Konsenserklärung „ADHS – Das Syndrom“: I – 3

Konsenserklärung „ADHS – Das Syndrom“: Punkt 3

„Dreiviertel der mit ADHS diagnostizierten Kinder erfüllen auch die Kriterien für andere psychiatrische Störungen, weshalb es keine Spezifität des Syndroms gibt. Die differentielle Validität des Syndroms ist unbelegt.“  (Quelle)

Dies ist eine der zentralen und interessanten Postulate dieser Konsensus-Erklärung. Tatsächlich handelt es sich bei der ADHS um ein Störungsbild, deren Kernsymptome für sich alleine gesehen unspezifisch sind. Das bedeutet, dass Konzentrationsschwächen, Impulsivität und Überaktivität Anzeichen verschiedenster körperlicher oder psychischer Erkrankungen oder psychosozialer Belastungsfaktoren darstellen können.

Auf ADHS.ch weisen wir immer wieder darauf hin, dass man Aufmerksamkeitsprobleme nicht mit Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom verwechseln darf. Es muss immer sehr sorgfältig geprüft werden, welche Ursachen diesen Symptomen zugrunde liegen. Ausserdem geht die ADHS oft einher mit anderen Störungsbildern, welche ihrerseits durch neurokognitive Begleitmerkmale gekennzeichnet sind, welche einer ADHS zum Verwechseln ähnlich sehen können. Siehe dazu hier.

Im klinischen Alltag sollten sich Fachpersonen angesichts der nachweislich hohen Auftretenshäufigkeit der ADHS bei Kindern mit Depressionen, Angstproblemen oder Lernstörungen daher immer auch die Frage stellen, ob im Hintergrund der Problematik nicht vielleicht eine ADHS stehen könnte. Aber Achtung! Das Gleiche gilt natürlich auch umgekehrt: Konzentrationsprobleme können auch Anzeichen beispielsweise von Angstproblemen, Mobbing, Depressionen, Beziehungsproblemen oder etwa Folgen von überhöhten elterlichen Erwartungen an das Kind darstellen. Vor allem Fachpersonen, die sich erst seit kurzem mit der ADHS befassen und noch nicht wissen, dass Aufmerksamkeitsstörungen häufig auftretende Begleitsymptome vieler Erkrankungen sind, neigen dazu, Aufmerksamkeitsprobleme kurzerhand mit der ADHS zu verwechseln.

Die Tatsache, dass bei der ADHS sehr häufig Komorbiditäten vorliegen und der Umstand, dass die Kernsymptome für sich allein gesehen unspezifisch sind, rechtfertigen theoretisch durchaus die Frage, ob die Spezifik dieses Syndroms überhaupt gegeben ist.

Welche Resultate die diesbezüglichen Validierungsstudien der DSM-IV bzw. der ICD-10 ergeben haben, weiss ich auf Anhieb nicht. Sollten die ermittelten Kenndaten aber gegen eine differentielle Validität der ADHS-Diagnose sprechen, würden uns die Autoren dieser Konsensuserklärung dies sicher im Detail unter die Nase reiben.

Nun, selbst für den Fall, dass die differentielle Validität der ADHS statistisch unbelegt sein sollte (was nicht anzunehmen ist), ändert dies nichts an der Tatsache, dass real eine Gruppe von Kindern existiert, welche durch chronische Aufmerksamkeitsschwächen und Impulsivität daran gehindert wird, die eigene Persönlichkeit, die eigenen Begabungen und die Beziehungsfähigkeit zu entwickeln.

Die ADHS ist evident. Ein kurzer Blick in jede Schulklasse reicht und dieser Diagnose kommt unmittelbar Plausibilität zu. Ja, die Validität der ADHS-Diagnose ergibt sich alleine schon quasi aus unmittelbarer Evidenz. Einzelne Symptome mögen unspezifisch sein, die Summe, der Ausprägungsgrad und die Chronizität der ADHS-Kernsymptomatik hingegen bilden eine Krankheitseinheit von hoher Augenscheinvalidität.

Ausserdem: Überlappungen im klinischen Bild zu benachbarten Störungsbildern liegen bei fast allen psychischen Störungen vor. Diesen Umstand, dass Symptome auch zu anderen Diagnosen gehören können, ändert in keiner Weise etwas an der Eigenständigkeit eines Syndroms. „Reine“ Diagnosen, so wie sie sich die „Konferenz ADHS“ vielleicht wünscht, gibt es nicht.

Die durch dieses Postulat der „Konferenz ADHS“ aufgeworfene Frage- bzw. Feststellung hinsichtlich der Spezifität der ADHS-Diagnose ist von praktischer Relevanz in erster Linie für die differenzialdiagnostischen Erwägungen. Diese wichtige Feststellung soll alle Fachpersonen daran erinnern, dass immer auch nach anderen möglichen Erklärungen für ADHS-Symptome gesucht werden muss.

Die Intention der „Konferenz ADHS“ indes, mit ihrer geschickt klingenden Frage das Konzept der ADHS als Ganzes auszuhebeln, wird spätestens beim Betreten eines Schulzimmers obsolet.

Fortsetzung: Morgen ab 20:00 – gleiche Stelle.

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