Bill Gates, Albert Einstein, Alfred Hitchcock

In der gestrigen Ausgabe des Tages-Anzeigers wurde ein Artikel über das Asperger-Syndrom veröffentlicht. Siehe hier: Eine Diagnose für fast Normale. Abgesehen davon, dass der Journalist die Thematik immer wieder ins Lächerliche zu ziehen versucht und ein doch sehr spezielles Bild des Asperger-Syndroms kommuniziert („Leben im Luxus“), postuliert auch er, dass bei Bill Gates, Albert Einstein, Alfred Hitchcock und Mozart ein Asperger-Syndrom vorliege bzw. vorgelegen haben soll. Das genau gleiche liest man ja in vielen populärwissenschaftlichen Büchern über die ADHS.

So ein Unsinn.

Bei der ADHS, dem Asperger-Syndrom (AS) und vielen Entwicklungsstörungen handelt es sich um Behinderungen. Eine ADHS-Diagnose setzt unter anderem zwingend voraus, dass die Symptomatik behindernd stark sein muss. Wer an diesen Störungen leidet, kann normalerweise (ohne Therapie) seine Kreativität, seine Begabungen, seine Beziehungsfähigkeit und seine Intelligenz eben nicht entwickeln.

Mag sein, dass der eine oder andere der genannten Persönlichkeiten gewisse, an eine ADHS oder ein AS erinnernde Persönlichkeits- oder Charakterzüge aufweist bzw. aufwies. Mit ADHS oder einem Asperger-Syndrom hat das aber nichts zu tun.

Wer postuliert (oder besser gesagt, es anderen Autoren/-innen abschreibt), dass bei Bill Gates, Albert Einstein, Alfred Hitchcock oder Mozart ein Aspeger-Syndrom oder eine ADHS vorgelegen haben soll und dann noch einen Diskus pflegt, welcher auf „Luxus-Diagnosen“ hinausläuft, verharmlost diese Störungsbilder und trägt massgeblich dazu bei, dass die Öffentlichkeit diesen Diagnosen und den von ihr wirklich betroffenen Menschen mit immer mehr Skepsis begegnet.

19 Gedanken zu „Bill Gates, Albert Einstein, Alfred Hitchcock

  • 06.03.2014 um 02:27
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    ‚Wer postuliert (oder besser gesagt, es anderen Autoren/-innen abschreibt), dass bei Bill Gates, Albert Einstein, Alfred Hitchcock oder Mozart ein Aspeger-Syndrom oder eine ADHS vorgelegen haben soll und dann noch einen Diskus pflegt, welcher auf “Luxus-Diagnosen” hinausläuft, verharmlost diese Störungsbilder und trägt massgeblich dazu bei, dass die Öffentlichkeit diesen Diagnosen und den von ihr wirklich betroffenen Menschen mit immer mehr Skepsis begegnet.‘
    Ihr Wortschatz ist außerordentlich, keine Frage. Dennoch, der Satz ist ein einziges Paradoxon. Genau das Gegenteil ihrer Hypothese(anders kann man es nicht nennen) ist der Fall. Im logischen Rückkehrschluss ist es doch so, dass, umso mehr Menschen eine jener „Krankheiten“, oder auch interessanterweise wie von Ihnen häufig behauptet „Behinderung“(en) hätten, umso weniger Menschen mit umso weniger Skepsis begegnen würden. Wieso?
    Weil sie sehen würden, dass eine ADHS Erkrankung mit Sicherheit Auswirkungen auf die Konzentrationsfähigkeit hat, aber nicht zwangsläufig mit einem minderwertigen IQ verbunden ist.
    Ich finde Ihren Artikel um ehrlich zu sein etwas zu hochgestochen und arrogant formuliert für den tatsächlich vorhandenen Intellektuellen Mehrwert (Der hier meiner Ansicht nach schlicht und ergreifend nicht existiert)
    Sie sehen die Definition von ADHS wohl im Text geschrieben und nicht in der menschlichen Persönlichkeit. Wenn Sie schreiben:
    ‚Eine ADHS-Diagnose setzt unter anderem zwingend voraus, dass die Symptomatik behindernd stark sein muss. Wer an diesen Störungen leidet, kann normalerweise (ohne Therapie) seine Kreativität, seine Begabungen, seine Beziehungsfähigkeit und seine Intelligenz eben nicht entwickeln.‘ , da liegt doch der Fehler im Fehler, wenn jemand ADHS hat, dann kann doch nicht behauptet werden er hätte kein ADHS nur weil es nicht stark genug ausgeprägt ist, denn de-facto hätte er immernoch ADHS, nur per-se nicht per ICD Definition.
    Wenn jemand an Depressionen leidet und das sein ganzes Leben lang, ohne den Unterschied zu einem ’normalen‘ Psychischen zustand zu kennen (Wie dieser auch definiert sein mag) , heißt das dann auch das die Person eine Behinderung aufweist? Nein, im Gegenteil, die Person wird sich arrangieren und im Besten Fall sogar gut damit leben UND lernen können, ohne allzugroße Beeinträchtigunen.
    Ohne Ihnen zu nahe zu treten zu wollen, aber ich sehe hier einen Artikel verfasst von zwei Hochstudierten Menschen die den Psychologischen Definitionen aber anscheinend näher stehen als den Psychologischen Dispositionen und Persönlichkeiten.
    Es ist bei weitem nicht auszuschließen, dass mindestens einer jener Persönlichkeiten ADHS oder andere Psychische „Krankheiten“ hatte, der Rest wäre meiner Ansicht nach Ignorant.
    Sie schließen mit Ihrer offensichtlichen Formulierung und hervorhebung sehr Erfolgreicher Persönlichkeiten aber jegliche Form von Krankheit aus, nur weil es Ihnen nicht plausibel erscheint? Überdenken Sie bitte Ihre psychisch makellose und unbehinderte Haltung.

    Mit besten Grüßen,
    Ein Mensch.

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  • 09.10.2013 um 16:14
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    Sehr geehrter Herr Rossi,
    bedeutete das nicht im Umkehrschluss, dass „klinisch bedeutsamen Beeinträchtigungen der sozialen, schulischen oder beruflichen Funktionsfähigkeit“ bedeutende Erfolge als Unternehmer oder Wissenschaftler usw. ausschließen? Ist das nicht eine eher voreilige Annahme?
    Und falls es doch Menschen gibt, die GLEICHZEITIG „klinisch bedeutsamen Beeinträchtigungen der sozialen, schulischen oder beruflichen Funktionsfähigkeit“ UND „bedeutende Erfolge als Unternehmer oder Wissenschaftler usw.“ aufweisen? Haben diese dann nicht trotzdem ein Recht auf Therapie, auch mit Medikamenten?

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    • 15.10.2013 um 15:27
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      „… Und falls es doch Menschen gibt, die GLEICHZEITIG “klinisch bedeutsamen Beeinträchtigungen der sozialen, schulischen oder beruflichen Funktionsfähigkeit” UND “bedeutende Erfolge als Unternehmer oder Wissenschaftler usw.” aufweisen? Haben diese dann nicht trotzdem ein Recht auf Therapie, auch mit Medikamenten?“
      Selbstverständlich hat man dann ein Anrecht auf Behandlung. Nur: Eine klinisch und therapeutisch relevante ADHS-Problematik muss zwingend chronisch und beeinträchtigend stark ausgeprägt sein. Dass es jemand trotz einer zwingend seit Kindheit bestehenden und anhaltenden ADHS-Behinderung zum Wissenschaftler oder zum erfolgreichen Unternehmer bringen soll, erachte ich für sehr, sehr unwahrscheinlich. Bei den „klinisch bedeutsamen Beeinträchtigungen“ von erfolgreichen Unternehmern handelt es sich also mit sehr grosser Wahrscheinlichkeit nicht um Folgen einer ADHS.

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  • 08.10.2013 um 21:21
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    Hallo ich bin ein ADHSler wie sie es nennen und bin jetzt 18 Jahre alt. Mein komplettes Leben lang habe ich das Medikament genommen und war auch in Behandlung. Seitdem ich aus der Schule drausen haben sich die Noten und der Umgang mit den Mitmenschen sehr stark verbessert.
    Die Symptome wie Aufgedrehtes verhalten oder geminderte Mitverständnis bzw. unüberlegtes Verhalten sind abgeklungen.
    Heißt das jetzt dass ich „Geheilt“ oder soger nie Krank gewesen sein muss ?

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    • 09.10.2013 um 14:59
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      Nein. ADHS ist ja eine Disposition = Veranlagung, die sich je nach unterschiedlicher Lebenssituation unterschiedlich auswirkt und nun ganz und gar nicht immer nur zur Behinderung führen muss. Wenn man lernt mit und nicht gegen die Besonderheiten zu leben, kommt man damit häufig gut klar. Auch ohne Medikation. Aber es kommt halt immer auf den Einzelfall drauf an.

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  • 30.07.2013 um 13:22
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    Sehr geehrter Herr Rossi,
    das bedeutet, dass Sie davon ausgehen, dass Menschen wie Bill Gates und Einstein bzw. Edison keine „klinisch bedeutsamen Beeinträchtigungen der sozialen, schulischen oder beruflichen Funktionsfähigkeit“ aufwiesen bzw. aufweisen.
    Ob dem auch so ist weiß ich jetzt nicht. Meinen Sie, man kann nicht gleichzeitig außerordentlich erfolgreich im Beruf sein und eine herausragende Karriere machen und entsprechende Beeinträchtigungen aufweisen?

    Antwort
  • 17.05.2012 um 17:19
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    man hat doch trotzdem noch AD(H)S, wenn sich im geschützten Raum entaflten kann. AD(H)S ist größenteils genetisch bedingt und die Neurobiologie läuft auch im geschützten Rahmen weiter AD(H)S-typisch ab. Man ist höhstens nicht (mehr) Therapiebedürftig, trotzdem hat man alle Symptome und Handlungsweisen einer AD(H)S.
    Das ist jedenfalls meine Meinung als diagnostizierter ADHSler MIT Einschränkungen in Studium und Gesellschaft…Wenn ich durch Therapie iwann keine nennenswerte Probleme durch ADHS mehr haben werde, hab ich dennoch ADHS, weil meine Genetik und mein Hirnstofwechsel sich dadurch nicht ändern… Wie gesagt meine Meinung. Ist letztendlich aber auch nicht so wichtig, wie man speziell diese Angelegenheit sieht., finde ich.

    Antwort
    • 17.05.2012 um 18:47
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      Eine genetische Disposition zur ADHS heisst nicht, dass man zwingend eine ADHS entwickelt. Die ADHS ist keine „könnte“-Erkrankung, die im verborgenen oder in geschütztem Raum vor sich hinschlummert. ADHS heisst, dass Leidensdruck und klinisch bedeutsame Beschwerden vorliegen. Ohne dies ist es – genetische Disposition hin oder her – keine ADHS. Man solte das wirklich auseinander halten. Und: Wenn jemand alle Symptome einer ADHS ausweist, ist man schon therapiebedürftig. Wenn nicht, sind es allenfalls ADHS-ähnliche Beschwerden.

      Wenn jemand nach einer Therapie noch leichte ADHS-Symptome aufweist, spricht man von Residualsymptomatik. Diese meist leichtgradigen Restbeschwerden rechtfertigen es aber nicht, zu sagen, dass jemand noch eine ADHS hat. Im Gegenteil: Er bzw. sie ist dann gesund.

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  • 24.04.2012 um 20:58
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    Ich habe ihren Text falsch verstanden weil sie für mich scheinbar widersprüchige Sätze schreiben. ADHS ist kein Eintrittsticket für Einstein oder Bill Gates aber es bringt die Qualitäten mit sich, was nicht heisst, dass jeder mit ADHS ein Genie ist…das schwierige ist nämlich, wenn sie von einer Behindering in der Entfaltung sprechen. Das Kind oder der Erwachsene kann sich theoretisch entfalten, es kann seine Bilder malen und wenige Bücher lesen, welche er/sie/es spannend finden, aber es kann sich in der Gesellschaft nicht entfalten und funktionieren…Edison konnte sich nur daheim entfalten unter seinen selbst gestellten Bedingungen, aber er konnte nicht in der Gesellschaft funktionieren, mal abgesehen von der Tatsache, dass wir es wirklich nicht wissen, können wir so kalt sein und sagen, er hatte kein ADHS ? Wissen sie, viele ADHS betroffene können sich zu hause in bestimmten Sachen entfalten, müssen wir jetzt sagen, es kann nicht sein, dass sie ADHS haben ?

    Antwort
    • 24.04.2012 um 21:01
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      …denn in der Schule und bei der Arbeit fallen diese Menschen so tief wie sie nur können, Ich rede von ernsthaft betroffenen…und zuhause sind sie genies…also haben sie kein ADHS…

      Antwort
  • 19.02.2012 um 16:46
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    Die andere Möglichkeit wurde noch nicht erwähnt: Es gelingt, die Talente zu entwickeln und evtl. gar eine (bescheidene) Karriere – trotz ADHS. Aber zum hohen Preis von psychosomatischen Beschwerden, Erschöpfungszuständen o.ä.

    Antwort
  • 17.02.2012 um 13:07
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    Wenn aber diese Personen unter mph ein leichteres Leben hätten?
    Sagen wir mal.. daraus würde doch resultieren, dass Windows hätte weniger Abstürze hätte *smile

    Antwort
      • 18.02.2012 um 14:40
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        Es gibt auch bestimmt Menschen die zu etwas geworden wären, was sie jetzt nicht sind, aufgrund fehlender Medikation.

  • 17.02.2012 um 09:39
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    Interessante Meinung.
    Bisher dachte ich, dass mit genügend Intelligenz und Kreativität und nicht allzu ausgeprägtem ADS genau diese Sorte Menschen erfolgreich würde. Bzw. dass „normale“ Menschen eben nicht wirklich das Potenzial haben zum Ausnahmemenschen.

    Bill Gates lebt ja noch… fragen wir ihn?

    Antwort
    • 17.02.2012 um 10:26
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      Um es noch klarer zu sagen: Wenn jemand trotz ADHS-Auffälligkeiten seinen Weg gehen und sich entfalten kann, ist es nicht gerechtfertigt, von einer ADHS zu sprechen. Entscheidend für eine Diagnose sind nicht die Symptome an sich, sondern deren (behindernden) Auswirkungen auf die Bewältigung der Anfoderungen, die das Leben an ein Kind stellt. Nur wenn ADHS-Symptome in eine Krankheit münden und erst dann, wenn ein Kind in seiner Entwicklung durch eine ADHS behindert und ausgebremst wird, darf von einer ADHS gesprochen werden. Alles andere käme einer Vermehrung von Patientinnen und Patienten gleich, von welcher einzig und allein die Pharmaindustrie profitieren würde.

      Die ADHS ist sicher kein „Eintrittsticket“ für eine Karriere à la Einstein oder Bill Gates. Sie verhindert vielmehr, dass ein Kind sich entfalten und entwickeln kann.

      Antwort
      • 05.03.2012 um 21:43
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        (…) Sie setzen lediglich eine hohe Schranke, ab wann ADHS als eine ADHS gelten darf, so geht es nicht, da derselbe entfaltungsbehinderte nach ihrer Definition kranke ADHSler in einem anderen Umfeld sich sehr wohl entfalten könnte. D.h. aber auch, dass leute die sich mit ADHS entfalten können auch ADHS haben können, sie sind ja nicht alle im gleichen Umfeld mit gleichen Anforderungen…

      • 06.03.2012 um 07:52
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        Die Schranke setze nicht ich, sondern die zur Zeit aktuellen Klassifikationssysteme. Der diagnostische Algorithmus (eine aus mehreren Schritten bestehende wissenschaftlich abgestützte und eindeutige Handlungsvorschrift, unter welchen Voraussetzungen eine Diagnose gestellt werden kann) der DSM-IV verlangt unter anderem:

        „D. Es müssen deutliche Hinweise auf klinisch bedeutsame Beeinträchtigungen der sozialen, schulischen oder beruflichen Funktionsfähigkeit vorhanden sein.“

        Das macht schon Sinn. Denn wenn jemand sich entfalten und Sinn im Leben finden konnte, ist er gesund und nicht mehr krank. Wenn sich jemand mit einer ADHS in einerm geschützten Rahmen gut entwickelte, sich wohl fühlt und es für ihn „stimmt“, dann ist seine ADHS von historischer, aber sicher nicht mehr von aktueller und diagnostisch relevanter Evidenz. Dann sind auch die Kriterien für die Diagnose ADHS nicht mehr gegeben.

        Wie schon erwähnt: Von einer „Ausweitung“ der Diagnose ADHS auf Bereiche ausserhalb persönlichen Leidens würde einzig die Pharmaindustrie profitieren.

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