Achtsamer Sport machen dank MPH?

Es mag ja eine merkwürdige und zunächst trivial erscheinende positive Wirkung von Methylphenidat sein: Eine meiner Patientinnen schilderte mir vorhin, dass sie unter dem Psychostimulans zum ersten Mal in ihrem Leben Spass am Sport hatte. Sie habe sich auf den Sport als Selbstzweck konzentrieren und ihn erleben können. Und nicht wie sonst beim Laufen an alle möglichen sich selbst gestellten Zusatzaufgaben (Beobachten von Autokennzeichen mit bestimmten Buchstaben, Blumen, Anzahl von Papierkörben etc.) denken musste.

Sie habe mit Sport angefangen, weil ihr Arzt es ihr so gesagt habe. Aber Spass, Erfolg, innere Zufriedenheit oder sowas habe sie nie erlebt.

Bis gestern.

Nun muss man dazu sagen, dass die Diagnose ADHS ganz neu für sie ist. Sie war als Kind schon in kinderpsychiatrischer Behandlung. Und dann bei sehr guten Kollegen (ohne ADHS-Verdacht) zur psychiatrischen Behandlung. Dort u.a. wegen vielen Ängsten, auch der Angst vor Kontrollverlust oder Probleme beim Autofahren mit Koordinationsstörungen oder Konzentrationsstörungen und auch wegen Entfremdungserleben.  Auch bei der Arbeit sei sie wegen Konzentrationsproblemen schon aufgefallen.

Wobei sie aber eben immer leicht ablenkbar war bzw. sich immer zusammenreissen musste. Da ihr aber der Vergleich zum Erleben von anderen Menschen fehlte, hat sie dies für normal angesehen.

Jetzt erlebt sie unter der Medikation den Unterschied zwischen „normal“ und „normal“ aus Sicht der Normalos ohne ADHS …

Nicht nur beim Sport. Aber eben auch dort.

6 Gedanken zu „Achtsamer Sport machen dank MPH?

  • 29.10.2015 um 12:46
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    Hallo Herr Dr. Winkler,
    danke für diese Seiten. Gerade bei dem Thema „Sport und MPH“ fand ich mich sofort wieder. „Sport“ im gängigen Sinne habe ich bewusst nie betrieben: in der Schule den Sportunterricht zutiefst gehasst.

    Alles, was irgendwie mit dem Erwerb motorischer Fähigkeiten zu tun hat(te), dauerte bei mir immer extrem lange und ungewöhnlich mühsam. Radfahren lernte ich nach langer Müh und Not erst mit 12 (danach aber bis heute leidenschaftlicher Radfahrer geblieben), Schwimmen eigentlich nie, Autofahren mit Mitte 30 (als es im Beruf nicht mehr ohne ging – inzwischen mehr als eine Million km unfallfrei gefahren). Usw. usf.

    Dabei war die „hyperaktiv-irgendwas“-Diagnose aus der Präpubertät längst vergessen – die wurde sowieso nie behandelt („Wächst sich schon raus“). Erst nach meiner Diagnose als Erwachsener, da war ich Ende 40, entdeckte ich meinen latenten Faible fürs Bergsteigen / Bergwandern (und das als Kind Norddeutscher Tiefebene) – und, jetzt kommt’s, fürs Gleitschirmfliegen. Auf Letzteres wäre ich nie im Leben gekommen, denn erstens bildete ich mir mein Leben lang Höhenangst ein, zweitens wäre ich motorisch ohne MPH niemals in der Lage, die ganzen Bewegungsabläufe beim Starten und Landen (das Fliegen dazwischen geht ja irgendwie immer…) auch nur ansatzweise zu verinnerlichen. Dazu die ganzen Leinen, die in Ordnung gehalten werden müssen, und viele Dinge, die es an der Ausrüstung immer wieder zu prüfen gilt, da davon schlicht das eigene Leben abhängt.

    Ein Weltmeister im Paragliding werde ich wohl in diesem Leben nicht mehr, bin aber froh, diese fantastische Sportart für mich entdeckt zu haben. Ich betrachte die viel zu seltenen Flüge als eine Art Selbsttherapie. Trotzdem bin ich immer wieder von mir enttäuscht, will hinschmeißen, Ausrüstung wahlweise verkaufen oder zerstören, solche Scherze. Zum Glück steht mir meine liebe, in solchen Momenten recht arme Frau bei Seite – so gut sie kann.

    Wie gesagt: Ohne MPH wäre das ganze Unterfangen nie zu Stande gekommen.

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  • 06.02.2014 um 13:09
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    Ne, ich kann es nicht so gut nachvollziehen. Bei mir war es andersrum. Ich habe schon immer Sport geliebt und viel Sport getrieben. Ich habe mich beim Sport glücklich gefühlt. Dann hatte ich Probleme mit Gelenken, konnte nicht mehr laufen und habe mich so extrem schlecht gefühlt, dass ich dann endlich beim Arzt gelandet bin und dann nach Monaten von Diagnostik mit ADHS diagnostiziert wurde. MPH macht ruhig. Wenn ich ruhig bin brauche ich keinen Sport mehr. Ich habe früher immer gejoggt, um die ganze Energie loszuwerden. Nach MPH habe ich keine Lust mehr.

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  • 03.02.2014 um 07:14
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    Guten Morgen,
    kann ich voll bestätigen. Ich habe den gleichen Effekt beim Joggen, ich kann mich aufs laufen konzentrieren und nur auf das und konzequent die vorgenene Zeit durch joggen, ohne ständig zu denken wann ist die Zeit rum, ohne alle Schilder zu lesen, oder sonst durch die Weltgeschichte zu schauen wo was onteressanters gibt als laufen.

    Grüsse

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  • 01.02.2014 um 19:22
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    Sport war bei mir vor mph immer ziemlich zwanghaft.Ich musste es tun um nicht zu explodieren und hörte dazu immer laut Musik.
    Mit mph mache ich weniger Sport und Musik höre ich seltener und wenn, nur halb so laut. Und ich achte besser auf meinen Körper.

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  • 30.01.2014 um 19:16
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    Das mit dem geniessen kann ich bestätigen. Mich nur auf die Bewegung konzentrieren. Und vor allem nicht diese innere Getriebenheit. Auf den Tacho des Bikes schauen zu müssen. Die Zeit beim Schwimmen und Joggen zu messen, um den Beweis zu haben, etwas getan zu haben. Einfach nur im jetzt sein und und bei mir sein.

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