezeichnete die Stimulanzien auch als AKOS-Brille. Also eine Hilfe bei Problemen der Aufmerksamkeit, Konzentration und Selbststeuerung

ADHS-Kinder sind in gewisser Weise eben auch „kurzsichtig“. Sie überblicken nicht immer die Konsequenzen ihres Handelns, leben im Hier und Jetzt. Die Störungen der Selbststeuerung bzw. höherer Handlungsfunktionen führt zu Problemen, die durchaus mit einer Fehlsichtigkeit vergleichbar sind. Die Augen sind o.k., aber die Informationsverarbeitung eben betroffen.

Nicht alle ADHS-Kinder brauchen eine solche „pharmakologische Brille“. Allerdings würde man einem Kind mit einer Myopie (Kurzsichtigkeit) ja auch nicht Brillengläser verwehren, nur weil es sich ja auch sonst irgendwie noch orientieren könnte.

Wie macht sich dann eine veränderte Selbstwahrnehmung bemerkbar ?
Häufig durch ein „weniger“ eines ständigen Durcheinanders von Wahrnehmungen von aussen (einschliesslich des emotionalen „Lärms“ von Spannungen, Konflikten, Ungerechtigkeit) oder eigenen Gedanken, Gefühlen. Statt diffus „ALLES“ ohne eine wesentliche Priorität in wichtig oder unwichtig zu registrieren und in einen Nebel von „zu viel“ zu geraten, kann man unter dem Einfluss der Medikation besser einen Fokus setzen und damit entscheiden, was man registrieren oder besser mehr oder weniger ausblenden kann.

Zum Verständnis kann man hier besonders aus den Beschreibungen von ADHS-Erwachsenen lernen. Einige Patienten im Erwachsenenalter beschreiben, dass bei den ersten Behandlungstagen unter der optimalen Einzeldosis sich ein inneres Fenster öffnet oder ein Nebel gelichtet wird. Sie könnten klarer sehen, es laufen nicht mehr alle Programme eines imaginären Fernsehers gleichzeitig. Es besteht plötzlich eine Auswahlmöglichkeit, was man tun oder lassen möchte. Ob man sich über eine Sache aufregen und mit einem Wutanfall oder einer saftigen schriftlichen Entgegnung im Internet reagieren „will“ oder es lieber doch noch einmal überdenkt wird zu einer registrierten Entscheidung. Um ehrlich zu sein: Auch nicht immer, aber immer öfter. Die emotionale Bedeutung einer Person oder eines Problems wird klarer umgrenzt und beurteilbar. Statt von einem Gefühl überflutet zu werden, kann man lernen das Gefühl zu kontrollieren bzw. auch einmal nicht zu beachten (sofern es sich wirklich nur um ein ADHS-Problem handelt.). Einem Kind wird es natürlich ähnlich gehen. Diese Umstellung kann aber überraschend sein. Und das Kind machmal auch überfordern, wenn es nicht entsprechend begleitet wird.

Es fühlt sich wie selbstverständlich an, dass man wahrnehmen kann. Damit aber auch weit weniger anstrengend, weil das Durcheinander eben sich von alleine eine gewisse Vorordnung gibt. Häufig wird damit ein Alltag (auch Schultag) überhaupt körperlich und psychisch machbar. Einfach weil nicht mehr soviel Energie für das Wahrnehmen bzw. Filtern von Reizen aufgebracht werden muss.

Dieses „Selbstverständnis“ kann aber alles andere als bekannt sein. In aller Regel erlebt man sich ja völlig neu und es bedarf einer Anpassung an diese neue Art der Wahrnehmung. Sich selber verstehen ist die Grundlage für diese „Selbst-Verständnis“. Nicht immer sind die wahrgenommenen Dinge schön. Eher selten muss man ja annehmen, wenn man die Lebens- und Leidensgeschichte vieler Betroffener so sieht. Leider lösen sich diese erlebten Probleme durch die Medikation nicht in Wohlgefallen auf. Vielmehr werden sie häufig erst sichtbar, bzw. bekommen ein emotionales Gewicht. Sie werden ernst oder ernster genommen.Ein Kind mit einem Hyperaktivitätssyndrom kann plötzlich entscheiden, ob es weiter der Klassenclown sein will (und dafür ja auch Anerkennung und Kontakte hat). Oder eben nicht. Wobei dies auch zu erheblichen Gefühlsproblemen führen kann, wenn unter dem Einfluss der Medikation plötzlich eine 5 oder 6 einer Klassenarbeit oder eines Zeugnisses „wahr-„genommen wird. Also nicht nur zur Kenntnis in einer Flut von Reizen und Gedanken kommt, sondern auch emotional ankommt.

Mit ein paar Milligramm eines Psychostimulans wird man natürlich nicht sofort ein anderer Mensch. Aber viele meiner Patienten erkennen sich jetzt doch deutlich besser selbst. Andere aber eben nicht. Das muss nun nicht immer mit einer mangelnden Wirkung der Medikation zusammenhängen. Wenn die Fähigkeit zur Reflektion bzw. Selbstwahrnehmung nicht entwickelt werden konnte oder einfach altersgemäss noch nicht erwartet werden kann, wird man diesbezüglich kaum eine wesentliche Änderung verspüren. Dieser Egozentrismus, also einen sehr auf sich selbst zentrierter Denk-, Wahrnehmungs- und Beurteilungsstil kann einer wirksamen Selbsterkenntnis leider häufig im Wege stehen. Da helfen dann aber auch keine Dosiserhöhungen, Präparatewechsel, ständige Selbstversuche oder Vorwürfe an die angeblich inkompetenten Therapeuten. Hier ist nicht allein ein Wechsel der Medikation angesagt, hier müsste zunächst psychotherapeutisch an der Selbstwahrnehmung gearbeitet werden. Und nicht selten versagt die Psychotherapie auch hier, solange sich das Umfeld nicht ändert oder ändern lässt.

ADHS-Medikation braucht Begleitung

Gerade WEIL die Pharmakotherapie bei ADHS häufig so extrem wirksam ist, sollten Kind und Familie nicht allein gelassen werden. So häufig die Verunsicherung vor dem Beginn einer Behandlung  auch ist, die Veränderungen des Kindes in seiner Wahrnehmung, in seinen Stimmungen und Verhalten sind eben nicht immer vorhersehbar.

Gelegentlich hört man von Kindern, die sich nach der Erstbehandlung mit Methylphenidat oder anderen Stimulanzien scheinbar wesensverändert zurückziehen. Häufig sind dies sehr sensible, sehr reizoffene Kinder. Unter der Medikation verändert sich ihre Wahrnehmung, ihre inneren Filter sind plötzlich aktiv. Aber es braucht eben auch Zeit, bis das Gehirn das Sortieren von wichtigen und unwichtigen Reizen lernt. Und häufig nehmen die Kinder dann erstmals die Unruhe bzw. das herrschende Chaos in einer Klasse wahr. Selbst wenn viele ADHS-Kinder als Unruheherde einer Klasse (oder auch Kindergartengruppe) gelten mögen und häufig laut und polternd erscheinen, so empfindsam sind sie doch selbst gegenüber Lärm.

Hier müssen Eltern, Kinder bzw. Klienten und auch das Umfeld vorbereitet und begleitet werden. Aus meiner Sicht ist die mangelhafte Begleitung bzw. Informationen über die zu erwartenden Veränderungen der Hauptgrund, warum die ADHS-Therapie häufig  so schlecht angesehen ist.

ADHS-Medikatonseinstellung ist kein Sprint, sondern ein Langstreckenlauf. Häufig eher ein Marathon. Es dauert, bis sich Veränderungen im Verhalten dauerhaft stabilisieren lassen. Die anfänglichen Erfolge sind ja schön und gut. Entscheidend ist aber die „Performance“ im Alltag über einen längeren Zeitraum

Nicht die Medikation ist schuld, sondern letztlich die mangelnde Zeit der Ärzte, bzw. Therapeuten, die Familien in der Pharmakotherapie zu begleiten. Kein Wunder, wenn dann die Compliance schlecht ist bzw. eine „Ausprobiereritis“ zu letztlich desolaten Resultaten führen kann. So muss und so soll es aber nicht sein!

2 Gedanken zu „ADHS Medikation mit Ritalin: Wie wirkt Methylphenidat?

  • 02.07.2014 um 15:10
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    Schade nur, dass Methylphenidat heute viel zu leichtfertig verschrieben wird. So kommen auch diejenigen Ärzte und Eltern in die Kritik, die es mit gutem Grund einsetzten.

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    • 13.07.2014 um 16:36
      Permalink

      Einen Beleg dafür, dass Methylphenidat leichtfertig verschrieben wird, gibt es so nicht. Natürlich sollte man jedes Medikament sorgfältig einsetzen. Das gilt aber viel häufiger bei Aspirin oder anderen Schmerzmitteln, Schlafmitteln oder selbst Asthma-Sprays.

      Alle verfügbaren Daten zeigen, dass Stimulantien sehr sorgsam verordnet und eingenommen werden. Jede Ausnahme bestätigt diese Regel und bedarf dann weiterer Aufklärung bei den Ärzten und Eltern

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