ADHS-Behandlung im Kindesalter verringert Suchtrisiko

Kinderpsychiatrische Störungen bzw. Lern- und Entwicklungsprobleme sind ein wesentlicher Risikofaktor für die spätere Entwicklung von Suchterkrankungen.

Die frühzeitige Diagnostik und auch medikamentöse Behandlung schützt.


Die Arbeitsgruppe von Timothy Wilens hat schon über viele Jahre sich mit dem Thema ADHS und Sucht auseinander gesetzt. Und damit einen wesentlichen Baustein dafür geliefert, dass Vorurteile zur angeblichen Suchtgefahr von ADHS-Medikamenten hoffentlich irgendwann der Vergangenheit angehören.

ADHS und Suchtgefahr


Aber leider ist es auch heute noch so, dass in einigen Suchtabteilungen und speziell auch Langzeiteinrichtungen der Zusammenhang von neuropsychiatrischen Entwicklungsstörungen im Kindesalter (also z.B. Legasthenie, Dyskalkulie, ADHS oder Autismus-Spektrum) auf die spätere „Karriere“ im Suchtbereich nicht berücksichtigt wird, ja eine ADHS-Medikation dann wieder abgesetzt wird.

Glücklicherweise sind das aber inzwischen eher die „schwarzen Schafe“. Wir arbeiten mit einer Sucht-Reha bei Hamburg zusammen, bei denen Methylphenidat und Lisdexamphetamin inzwischen vertraute Medikamente geworden sind. Auch wenn vielleicht noch nicht bei allen Klienten eine ADHS-Diagnostik und etwaige Therapie eingeleitet wird. Auf jeden Fall eine sehr positive Veränderung zur Situation von vor einigen Jahren.

Aber zurück zur Studie von Wilens und Co :

Wir wissen, dass psychische Erkrankungen bei Kindern die Wahrscheinlichkeit, ein Substanzkonsumproblem zu entwickeln, verdoppeln bis verdreifachen“, sagt Wilens, was sein Team dazu veranlasste, zu untersuchen, ob dies auch zutrifft, wenn diese Störungen bei Kindern medikamentös behandelt werden.

Aber mindert die medikamentöse Behandlung psychiatrischer Störungen tatsächlich das Risiko eines späteren Substanzkonsums? Oder wird vielleicht eher eine psychologische „Abhängigkeit“ von der Medikamenteneinnahme erzeugt, die sich dann doch in der Entwicklung von stoffgebundenen Süchten zeigt?

Für die Untersuchung wurden über 6 Millionen Klienten aus 26 Studien mit sehr unterschiedlichen kinder- und jugendpsychiatrischen Störungen untersucht.

Die meisten Studien zeigten entweder, dass die Behandlung den Substanzkonsum reduzierte, oder sie hatten keine Wirkung. „Wir haben herausgefunden, dass pharmakologische Behandlungen für psychiatrische Störungen in der Kindheit die Entwicklung von SUD um etwa 30-35 % reduzieren, insbesondere wenn die Behandlung früh und über einen längeren Zeitraum eingeleitet wird, vor allem bei ADHS“, erklärt Mitautorin Amy Berger, Forschungskoordinatorin in der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Auch bei MDD (Major depression disorder= Depressionen) zeigten sich positive Ergebnisse. Aufgrund der begrenzten Literatur konnten die Forscher keine Rückschlüsse auf einen geringeren Substanzkonsum nach einer Behandlung der bipolaren Störung ziehen.

„Die Behandlungen, die vor dem Alter von neun Jahren begannen und länger andauerten, waren am wirksamsten bei der Verringerung des Drogenkonsums, insbesondere bei ADHS“, sagt Wilens und fügt hinzu, dass es intuitiv sinnvoll ist, dass eine frühere und längere Behandlung eine viel bessere und größere Wirkung hat. „Und wir denken, dass dies wahrscheinlich auch für andere psychiatrische Störungen zutrifft.

Eine frühzeitige Erkennung und Behandlung dieser Kinder, solange sie eine Behandlung benötigen, führt zu einem viel besseren Ergebnis, wenn es um Drogenkonsumstörungen geht

Konsequenz für die Kinder- und Jugendpsychiatrie

Ich mag falsch liegen, aber in den vergangenen Jahren habe ich in der KJP eine deutliche Abwendung von den medikamentösen Therapieansätzen feststellen müssen. Dafür mag es gute oder weniger gute Gründe geben. Irgendwie haben sozialpädagogische Ideen ja ihren Reiz, wenn es um die Vermittlung von positiven Erfahrugnen von Bindung und Sicherheit für die Kinder im stationären Setting geht. Und dann wird gerne eher den Kids die Wahl gelassen, ob dazu auch eine Medikation passen könnte.

Das halte ich für einen gefährlichen Irrweg. Natürlich muss man die Kinder und Jugendlichen altersgemäss in die Entscheidung von Medikation mit einbeziehen. Aber man sollte eben auch klar aufzeigen, wie hoch das Risiko einer „Nicht-Behandlung“ bei ADHS und anderen kinderpsychiatrischen Störungen dann ist.

Gerade bei ADHS wird ohne die Unterstützung von Medikation die Selbstregulation und damit auch die Selbtwirksamkeitserwartung nachteilig sein. Nicht zu vergessen, dass eben Drogen bzw. auch verhaltensbezogene Süchte eine Art dysfunktionale Selbstmedikation dann darstellen, was u.a. auf die Defizite im Belohnungssyndrom im Sinne eines Reward-Deficit-Syndroms zurückgehen dürfte.

Also : Frühe und konsequente Diagnostik und (medikamentöse) Behandlung schützt vor Alkohol- und Drogenabhängigkeit. Bitte WEITERSAGEN und auch beachten.

Quelle: Timothy E. Wilens, Diana W. Woodward, Je Deuk Ko, Amy F. Berger, Colin Burke, Amy M. Yule. The Impact of Pharmacotherapy of Childhood-Onset Psychiatric Disorders on the Development of Substance Use DisordersJournal of Child and Adolescent Psychopharmacology, 2022; 32 (4): 200 DOI: 10.1089/cap.2022.0016

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