ADHS Diagnose bei Prokrastination

Warum eine ADHS-Diagnose bei Prokrastination = Aufschieberitis wichtig ist, aber immer noch viel zu selten und viel zu spät erfolgt.


Ich denke ja häufig an ADS / ADHS , aber nicht immer

Es gibt Patientinnen und Patienten, die kommen rein und ich weiss mehr oder weniger intuitiv, dass sie neurodivers sind.


Ob sie darunter im klinischen Sinne leiden, ob sie eine ADHS- oder Autismus-Diagnose bekommen „müssen“, das ist vielleicht noch eine ganz andere Frage. Aber mit entsprechender klinischen Erfahrung bzw. Lebenserfahrung erkennt man den besonderen Wahrnehmungs- und Handlungsstil. Oder besser gesagt, man erlebt den Funktions- und Reaktionsstil eben im Kontakt. Häufig schon in den allerersten Kontakten.

Alles natürlich vor der „seriösen“ Diagnostik, die dann auch kein anderes Ergebnis bringt. Aber natürlich schon erforderlich ist.

Und dann gibt es Patienten, bei denen ist das nicht so. Eigentlich völlig normal. Nicht jeder meiner Patienten in der Klinik ist neurodivers. Ganz und gar nicht. Und das ist natürlich auch gut so.


Wenn es „anstrengend“ in der Therapie wird und es irgendwie nicht weiter geht…


Aber es gibt da die Gruppe von Patientinnen und Patienten, bei denen ist – bei aller persönlicher Sympathie – dann die gesamte Therapie bzw. Visitengespräche irgendwie „anstrengend“. Sie sind so „umständlich“ genau und gleichzeitig so unglaublich ausschweifend. Reden viel und sagen nichts. Aber das immer und immer wieder. Sind immer einen Hauch am Thema vorbei, wobei das Thema ständig wechselt und die Gedanken springen. Auch meine Psychotherapie-Kolleginnen sind dann nach einer Therapiesitzung häufig psychisch erschöpft und haben das Gefühl einen Schritt vor und 2 zur Seite gemacht zu haben.

Das ist keinesfalls böse gemeint. Jeder kann mal einen schlechten Tag haben. Aber wenn es überdauernd und bei verschiedenen Kolleginnen und Kollegen mit gutem Nervenkostüm passiert, ist das schon mal eine Überlegung wert.

Wenn man viel zu spät an ADHS bei Prokrastination denkt
ADHS und Prokrastination

Prokrastination hoch 10 bei ADHS

Nun begab es sich aber zu seiner Zeit, dass kurz vor Abschluss der Therapie dann auffiel, dass eigentlich noch gar nichts weiter geklärt und erreicht wurde. Und die liebste aller Ehefrauen sich darüber beschwerte, dass dies ja mal wieder typisch für den Ehegatten wäre. Er würde nie anfangen, die Dinge zu erledigen. Alles würde er beginnen, nichts zu Ende führen. Viele Baustellen, die er nun doch mal endlich, endlich, endlich in Angriff nehmen solle.

War mir sonst eigentlich – ausserhalb der persönlichen längeren Therapiegespräche und Visiten – gar nicht aufgefallen. Immerhin wirkte der gute Mann ausgesprochen „strukturiert“. Um nicht zu sagen : ZWANGHAFT und perfektionistisch.

Als Therapeut ist man dann aber meist erstmal auf der Seite seines Klienten und hat vielleicht Mitleid mit ihm (oder ihr), was da für ein ungeduldiger „Hausdrachen“ das Wochenende vermiest.

Aus der eigentlich als harmonische Belastungserprobung gedachte Wochenendbeurlaubung wird der Patient dann mit 2 Koffern mit Dokumenten zu uns geschickt, die er jetzt mal in Angriff nehmen solle. So könne es schliesslich nicht weitergehen.

ADHS Diagnose bei Prokrastination und Zeitwahrnehmungsproblemen
Zeitgefühl ist bei ADHS häufig nicht vorhanden. Dann gibt es äußere Antreiber für die Erledigung wichtiger Aufgaben.

Anamnese von Dingen, die eigentlich nicht so wichtig sind…

Nun, dann beginnt man doch noch einmal genauer nachzufragen. Zumindest ich. Und erfährt, dass sehr wohl ADS / ADHS in der Familie ein Thema ist. Und eine der bekanntesten Expertinnen für Hochbegabung und ADS bei einem Kind der Familie eine ADHS-Symptomatik feststellte. Aber es eben erstmal lieber nicht zu einer medikamentösen Therapie kommen solle. Beim Kind. Und das dann sogar herauskommt, dass beim Vater des Patienten ein hyperkinetisches Syndrom bereits kurz nach Einführung des Medikamentes mit Ritalin behandelt wurde.

Überraschung.

Eigentlich ein Klassiker, damit man an eine ADHS Diagnose bei Prokrastination denken sollte bzw. denken muss.

Nun sollte man ja denken, dass ein Patient dies bei der Anamnese mal in einem Neben- oder Hauptsatz selber erwähnt.

Tun sie aber gerade nicht.

Weil es ja lebenslang so ist. Also „normal“. Und weil häufig weitere Familienangehörige oder Bekannte ebenfalls aus dem Spektrum stammen…

Wenn es normal ist, dass es nicht normal läuft

Prokrastination wird ja rauf und runter beforscht und therapiert. Für Studenten gilt es ja schon fast normal (auch wenn es eigentlich „nur“ 7 Prozent der Studentinnen und Studenten laut einer Studie der Uni Münster deutlicher betrifft). Aber immer noch wird dann nicht immer eine ADHS Diagnose bei Prokrastination in Erwägung gezogen. Statt dessen wird dann Lerntherapie / Psychotherapie und sonstwas gemacht und häufig an der eigentlichen Ursache vorbei gewerkelt. Mit dem Ergebnis, dass sich die Aufschieberitis auf immer mehr Bereiche ausweitetet und die Folgen noch schlimmer sind.

FAZIT : Bei Prokrastination / Aufschieberitis sollte man als Therapeut an ADHS denken und die entsprechende Diagnostik und ggf. Therapie nicht prokrastinieren oder verhindern.

Bis zum Beweis den Gegenteils sollte man bei Prokrastination an das Vorliegen von ADHS denken !

Und es sollte eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein, dass man bei Vorliegen von ADHS oder anderen sog. „Entwicklungsstörungen“ mit Beginn im Kindesalter dann bei ALLEN Familienangehörigen eine sorgfältige Diagnostik macht.

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