Was gut wirkt in der ADHS-Therapie (Teil 2)

Viele Erwachsene mit einer ADHS kennen eine innere Unruhe, welche sie nicht zur Ruhe kommen lässt und sie unentwegt weitertreibt. Das zeigt sich unter anderem daran, dass sie Mühe haben, innezuhalten und zu geniessen. Genau genommen sind sie in einem gewissen Sinn durchaus genussfähig, aber halt nur dann, wenn dieser Genuss mit Aktion (oder besser mit „Action“) verbunden ist. Oder etwa dann, wenn sie „unter Strom“ stehend, hyperfokussierend auf etwas „abfahren“.

Passiver Genuss im Sinne von entspannter, kontemplativer Hingabe an eine Sache kennen die meisten ADHS-Betroffenen nicht. Mit kontemplativ meine ich einfach nur beschaulich, also sanfter Genuss ohne Action. Und dies alles ohne religiösen, spirituellen oder mystischen Hintergrund.

Kontemplative Hingabe ist nicht zu verwechseln mit dem auf den ersten Blick ähnlich erscheinendem Konzept der Achtsamkeit, welches zur Zeit Hochkonjunktur hat („Mindfulness“). Letzteres meint – sofern ich es richtig verstanden habe – ein offenes und nicht-wertendes Gewahrwerden dessen, was in jedem Augenblick um uns herum geschieht. Kontemplative Hingabe heisst demgegenüber, dass man das, was man gerade zu seinem Wohlbefinden tut, mit Hingabe, in Ruhe und mit Genuss macht.

Beispiele einer kontemplativen Hingabe sind:

  • Einen Roman lesen, ohne Turboantrieb und Überspringen von ‚langweiligen‘ Absätzen oder Kapiteln.
  • (Klassische) Musik hören und dabei Passagen, welche einem keine Hühnerhaut den Rücken jagen, geduldig über sich ergehen lassen und sich bereit machen auf die sich bald wieder steigende Dynamik/Dramatik.
  • Beim Malen eines Aquarells in der Natur sich beim Finden eines tollen Sujets lange genug einen günstigen Standpunkt zu suchen, statt überhastet mit dem Skizzieren und Malen zu beginnen, dann unruhig zu werden, einen nächsten Standpunkt zu suchen, wieder hibbelig zu werden und am Schluss frustriert von dannen zu ziehen und/oder beim späteren Betrachten des Bildes zu denken: „Hätte ich doch …“.
  • Einem Kochrezept ‚gehorchen‘, es also einmal Schritt für Schritt zu befolgen, statt nach der Methode „Ich mach’s mal doch lieber so …“ vorzugehen (und nachher über den verkorksten Kuchen und sich selbst enttäuscht zu sein).
  • Beim Wandern (und ähnlichen Projekten) auf Abkürzungen zu verzichten. Diese sparen zwar Zeit, sind aber meist unverhältnismässig ermüdend (dazu passende Stichworte: „Der Weg ist das Ziel“ oder: „Der Weg ist klüger als der Mensch“).
  • Seite für Seite die Bedienungsanleitung der lange ersehnten Nähmaschine zu lesen, statt wie wild darauf loszunähen und dann innerlich zu fluchen, wieso jetzt plötzlich dies oder jenes nicht funktioniert und daüber sauer zu sein, dass man wohl ein Montagsmodell erwischt hat.
  • Beim Reinigen des geliebten Fahrrades auch einmal Unnötiges zu putzen, dass es einer Schnellbleiche zu unterziehen.
  • Seiner oder seinem Geliebten lange genug passiv Aufmerksamkeit zu schenken, anstatt in Gedanken und/oder im Verhalten schon wieder woanders zu sein.
  • Im Supermarkt in der Schlange an der Kasse stehen bleiben und an etwas Schönes denken, statt gierig und nervös nach einer etwas kürzeren Warteschlange Ausschau zu halten und womöglich mit dem Einkaufswagen im Zickzack-Kurs eine Kasse nach der anderen anzusteuern.

Menschen mit einer ADHS wünschen und suchen diese Ruhe- und anhaltenden Genussmomente und möchten im Grunde genommen das, was sie tun, richtig tun. Kaum haben sie sie gefunden oder mit etwas Angenehmen begonnen, zieht es sie jedoch wie in einem Zwang weiter zum nächsten Kick. Dies wohl (oder bald darauf) wissend, dass sie jetzt einmal wieder zu schnell weg oder zu schnell beim Nächsten waren. Ihr innerer Kompass weist und treibt sie halt syndromtypisch ständig in Richtung Stimulationsgewinn.

Dieses Vorwärtsgetrieben sein kommt nicht nur bei der ADHS vor, es tritt bei Vorliegen einer ADHS aber als Kernsymptom in Erscheinung (und nicht nur als Nebeneffekt, wie etwa bei Narzissten oder bei Angststörungen).

Bei allen Vorteilen, welche ein hoher Energielevel mit sich bringen kann, überwiegen bei ADHS-Betroffenen mittelfristig die Nachteile. Negative Auswirkungen der chronischen inneren Unruhe und des Vorwärtsgetriebenseins sind vielfältig. Sie können sich in einer Hypertonie zeigen oder in anderen Stresssymptomen. Burnout ist eine mögliche Folge.

Während einige ADHS-Betroffene die Ruhe durchaus mehr oder weniger aktiv suchen, vermeiden andere die Situationen wohlwissend, dass sie es eh nicht aushalten und wieder die Flucht nach vorne antreten.

Was tun? Theoretisch ist es einfach: Man lernt etwas nur dann, wenn man es tut. Dazu kann eine Psychotherapie hilfreich sein. Oder das Engagement in einer ADHS-Selbsthilfegruppe.

Um keine falschen Hoffnungen zu wecken: Das Erlernen von heilsamer, kontemplativer Hingabe kann eine medikamentöse Basis-Therapie nicht ersetzen. Im Gegenteil: Gewöhnlich ermöglicht erst eine Behandlung mit Stimulanzien, dass ADHS-Betroffene aus den therapeutisch angeleiteten Erfahrungen lernen und Hingabe einüben können.

4 Gedanken zu „Was gut wirkt in der ADHS-Therapie (Teil 2)

  • 22.03.2012 um 10:28
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    Das Prinzip der kontemplativen Hingabe („… dass man das, was man gerade zu seinem Wohlbefinden tut, mit Hingabe, in Ruhe und mit Genuss macht“) scheint, insbesondere, wenn ich mir die Beispiele aus dem Alltag anschaue (Geliebte(r), Supermarkt, Bedienungsanleitung, ach, eigentlich alle) dem Prinzip der Achtsamkeit nicht zu widersprechen, im Gegenteil:

    Konzentriert im Moment (dem sog. „Hier und Jetzt“) zu sein und die Dinge bewusst/unabgelenkt zu tun/wahrzunehmen, ist doch genau das, was ich aus den Beispielen herauslese und sich auch bei den Achtsamkeits(meditations)experten so beschrieben findet. Oder sollte ich mich da täuschen?

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    • 22.03.2012 um 11:44
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      Bei der kontemplativen Hingabe steht nicht die Wahrnehmung oder das Gewahrwerden im Zentrum (Zweck der Übung ist also nicht die Bewusstwerdung), sondern das Handeln (es geht also um Verhalten). Der Begriff der „kontemplativen Hingabe“ ist zugegebermassen etwas unglücklich gewählt. Besser wäre wohl „kontempatives Handeln“. Wobei …

      Wenn Sie Erfahrungen in oder konkrete Hinweise zum Thema Achtsamkeits-Konzept & ADHS haben, könnten Sie das im ADHS-Forum (www.adhs-forum.ch) vorstellen. Was wäre interessant!

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  • 21.03.2012 um 18:34
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    Vielen Dank für einen wirklich hervorragenden Blog zum Thema AD(H)S.
    Das Lesen desselben gehört für mich mittlerweile zum täglichen Ritual!

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  • 21.03.2012 um 15:18
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    Wenn ich „geniessen muss“ dann habe ich so meine Tricks. Einer davon ist nebenbei ein Computerspiel zu machen.
    Das tönt nun blöd, aber wenn ich sage, dass ich mich besser auf ein Gespräch konzentrieren kann, also zuhören kann, wenn ich nebenbei ein Solitaire löse, dann versteht man das. Oder ich höre besser zu wenn ich nebenbei wandere.
    Ich wundere mich immer, wie ein ADSler-Psychologe so gut zuhören kann 😉

    Entspannen kann ich wunderbar in der Hängematte. Vermutlich durch das leise schaukeln. Dort lese ich auch gerne. Uebrigens habe ich sogar ein Sofa auf Spiralbeinen, das immer leicht schaukelt. (Beides gekauft, bevor ich vom ADS wusste).

    Es geht darum, dass das Gehirn einen Teil abspaltet um Bewegung zu koordinieren und so einen anderen Teil freimacht um sich zu fokussieren.
    Ob ein Lehrer den Anblick einer schaukelnden Schulklasse erträgt sei dahingestellt *lach – aber mich würde nicht wundern, wenn z.B. strickende Schüler mehr Stoff aufnehmen könnten.

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