ADHS und Exekutivfunktionen (Teil 3)

Einer der im Alltag hochrelevanten Exekutivfunktionen ist das sogenannte divergente Denken.

In einem Beitrag zum Thema „ADHS + Bildschirmmedienkonsum“ bin ich bereits früher einmal darauf eingegangen (siehe hier).

Divergentes Denken steht für die Fähigkeit, bei offenen Problemstellungen möglichst viele verschiedene Lösungsansätze zur generieren. Es geht dabei um die flüssige Ideenproduktion, auch „Fluency“ genannt. Anders beim konvergenten Denken, bei welchem es nur eine einzig richtige Lösung gibt („klassisches“ logisches Denken).

Ein Beispiel:

Anna, ein Mädchen mit einer ADHS, bleibt beim Lösen der Hausaufgaben stecken. Sie sieht auf die Schnelle keinen Lösungsweg, reagiert frustriert, klappt genervt das Mathe-Buch zu und schnappt sich das Handy, um nach neuen Facebook-Einträgen zu sehen.
Idealerweise wäre a) das Handy ausser Reichweite und b) würde Anna beim Steckenbleiben mehr oder weniger geduldig verschiedene Lösungsmöglichkeiten suchen und finden (= divergentes Denken). Die Wahrscheinlichkeit, dass sie eine ihrem Wissenstand und ihrer Intelligenz angemessene Lösung der Mathe-Aufgabe finden könnte, wäre eindeutig höher.

Damit Anna bei der Sache bleiben und den „Lösungsradar“ aktivieren kann, muss erstens die innere Bremse, also die Impulskontrolle mehr oder weniger gut funktionieren. Ohne Innehalten geht gar nichts. Dann aber muss der „Lösungsradar“ oder – um eine andere Metapher zu verwenden – ein „Scanner“ zum Einsatz kommen. Es handelt sich also um das aktive und kreative Suchen nach Lösungen. Es geht dabei in erster Linie um das Abrufen bzw. Abrufen-können von Gelerntem: Ohne ausreichend freien Platz im Arbeitsgedächtnis, ohne Innehalten, ohne kreative Lösungssuche und flüssige Ideenproduktion und  schliesslich ohne Zugriff auf das Langzeitgedächtnis läuft – z.B. in einer Prüfung – gar nichts.

Ohne flüssiges, kreatives oder eben divergentes Denken hilft auch eine hohe Grundintelligenz wenig bei der Lösung komplexer Problemstellungen, wie sie sich einem Individuum im Alltag ja fortwährend stellen. Oder anders gesagt: Ein mehr oder weniger intaktes divergentes Denken bildet eine zentrale Voraussetzung dafür, dass ein Mensch seine Intelligenz überhaupt umsetzen kann.

Um kreativ und divergent denken zu können, muss die betreffende Person unter anderem über mehrheitlich intakte Arbeitsgedächtnisfunktionen verfügen. Diese ermöglichen es einem Menschen, verschiedene Informationen im Kurzzeitgedächtnis aktiv zu bearbeiten. Normal entwickelte Arbeitsgedächtnisfunktionen stellen auch einen funktionierenden Transfer in das Langzeitgedächtnis und einen Abgleich von Informationen mit diesem sicher. Dies, verbunden mit einer gesunden Portion an Impulskontrolle, stellt eine zentrale Voraussetzung dar, um im weitesten Sinne vernünftig denken und handeln zu können.

Die meines Erachtens einfachste und wirksamste „Therapie“ bei Entwicklungsrückständen im divergenten Denken ist bei allen Kindern das freie und phantasieförderne Spielen (also freies Zeichnen, Rollenspiele, Lego-Phantasiekonstruktionen bauen usw. – einfach alles ohne Vorlagen, auch kein Abzeichnen, kein Bauen nach Lego-Bauvorlagen).

Ab ca. der 3. Klasse kommt das Lesen zum Zug. Und zwar das Lesen ohne begleitende Bilder (also keine Comics).  Beim Lesen nämlich produziert unser Gehirn eigenständig kontinuierlich fortlaufende Bilder. Wir müssen uns das Gelesene wie in einem Film visuell vorstellen, um es verstehen zu können. Erst dadurch kommen wir in eine Geschichte wirklich „rein“. Weil wir diese Bilder zum Gelesenen selbst erfinden bzw. selbst kreieren müssen, übt und trainiert unser Gehirn während des Lesens automatisch das Phantasieren, also die innere und kreative Vorstellungskraft.

3 Gedanken zu „ADHS und Exekutivfunktionen (Teil 3)

  • 24.06.2021 um 07:58
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    Mein Name ist Tassilo Weller. Ich danke Ihnen für diesen Beitrag. Er bestätigt mich in meinen eigenen Studien.

    Ich leide an AD(H)S und habe im Jahr 2008 begonnen, eine nicht kommerzielle, im Moment nur für persönliche Zwecke nutzbare Software zu entwickeln, die mir beim Denken helfen soll. Mir ihrer Hilfe, erhalte ich einen besseren Zugang zur von meiner Umwelt geforderten Denkweise. Ich arbeite mit dieser Software parallel zu meinen eigentlichen Aufgaben, wie mit einer Art Krücke des Denkens. Die Denkart, die von meiner Umwelt gefordert wird, nenne ich statisch-deduktive mentale Basis. Mentale Basis deshalb, weil ich davon ausgehe, dass es sich dabei um Strukturen handelt, die dem Denken zu Grunde liegen, also dem Wahrnehmen, Entscheidung und auch dem Lernen. Die mentale Basis die AD(H)S bestimmt, nenne ich dynamisch-induktive mentale Basis. Im Begriff ist der prozessuale und grenzüberschreitende Charakter des darauf basierenden Denkens thematisiert.

    Mit Hilfe meines Systems kann ich, um es mit dem von Ihnen verwendeten Begriff zu sagen, Divergent arbeiten. Gleichzeitig kann ich mit Hilfe des Systems einen erleichterten Zugang zum gegensätzlichen, von der Umwelt geforderten konvergenten Denken finden, da während der Arbeit mit der Software ein strukturelles und prozessuales Netzwerk zwischen den beiden Arten zu Denken entsteht, dass wie eine Art Reflexionsebene wirkt und während die Arbeit laufend wächst. So kommt es zu einer gegenseitigen Anreicherung beider Seiten beim Denken.

    Dadurch ist es mir gelungen, den Stress drastisch zu reduzieren, der durch den Zwang zum konvergenten Denken normalerweise auftritt. Es treten auch wesentlich weniger Missverständnisse im sozialen Miteinander auf, da ich meine Grenzüberschreitungen mit Hilfe der Software mit den geforderten Grenzen in Bezug setzen kann und so wesentlich genauer und detaillierter argumentieren kann. Die Software wirkt während der Nutzung bei mir ähnlich wie das Medikament Medikinet Adult, nur wesentlich stärker, ganzheitlicher und weitgehender. Es treten auch nicht die Nebenwirkungen auf, die das Medikament bei mir mit sich brachte, wie abendliche Erschöpfung, unkontrollierte Zuckungen und starkes Schwitzen.

    Vor zwei Wochen habe ich einen Vortrag auf einer Wissenschaftskonferenz zu neueren Technologien des Wissensmanagements gehalten, um mir bestätigen zu lassen, dass meine Lösung diesem Bereich zugerechnet werden kann. Außerdem diente mir der Vortrag und die anschließende Diskussion dazu, eine Bestätigung zu erhalten, dass es eine ähnliche Software auf dem Markt nicht gibt, wodurch ich in meinen Vorstellungen bestätigt wurde, dass AD(H)S eine starke geistige Dimension aufweist und dass unterstützende Werkzeuge noch nicht zur Verfügung stehen.

    Ich gehe davon aus, dass andere Arten zu Denken auch spezielle Werkzeuge zur Unterstützung benötigen. Fehlt diese Unterstützung, kommt es aufgrund eines Zwangs zur „fremden“ Art zu Stress und psychisch-körperlichen Nebenerscheinungen. Eine weitere These ist, dass es für das Denken, das AD(H)S zu Grunde liegt, kaum Werkzeuge gibt bzw. nur Werkzeuge für spezielle Anwendungsbereiche, wodurch Menschen mit AD(H)S reduziert werden auf Ausgrenzung, Krankheit, Medikamente, Psychotherapien oder spezielle soziale Nischen, die nur Platz für sehr wenige Menschen bieten. Medikamente und Psychotherapien haben bei mir zu geringe Verbesserungen bzw. gar Verschlechterungen hervor gerufen. Meine Erfahrungen in Selbsthilfegruppen haben mir gezeigt, dass diese geringe bis negative Verbesserung keine Seltenheit ist. Eine weitere These ist, dass es durch die Nutzung von Semantic Web Technologien möglich wird, Werkzeuge zu schaffen, die die Unterstützung bieten können, die für das Denken, das AD(H)S zu Grunde liegt, notwendig sind.

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  • 02.03.2012 um 15:08
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    Ich bin mir nicht sicher, ob divergentes Denken das Problem eines ADHSlers ist. Im Gegenteil. Bei mir selber habe ich den Eindruck, dass ich eher zu divergent denke. Ich habe zuviele unterschiedliche Ideen und Lösungsansätze. Mir fällt es schwer, meine Ideen in meinem Kopf zu strukturieren. Ich kann sie nicht im Kopf miteinander vergleichen und prüfen, ob sie Sinn machen. Außerdem ist mein Hirn ständig damit beschäftigt, neue Ideen zu entwickeln. Mir fällt es schwer, mich in der konkreten Situation auf dieses eine konkrete Problem zu fixieren. Mir hilft es, diese Ideen zu externalisieren. Sie quasi aus meinem Hirn auszulagern. Ich schreibe sie mir auf, erstelle mir eine Mind Map, beschreibe verschiedene Kärtchen, die ich dann hin und her verschieben kann. Oder aber ich erkläre jemandem meine Idee. Es ist vollkommen egal, ob die Person Ahnung davon hat, es geht einfach darum die Ideen aus meinem Kopf zu bringen und sie so für mich greifbar zu machen. Wenn ich mir meine Ideen aufschreibe, dann hat das außerdem den Vorteil, dass ich sie nicht mehr vergessen kann. Das erleichtert es mir, diese Idee dann auch umzusetzen. Denn das Umsetzen ist ja bei ADHSlern ein großes Problem.

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    • 02.03.2012 um 17:38
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      Divergentes Denken meint nicht zerstreutes, hüpfendes und unstrukturiertes Denken, wie es viele ADHS-Betroffene erleben. Divergentes Denken steht für spontanes und kreatives, gleichzeitig aber konsequent lösungsorientiertes Denken als Antwort auf ein vorgegebenes Problem. Es setzt ein mehr oder weniger intaktes Arbeitsgedächtnis und eine einigermassen gut funktionierende Aufmerksamkeitskontrolle voraus.

      Beispiel: Das erfolgreiche Schreiben eines Aufsatzes erfordert viel divergentes Denken. Erforderlich sind zuerst einmal ein Innehalten und ein Reflektieren der Fragestellung. Dann ein ‚auschweifendes‘ die Breite denken (Ideen produzieren) und gleichzeitig ein ‚auf Kurs bleiben‘ (Thema im Auge behalten) und schliesslich ein gebündeltes und zielgerichtetes Umsetzen der Ideen (Schreiben). Über allem steht dann noch die innere Uhr, welche dafür sorgt, dass der Fahrplan nicht ganz vergessen geht.

      Bei Vorliegen einer ADHS klappt das alles, wenn überhaupt, dann nur durch Zufall (wenn man einen guten Tag erwischt) und/oder wenn man das grosse Glück hat, ein supergutes Aufsatzthema gestellt zu bekommen, welches einem erlaubt, ohne Vorglühzeit loslegen zu können.

      Divergendes Denken steht also für kreatives „Umsetzen“.

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