ADHS: ein ganz normales Leben

Manchmal könnte ich platzen vor Wut, dass ich nicht so bin wie andere. 
Manchmal bin ich darüber sehr, sehr traurig. 
Manchmal möchte ich aufgeben, denn es hat doch alles keinen Sinn. 
Manchmal kann ich herzlich über mich lachen. 
Manchmal liebe ich mich für mein anders-sein. 

Maike auf Xing 30.10.2009

Das Leben mit ADHS ist alles andere als langweilig. Aber eben auch alles andere als leicht. Ein „ganz normales Leben“ führen ist Wunschtraum und Horrorvorstellung zugleich, wenn man eine ADHS-Disposition hat. Statt lebenslang sich an die „STINOS“, die stinknormalen „Normotypiker“ anpassen zu sollen und häufig gar nicht wahrnehmen zu können, wo man wieder in ein Fettnäpfchen getappt  ist oder aber durch seinen besonderen Wahrnehmungs- und Reaktionsstil Probleme für sich oder andere verursacht hat, ist Stabilität für viele ADHS-Betroffene ein Fremdwort.

Nun ist Anpassen an sich eine Anforderung im Alltag, die nicht für jeden ADHSler als erstrebenswert gilt, weil sie immer und immer wieder nicht gelingt. Häufig genug sind Stolpersteine oder Poller im Wege, die uns verzweifeln lassen und selbst das stärkste Stehaufmännchen zum Liegenbleiben und in die Resignation treiben könnten. Aber Nicht-Anpassung ist nur für wenige Exoten mit ausreichendem finanziellem Background möglich, wenn man auf diesem Planeten leben will. Die Forderung, dass sich nun die Stinos anpassen sollen, ist natürlich eine Utopie. Und ehrlich gesagt bin ich mir auch nicht sicher, ob ich nun auf einem reinem ADHS-Planeten leben möchte. Die Vielfalt machts und ein Leben nur mit ADHSlern ohne Anpassungsbereitschaft wäre sicher ein Graus.

Die Medikation und ein Strategietraining eines Coaches oder Verhaltenstherapeuten ist für viele von uns erst die Grundlage dafür, zu merken, was im Leben ständig daneben läuft. Mit Medikation und konstruktivem Feedback von Anderen gelingt es zu erkennen, warum man immer und immer wieder die falschen Wege direkt durch die Wand versucht, statt die offenen Türen zu wählen. Erst dann können viele ADHSler eben ihre Stärken und Ressourcen überhaupt erkennen und damit dann auch Schritt für Schritt in die Tat umsetzen.

Ich denke hier gerade an eine meiner derzeitigen Patientinnen im Essstörungsbereich unserer Klinik, bei der lebenslang ein ADHS mit schwerer Störung des Sozialverhaltens nicht erkannt wurde. Sie ist regelrecht nicht wieder zu erkennen, wenn sie Medikation hat. Einsichtiger im Sinne von: Sich selber nach innen sehen können und nicht sofort auf jeden inneren oder äußeren Reiz reagieren müssen und impulsiv handeln zu müssen (und damit immer und immer wieder anecken zu müssen). Was ihr aber fehlt, ist ein normales Leben. Weil sie es in den letzten Jahren nicht leben konnte, nicht leben durfte. Schlicht nicht weiss, was „normal“ ist. Was andere Menschen mit und ohne ADHS-Konstitution denn so im Leben machen. Wie es geht, soziale Beziehungen zu leben. Wie man mit Langeweile umgeht oder sich selber bei Stress und Anspannung wieder beruhigt. Welche Tricks es gibt, wenn man eben den eigenen „An-Schalter“ nicht findet und das Gehirn auf Standby läuft, was einen zum Wahnsinn treiben kann. Wie schön das Leben auch oder gerade mit ADHS sein kann.

Zu erleben und ausprobieren zu dürfen, wofür sie Feuer und Flamme ist. Wofür ihr ADHS-Gehirn „brennt“, soviel tolle Energie hat bzw. eben ein „Turbo-Gehirn“ ist. Wenn aber das Getriebe nie gelernt hat, richtig und situationsangemessen „einzurasten“ statt immer Ausraster zu leben, wird es schwierig.

Sie lebt seit der Pubertät als eine besondere Form des gestörten Sozialverhaltens eine lebensgefährliche Anorexie. Sie kennt nichts anderes als schädigendes Verhalten. Zwar nicht wie antisoziale Menschen gerichtet gegen Andere, wohl aber gegen den eigenen Körper, gegen ihre Familie und letztlich auch gegen Beziehungen und Nähe an sich. Weil sie es eben nie erlebt hat, dass Anpassung im Leben mit ADHS sich lohnt.

Es ist nicht zu spät, aber eben mit 28 oder 30 wesentlich schwerer, da einen Lebensentwurf zu entwickeln. Wenn man sich gegen die Existenz von ADHS, gegen neurobiologische Grundlagen von ADHS und daraus abgeleitete multimodale Behandlung ausspricht, sollte man sich die Folgen der Nicht-Behandlung von ADHS vor Augen führen. Diese Nebenwirkungen können lebensgefährlich sein und ein Leben leben verhindern!

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