Marburger Konzentrationstraining

Zugegeben: Hier bin ich auch nur über die Presse informiert. Es geht um einen Jungen mit Hyperaktivitätsproblemen, der in einer tolenl kleinen Integrationsklasse von 12 Schülern verhaltensauffällig ist.

Es wird nicht genau dargestellt, wie der Junge nun derzeit therapiert wird. Aber es wird suggeriert, dass ihm eine hilfreiche Therapieform vorenthalten wird und von einem Spendenparlament über ein Jahr finanziert werden sollte. Das sei besser als jahrelange Ergotherapie und überhaupt gut.

Worum geht es? Um das Marburger Konzentrationstraining bei ADHS, das mit dem Namen des leider im letzten Jahr verstorbenen Psychologen Dieter Krowatschek verbunden ist.

Tja, ich möchte das Training nicht pauschal kritisieren. Ich weiss, dass es sicher Eltern gibt, die auf die persönliche Betreuung bzw. das Charisma von Krowatschek und seinen Mitarbeitern schwörten bzw. schwören.

Nur: Als „wirksam“ im Sinne einer evidenzbasierten = nachgewiesen sinnvollen Maßnahme hat sich dieses Training eben gerade nicht erwiesen. Daher wird es (zumindest nach meiner Kenntnis) in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle auch nicht von den Krankenkassen bezahlt.

Und es erschliesst sich mir auch nicht zwingend, warum da Gelder eines Spendenparlamentes nun sinnvoll investiert sein sollten.

Zuvor sollte der Familie bzw. dem Jungen doch mal die Chance gegeben werden, etablierte bzw. leitliniengerechte Maßnahmen zu erhalten. Dazu gehört aber eben weder das Marburger Konzentrationstraining noch jahrelange Ergotherapie. Sollte sich dann zeigen, dass ergänzend bzw. gezielt Ergotherapie bzw. Konzentrationstraining / Elterntraining erforderlich wird, so wird dies dann gezielt geschaut und nicht mit dem Giesskannenprinzip über alle „ADHSler“ ausgegossen.

Fazit: Dieses Kind benötigt zunächst eine genaue Diagnostik und dann gezielte Indikationsprüfung für wirksame Maßnahmen. Und nicht eine Methode, die sich als unwirksam erwiesen hat, aber hipp und nett klingt.

2 Gedanken zu „Marburger Konzentrationstraining

  • 14.07.2012 um 13:19
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    Wir sind gerade daran, das Marburger Konzentrationstraining kennen zu lernen: Allerdings führen wir es nicht als kompletes Training durch, sondern „picken“ einige Einheiten heraus. Interessant sind z.B. die kurzen Einheiten, um zuerst das laute, dann das leise und schliesslich innere Sprechen zu erlernen. Zeigt es sich bei einem Kind als notwendig, das handlungsstützende innere Sprechen einmal bewusst zu erlernen und die Vorteile dieses Vorgehens zu realisieren, so eignen sich dafür einige Arbeitsblätter des Trainings. Spannend ist, dass im Ordner viele räumliche Aufgaben gesammelt sind, welche wir nach eingehenden Abklärungen, welche räumliche Schwierigkeiten bestätigen, gezielt einsetzen können.
    Die Kinder mögen es sehr, wenn wir bei diesen Aufgaben daneben extra versuchen, sie abzulenken und sie wiederum versuchen, diesen Ablenkungen zu widerstehen. Wie in der vermittelten Lernerfahrung von Feuerstein vorgesehen, wird dieses Erleben auch in den Alltag transferiert (dieser Ansatz hat allerdings nichts mit dem Marburger Konzentrationstraining zu tun).

    Ich werde mich für eine interne Fortbildung in unserer Praxis in den nächsten Wochen noch vermehrt mit dem Manual auseinander setzen und bin gespannt, ob ich meine Annahme bestätigt finde, dass sich das gesamte Training kaum eignet, sondern wie geschildert, allenfalls eine gezielte Auswahl für den therapeutischen Aufbau ganz spezifischer Fertigkeiten.

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    • 15.07.2012 um 19:59
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      Sehe ich genauso. Im Prinzip muss man immer den individuellen „Massanzug“ suchen bzw. indikationsbezogen und nicht mit der Giesskanne die Behandlung erstellen.

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