Konstruktive ADHS-Kritik (Teil 6: DSM-IV und ICD-10 sind unvollständig)

Die Diagnose- bzw. Klassifikationssysteme  der DSM-IV und der ICD-10 verfügen bis heute für einige, recht häufig auftredende primär neuropsychologisch beschreibbare Entwicklungsstörungen über keine Diagnosen. Aus diesem Bereich können gemäss der oben genannten Diagnosesysteme zur Zeit lediglich die Lese-, Rechtschreib- und Rechnenstörungen codiert werden.

Was vor allem fehlt, ist die Möglichkeit, die sogenannte Nonverbale Lernstörung (NVLD) zu diagnostizieren. Auch die isolierte Merkfähigkeitsstörung, wie sie in der Praxis bei Kindern immer wieder anzutreffen ist, kann diagnostisch nicht vernünftig codiert werden.

Problematisch ist das, weil diese Störungsbilder versicherungstechnisch und hinsichtlich Forschungsbemühungen aussen vor bleiben (DSM/ICD sind quasi die „Passworte“, um bei den Krankenkassen Leistungen abrechnen zu können). Sie finden in der Folge auch keine Erwähnung in den diagnostischen und therapeutischen Leitlinien. Und sie sind vielen Fachpersonen deswegen einfach auch gar nicht bekannt. Traurig aber wahr: Viele nehmen in der Psychiatrie nur noch dasjenige wahr, was die Filtersysteme der DSM und ICD explizit benennen.

Noch ungünstiger ist es, dass das Fehlen dieser Diagnosen falsch-positive ADHS-Diagnosen begünstigen und/oder dass therapeutisch relevante komorbide Störungen (wie zum Beispiel die NVLD) übersehen werden. Die NVLD kann nämlich zu Symptomen führen, die einer ADHS recht ähnlich sein können.

Über die Nonverbale Lernstörung werde später einmal mehr berichten.

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