ADHS-Medikation: Wer fragt den Philipp?

Bin gerade mal wieder über einen Online-Artikel zu einer ADHS-Veranstaltung von Pädagogen der Uni Trier gestolpert.

Während sich die Herren und Damen Wissenschaftler/innnen so ihre Gedanken darüber machen, wie man denn möglichst umfassend und als „ultima ratio“ auch mal an Medikamente denken kann (als ob es nun ein Kontaktallergen wäre), wird dann in einem Nebensatz auch mal ein betroffenes Kind befragt :

„Erst als andere Wege keinen Erfolg zeigten und der Leidensdruck ihres Sohnes immer größer wurde, ließ sie sich gemeinsam mit ihm aufklären. “Ich erinnere mich, wie wir im Sprechzimmer des Arztes saßen und er uns erklärte, was Methylphenidat sei und wie es wirke”, sagt sie. Es sei ihr Sohn gewesen, der schließlich gesagt habe: “Wenn es ein Medikament gibt, das mich macht wie die anderen Kinder, dann will ich es nehmen”. Die Mutter sagt: “Es hat mir das Herz zugeschnürt, ihn das sagen zu hören”. Seitdem Philipp Methylphenidat nimmt, hat der Rabauke sich zum Musterschüler entwickelt. “Zum ersten Mal kann er seine Interessen und Talente wirklich einbringen, das ist toll für ihn”, erzählt Irene. Die Lehrer seien begeistert über den Wandel, die anderen Kinder schlössen Philipp nicht mehr aus, seitdem er den Unterricht nicht mehr störe. “Es geht ihm wirklich besser.  Aber wenn ich ihn mir so anschaue”, sagt Irene, “dann habe ich ein ganz ungutes Gefühl”.

Wie fürchterlich, oder? Ich meine nicht, dass der Philipp sich nun zum Musterschüler mutieren lassen musste. Und ich störe mich auch nicht daran, dass die anderen Kinder den Philipp nicht mehr als Störenfried ausschliessen.

Wieso hört man nicht auf die Kinder mit ADHS und nimmt mal die Position des Kindes mit Entwicklungs- und Verhaltensauffälligkeiten ein ?

Die schlauen Erwachsenen Heilsondertherapeuten mögen ja Pillen doof finden und auf ihre eigenen Maßnahmen schwören. Nur leider helfen die den Kindern so selten, sich dann wirklich anders zu fühlen! Man könnte auch behaupten: Die ADHS-Kinder halten sich nicht an die Verbesserungserwartung der Psychologen, Heilpädagogen und sonstigen Heilsversprechern.

Wer nimmt mal dieser Mutter das schlechte Gewissen, sich FÜR ihr Kind und gegen die unsinnigen indirekten Schuldvorwürfe von Therapeuten zu wehren, ihrem Kind schlicht und ergreifend eine WIRKSAME Hilfe zukommen zu lassen?

Das Wort des Tages kommt dann von Prof. Lehmkuhl „Wenn jemand nicht darunter leidet, muss man ADHS nicht behandeln”. Wie richtig. Auf diese Idee würde man ja auch gar nicht von allein kommen, wenn man nicht gerade Ordinarius für Kinder- und Jugendpsychiatrie wäre. Nur: Ich erlebe tagtäglich eben inzwischen Erwachsene, bei denen schlaue systemische Therapeuten, Kinder- und Jugendpsychiater oder eben Erziehungsberatungsstellen der Auffassung waren, das Kind würde sicher nicht unter seinem ADHS, sondern unter den Eltern, der Schule oder sonstwem leiden. Nur, dass es eben auch unter der Störung der eigenen Wahrnehmung und Aufmerksamkeit leiden kann, dass kommt ihnen nicht in den Sinn.

Diese Kinder leiden wirklich. Häufig ganz sicher unter den Erfahrungen mit den Therapeuten und der unterlassenen Zeit und Hilfestellung, einmal dem Kind zuzuhören.

Auch nach dieser Veranstaltung haben die Teilnehmer offenbar nicht verstanden, dass ADHS nicht ein gesellschaftliches Problem ist. Wohl aber in einem gesellschaftlichen Kontext steht.

Im Mittelpunkt sollten aber nicht die weltanschaulichen bzw. therapeutischen Zielsetzungen der Therapeuten, sondern allein das Interesse des Kindes stehen.

2 Gedanken zu „ADHS-Medikation: Wer fragt den Philipp?

  • 16.05.2012 um 10:49
    Permalink

    Herzlichen Dank für diesen außergewöhnlich guten Artikel zu diesem Thema!
    Ich finde es sehr wichtig, dass die positive Wirkung von Medikamenten in diesem Zusammenhang auch einmal Erwähnung findet. Man kann eben nicht alles „gesundreden“.
    Gerne möchte ich auf folgende, wie ich finde, sehr gute Diplomarbeit verweisen, in der die Autorin eine interessante Auswahl an pädagogischen Maßnahmen für die Hilfe von Kindern mit ADHS zusammengestellt hat: http://www.hausarbeiten.de/faecher/vorschau/102605.html#inside

    Viele Grüße!

    Antwort

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