Bildschirmmedien und ADHS (Teil 5)

Divergentes Denken
Die Abklärung ergab weiter, dass Eric und Jan bei Tests, welche das so genannte divergente Denken prüfen, trotz guter Intelligenz schwache Leistungen erbrachten. Um zu erklären, was divergentes Denken heisst, muss ich dem Verständnis wegen zunächst einmal darlegen, was das Gegenteil, nämlich konvergentes Denken meint. Letzteres kommt immer dann zum Zug, wenn als Resultat einer Problemstellung nur eine einzige richtige Lösung infrage kommt. Dies ist beispielsweise bei Rechnungsaufgaben der Fall. Demgegenüber liegt divergentes Denken immer dann vor, wenn jemand zu einer Problemstellung möglichst viele verschiedene Lösungen generieren muss. Ein klassisches Beispiel dafür ist ein Aufsatz, aber auch generell das Suchen nach verschiedenen Lösungswegen (etwa bei Problemen, die sich beim Lernen, bei Prüfungen oder auch generell im Leben stellen können). Man kann dem divergenten Denken auch kreatives oder fantasievolles Denken oder Ideenproduktion sagen.

Intaktes divergentes, also kreatives und fantasievolles Denken ist eine zentrale Voraussetzung dafür, dass ein Mensch seine Intelligenz umsetzen kann.

Ich gebe Ihnen ein Beispiel für ein klassisches neuropsychologisches Testverfahren, welches das divergente Denken prüft: Während zweier Minuten muss ein Kind möglichst viele Worte aufzählen, welche mit dem Buchstaben „S“ beginnen. Es muss also bereits vorliegendes Wissen „auf Knopfdruck“ hin abrufen können. Die Aufgabe tönt einfach, ist aber schwieriger, als viele denken. Im Vergleich zu den Testresultaten von gesunden Kindern erweist sich bei fast allen ADHS-Betroffenen diese Fähigkeit, sich einer Aufgabe hinzugeben, in Ruhe nachzudenken und vorhandenes Wissen abzurufen und umzusetzen als deutlich reduziert. Im Alltag macht sich dies zum Beispiel beim Versuch, Gelerntes aus dem Langzeitgedächtnis abzurufen, störend bemerkbar.

Nicht besser fielen bei Jan und Eric die Resultate aus bei der Prüfung der Daueraufmerksamkeit: Beide Knaben, welche die Tests motiviert und in guter Stimmung durchführten, zeigten grösste Mühe in den langweiligen Konzentrationstests. Sie vermochten nicht am Ball zu bleiben, träumten regelrecht weg, stöhnten vor sich hin und fragten mich immer wieder, wie lange es noch dauere. Dabei verpassten sie viel zu viele Ereignisse, bei denen sie hätten mit Tastendruck reagieren sollen. Schwach im Vergleich zur guten Grundintelligenz fielen bei beiden Buben die Lese- und Rechtschreibkompetenzen aus.

Wie ich vorhin ausführte, stellte die Familie Hoffmann in meiner Arbeit an und für sich keinen Sonderfall dar. Was genau es war, was mich in Sachen Bildschirmmedienkonsum bei der Abklärung dieser beiden Buben hellhörig machte, weiss ich nicht mehr. Erinnern kann ich mich aber noch daran, dass ich bei der Äusserung der Mutter, „… all das Zeugs aus dem Fenster zu schmeissen“, spontan gedacht habe: „Ja, mach das doch einfach!“

Fortsetzung: Morgen 20:00, gleicher Kanal

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