Es ist wieder eine Zeit angebrochen, in der sich Lehrpersonen mit Zeugnissen in die Gefahr der seelischen Körperverletzung begeben. Es gibt gute und schlechte Zeugnisse bzw. Lernentwicklungsgespräche.
Für ADHS-Kinder und Jugendliche sind Zeugnisse selten Grund zur Freude (höchstens, dass die Qual der Negativbewertungen und nicht erkannter Entwicklungsanforderungen dann eine Pause von sechs Wochen hat).

In ihrem neuen Blog beschreibt leidenschaftlichwidersynnig ein von ihr selbst geschriebenes bzw. gestaltetes Zeugnis, das sich mit den Stärken, der Anstrengung in verschiedenen wichtigen Lebensbereichen und eben der Entwicklung zu einer jungen Persönlichkeit ihrer Tochter beschäfigt.

Sie stellt ihr ein tolles Zeugnis aus, das weit mehr über ein Reifezeugnis aussagt, als die oftmals demoralisierenden Zeugnisnoten der Schule.

Kleine Kämpferinnen und Kämpfer. Immer wieder. Und dabei sehen sie oft nicht, was sie alles schaffen in so einem Schuljahr. Was nicht im Zeugnis steht.

Vom Startblock springen, zum Sport gehen, pünktlich bei der Ergo sein, ein Instrument üben, Medis nehmen ohne murren, dies und das und jenes üben, wenn andere schon draußen spielen, ohne Freunde auskommen müssen, Mobbing aushalten … Dinge, die für andere Menschen einfach oder sogar unnötig sind.

Es hat mich traurig und nachdenklich gemacht, wie wir mit Kindern und Jugendlichen in der Schule umgehen. Gerade, weil ich derzeit in meiner Psychotherapiegruppe die Extreme so versammelt sehe. Eine 1er Abiturientin, die totunglücklich ist, und ein anderes tolles Mädchen, die gerade durchs Abi gefallen ist.

Schule kann krank machen. Zeugnisse können wie seelische Traumata wirken.

Lehrerinnen und Lehrer:  Denkt bitte mal drüber nach, was ihr da macht! Mir geht es nicht um Noten, mir geht es um die Verurteilung, die häufig damit verbunden ist.

Dagegen ist das eigene Zeugnis, als Urkunde wie von leidenschaftlichwidersynnig vorbildlichst gestaltet, der richtige Blick auf die tollen Seiten unserer Kinder.

Nachmachen und stolz auf diese besonderen Kinder sein. Man darf es ihnen auch zeigen!

3 Gedanken zu „Giftblätter und ein sehr gutes Zeugnis“
  1. Sicherlich darf man nicht alle Lehrer in einen Topf werfen. Sicherlich gibt es Rahmenbedingungen, die es mühsam machen, den Kindern gerecht zu werden.
    Aber wo steht geschrieben, dass man Kinder mit Schwierigkeiten abwerten darf, dass der Blick verengt sein muss auf ausschließlich schulische Leistungen, dass Empathie verboten ist?
    Und warum ist es so aus der Mode gekommen zu sagen: wir schaffen das, ich unterstütze dich und du tust deinen Teil?
    Wo ist die Frage nach: warum habe ich diesen Schüler nur so weit gebracht und nicht weiter?
    Warum muss sich immer nur der Schüler vornehmen, sich hier und da und dort zu
    (ver)bessern?

    Natürlich ist es das System, aber es sind immer Menschen, die es umsetzen und die leider viel zu oft kleine Menschenseelen abgrundtief verletzen.

  2. Da wird mir aus der Seele gesprochen, der Autor hat ja so recht! Das Schulwesen ist nach wie vor eine unmenschliche Selektionsmaschine in einer Kultur negativer Kritik (das heißt trotz der, hinter dem Begriff des „Neuen Lernen“, sich versteckenden Reformbemühungen). Und schlimmer: Die Schülerinnen und Schüler werden für das Funktionieren in der Wirtschaft zugerichtet. Doch es werden, mit Verlaub, die Falschen angesprochen:
    Die Lehrpersonen, von denen hier in dem Beitrag die Rede ist, gibt es ohne jeden Zweifel. Viele urteilen jedoch nicht leichtfertig, machen sich Gedanken und suchen im Rahmen des Möglichen nach Lösungen zugunsten ihrer Schüler. Das Problem liegt jedoch aus meiner Sicht ganz woanders: Es ist der gesetzliche Rahmen, der verhindert, dass mit Augenmaß beurteilt oder dass kreativ gehandelt werden kann. Ich bin selbst von ADHS betroffen und Gymnasiallehrerin, habe beschlossen dies zu werden, weil man nur als Teil des Systems das System verändern kann. Fakt ist, das geht nur subversiv und ganz ganz vorsichtig:

    Das Schulgesetz schreibt nämlich vor, wie etwa die Leistungsbewertung durchzuführen ist, die gesetzlichen und schulinternen Curricula regeln, welcher Stoff auf welche Weise zu unterrichten und zu überprüfen ist. Auch wenn der Offene Unterricht heute gefördert wird, sind die Handlungsspielräume für Lehrpersonen doch begrenzt, solange es ein Zuviel solcher Vorschriften und solange es das Zentralabitur und andere zentrale Abschlussprüfungen gibt.
    Es ließe sich natürlich einwenden, dass solche Regeln umgangen werden könnten, doch setzt man sich damit dem Risiko aus, jederzeit und von allen Seiten her angreifbar zu sein. Angreifbar meint hier, es besteht für Schüler und Eltern ein einklagbarer Rechtsanspruch, dass richtlinienkonform benotet wird. Man wird aber auch von unerwarteter Seite kritisiert: Die Schülerinnen und Schüler wissen, dass die Währung, mit der im Bildungswesen gehandelt wird, die Note ist. Ich habe schon häufiger erlebt, dass kreativer Unterricht deswegen abgelehnt wurde, weil er kein richtiger Unterricht sei und nicht zum Notenkonto beitrüge.

    Um auf meine Eingangsbemerkung zurückzukommen, es würden die Falschen angesprochen: Das Problem gehört meiner Ansicht nach auf die politische Ebene, da sind die wahren Urheber zu finden!

  3. Hallo Martin, schön, wie Du das erläuterst und darstellst. So richtig menschlich. Es wärmt. Das schreibt jemand, der vor über 40 Jahren das Martyrium Schule abgeschlossen hat, das vom 1. bis zum letzten Tag Grund zum Suizid war. LG Wulf

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