Unsinn? (Konstruktive ADHS-Kritik – Teil 7)

Danke Martin für deinen Hinweis zum Interview mit Thomas E. Brown.

Thomas E. Brown sagt in diesem Interview auf die Frage, ob die ADHS auch im Erwachsenenalter erstmals auftreten könne, frei übersetzt Folgendes:

„Ich habe Ärzte, Anwälte und andere sehr erfolgreiche, gut ausgebildete Frauen gesehen, die während der meisten Zeit ihres Lebens keine ADD-Anzeichen hatten, und dann, als sie Mitte 40 oder Anfang der 50 waren, in die Perimenopause kamen, plötzlich Schwierigkeiten zeigten beim Überblick behalten, beim Organisieren von Dingen, beim sich an Dinge erinnern und in der Lebensmitte dann eine ganze Reihe von Zeichen einer ADD zeigten. Östrogen ist einer der chemischen Modulatoren für die Freisetzung von Dopamin im Gehirn und es ist nun mal der wichtigste Neurotransmitter, der für die Funktionen von ADD beeinträchtigt ist. Wenn in der Menopause der Östrogenspiegel bei einigen Frauen rückgängig ist, können exekutive Funktionen, die bisher sehr gut funktionieren, nachlassen.“

Und:

„Die klassische Vorstellung ist, dass die ADD in der Kindheit beginnt […] ist Unsinn. […]. Eine Menge von Leuten entwickeln erst Probleme, bis ein Kind in der Mittelschule oder Gymnasium ist und mehrere Lehrer hat. Bei manchen Menschen zeigen sich Symptome erst, wenn sie beginnen, selbst für Lebensunterhalt zu sorgen.“

Thomas E. Brown hat schon in früheren Publikationen darauf hingewiesen, dass Frauen in der Abänderung ADHS-Symptome entwickeln können. Leider wurde das m.W. nicht weiter erforscht.

Im Gegensatz zu heute grenzte Thomas E. Brown früher diese kognitiven Funktionsschwächen deutlich von der ADHS ab. Jetzt hören sich Browns Äusserungen so an, als könnte man fast zu jedem beliebigen Zeitpunkt eine ADHS entwickeln.

Es scheint fast, als gehört nunmehr auch Thomas E. Brown zu jenen bekannten ADHS-Experten, welche das ADHS-Konzept immer mehr ausweiten. Seine Formulierungen tragen dazu bei, Störungen von Aufmerksamkeits- und Exekutivfunktionen mit der ADHS gleichzusetzen. Und dies, obwohl zwischenzeitlich klar ist, das fast alle psychischen Störungsbilder ein neuropsychologisches Äquivalent aufweisen. Auch Depressionen oder etwa posttraumatische Belastungsstörungen (auch leichte!) können mit Störungen von Aufmerksamkeits- und Exekutivfunktionen einhergehen.

Anyway: Die Pharmaindustrie freut sich sicher über Brown’s Interview.

Auch wenn es für Thomas E. Brown „Unsinn“ ist. Ich bleibe dabei:

Die ADHS ist eine sich erstmals immer in der Kindheit manifestierende Störung. Und sie muss sich wie ein ‚roter Faden‘ in einem behindernd starken Ausmass durchs ganze Leben einer oder eines Betroffenen ziehen und diese/diesen massgeblich daran hindern, ihren/seinen Weg zu gehen und ihr/sein Leben zu führen.

4 Gedanken zu „Unsinn? (Konstruktive ADHS-Kritik – Teil 7)

  • Pingback: Anonymous

  • 04.05.2012 um 20:49
    Permalink

    Zitat Rossi: Und sie muss sich wie ein ‘roter Faden’ in einem behindernd starken Ausmass durchs ganze Leben einer oder eines Betroffenen ziehen und diese/diesen massgeblich daran hindern, ihren/seinen Weg zu gehen und ihr/sein Leben zu führen.Zitat ende.

    Ich bin der Meinung, das viele Menschen auch deshalb keinen Bedarf an einer Diagnose haben, weil sie rein zufällig Lebensbedingen ausgesetzt sind in denen ihr ADHS nicht zum Problem/zur Krankheit wird.

    Ich z.B. bin 1972 diagnostiziert worden, habe ab dem 18 Lebensjahr mir eine Umgebung und die Verhältnisse geschaffen mit denen ich gut klar kam.
    Erst als eine externe Krankheit dafür sorgte, das meine Kräfte nicht spontan abrufbar waren, konnte ich mich nicht mehr so regulieren wie es für mich gut ist.

    Ich bin jetzt 47 und bin seit 5 Jahren krank. Erst jetzt habe ich Probleme mit mir. Vorher hatten höchstens Andere Probleme mit mir.

    Wo beginnt nun „Krankheit“ ?

    Da wo jemand mit sich selbst nicht mehr klarkommt ?

    Oder da, wo derjenige hinter seinen Möglichkeiten zurückbleibt.

    Rückblickend muß ich sagen, habe ich oft darüber nachgedacht, das Rechtsanwalt der richtige Job für mich wäre(Das Potenzial war mehr als vorhanden).
    Doch wusste ich das ich das gar nicht koordiniert kriege.
    Warum das so ist, war mir nicht klar.
    Nie hat mir jemand die Zusammenhänge erklärt.
    Also war das Thema für mich auch nicht relevant.

    Die genauen Funktionsweisen und Zusammenhänge habe ich erst angefangen zu erarbeiten und zu verstehen, nachdem bei mir nichts mehr ging.

    Ich kann AIDS in mir tragen und nicht krank sein.

    Meine Mutter ist ein besonders schwerer Fall.
    Das erkenne ich auch erst seit kurzem.
    Wir sind wie Feuer und Wasser.
    Ich die motorische Nervensäge und sie die regellose depressive Träumerin die mit einigen Bewältigungsstrategien mit ach und krach ihr Leben geschafft hat.
    Dabei blieb sie sozial immer allein.

    Die Behinderung, die sich durch das ganze Leben zieht, wird zu oft nie erkannt.
    Mir selbst erklären zu können, warum bin ich so, findet erst jetzt mit 47 statt.
    Meine Mutter wird das alles wohl nicht mehr verstehen.
    Dafür ist sie nun schon viel zu sehr im Grenzbereich ihrer Kräfte und Möglichkeiten.
    Schade.

    Auch ich habe nur Geld gekostet.
    Und kaum Produkt erzielt.
    Auch schade…

    Und die ADHS-Fachklinik in der ich seit 2Wochen bin, gibt sich keine Mühe, eine differenzierte Diagnose bzw. Anamnese zu erstellen.

    Solche Leute wie Herr Brown schaden dem Thema und damit den betroffenen Menschen.
    Indem sie es zerreden und nicht erst überlegen was ihre Äußerungen für Folgen haben.

    Sorry fürs ausschweifen.
    Ich bin davon überzeugt, das derjenige der ADHS hat, es auch von Anfang an in die Wiege gelegt bekam.
    Nur wann und wie, wie stark und ob es zum Problem wird ist die Frage.

    MfG vom Andy (z.Zt in Niedersachsen).

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  • 04.05.2012 um 10:21
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    Ja, inhaltlich habe ich auch mit dieser Passage Bauchschmerzen bekommen. Wie ich aber Brown verstehe ist es eher so gemeint: Die Veranlagung ADHS als Störung der Exekutivfunktionen bzw. höherer Aufmerksamkeitsfunktionen muss angeboren sein. Es kann aber sein, dass man durch die Lebensumstände eben erst „spät“ an die Herausforderungen kommt, weil sie vorher von Eltern oder anderen Leuten „abgenommen“ wurden. Ich persönlich würde dann auch kein ADHS diagnostizieren. Es bleibt aber eben schon die Feststellung, dass es auch andere Formen von Störungen der Exekutivfunktionen geben kann, die man dann eben auch behandeln sollte. Aber nicht ADHS nennen sollte … Hier wäre Brown mehr Differenzierung zu wünschen, was aber in einem solchen Interview vielleicht auch nicht immer gelingt.

    Im übrigen gilt für mich: Nicht alle verlinkten Beiträge treffen meine persönliche Meinung über ADHS …

    Antwort
    • 04.05.2012 um 10:34
      Permalink

      Auch ich hänge gerade gedanklich an dieser Passage. Aeltere Frauen, teils auch Sportler, Männer um 30 mit Träumer-ADS … das dreht sich gerade in meinem Kopf. Welche Rolle spielt das Dopamin? Brauchen diese Leute nur eine Veränderung im Dopamin-Spiegel oder auch Therapie?

      Antwort

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