ADHS Transition von Jugendlichen und jungen Erwachsenenalter

Im Sommerloch finden wir regelmässig Artikel, die von einer Überdiagnostik oder den sonderbarsten Zusammenhängen von einem Faktor xyz mit der Überdiagnostik von ADHS zusammenhängen soll. Seien es nun Schmerzmittel oder gerade mal Weichmacher im Beatmungstubus der Säuglingsstation.

Bei mir löst das einen chronischen Tic im Sinne einer Art „Kopfschüttel-Überschuss-Syndrom“ aus. Ich frage mich dann, ob die Journalisten keine anderen Optionen haben, sich mal mit einenm Thema zu beschäftigen, das wirklich auch in der Praxis vorkommt.

Bei mir in der Klinik sind dies besonders (nicht ausschliesslich) Mütter von Jugendlichen bzw. Jungen Erwachsenen mit einer ADHS-Konstitution, die nicht im „normalen“ Leben Fuss fassen können.

Aufgrund der syndromtypischen Entwicklungsverzögerung der Selbstregulation und Selbstständigkeitsentwicklung irren diese auf dem Papier „erwachsenen“ Jungs und Mädels auf der Suche nach einem Ziel umher, als ob das Leben eine Art virtuelles PokemonGo wäre.

Leider mit der Folge, dass ihre Eltern und der Rest der Familie ständig wie an der Windkante eines Orkans lebt und damit in jeder Sekunde, Tag und Nacht auf die nächste Katastrophe vorbereitet sein muss.

Wenn man auf ETWAS sicher vorbereitet sein kann und muss, dann auf die nächste katastrophale Meldung wie gerade bei einer Patientin hier : Sohnemann hat sowohl Job und auch Wohnung verloren. Und sie selber hat über 18 Arbeitsplatzwechsel / -verluste hinter sich.

Nun sollte man meinen, dass schon allein die psychiatrische Hochrisiko-Gruppe der Jungen Erwachsenen besondere Unterstützung erfährt und noch dazu nun die spezielle Gruppe von Jungen Erwachsenen (?) (oder zu lang geratenen noch-Kinder mit subjektiv überhöhter Altersangabe im Personalausweis).

Weit gefehlt.

Wirklich sinnvolle Angebote für die Transition, also den Übergang von Angeboten der Kinder- und Jugendpsychiatrie in das Versorgungssystem der Erwachsenenpsychiatrie bzw. soziale Unterstützungsssysteme fehlen.

Leider nicht nur in Deutschland, sondern auch in England. Darauf macht eine aktuelle Studie aufmerksam, die sich spezieller mit den Auswirkungen sowohl für die betroffenen Jugendlichen wie auch der Erschöpfung bzw. Minderung der Leistungsfähigkeit bei den Eltern beschäftigt.

Über TOKOL (Selbsthilfevereinigung bzw. Jugendfreizeiten in Laubach/ Hessen) hatten wir im letzten Jahr als Pilotprojekt Workshops für dieses spezielle Problematik. Und ich denke, das der Bedarf auch noch weiter steigen wird.

Ziel dieser Kurse ist es, mit den Betroffenen Jugendlichen / Erwachsenen an Strategien zur Verselbstständigung im Alltag und Ausgleich von den Problemen der höheren Handlungsfunktionen, Reizoffenheit und Ablenkbarkeit und den dadurch resultierenden Problemen im Bereich von Selbstwirksamkeit und Selbstständigkeitsentwicklung zu arbeiten.

Eigentlich bräuchten Sie aber dann eine weitere Begleitung im Sinne eines „Verselbstständigungs-Coaching“. Hilfe zur Selbsthilfe im Alltag. Hilfe bei der Berufswahl, Ausziehen bzw. Führen einer Wohnung, Umgang mit Behörden und Finanzen, Umgang mit Stimmungssschwankungen und Krisen. Halt das volle Programm des „Erwachsen-sein“ .

Ich werde weiter dann die „Folgeschäden“ von Müttern und Vätern aufsammeln und notärztlich psychiatrisch versorgen, die in der Psychosomatik dann gar nicht wegen ADHS, sondern wegen Erschöpfungsdepressionen oder Schlafstörungen landen.

Gerade gestern wieder eine Patientin mit Juckreiz, zahlreichen Magen-Darm-Beschwerden, Schlaflosigkeit und Erschöpfung. Bei 5 ADHS-Kids (k)ein Wunder….

Ich würde mir auch von den Fachverbänden und der Selbsthilfe noch mehr Engagement für diese Problematik wünschen. Ich selber werde vor der Sozialakademie der DRV Bund in Berlin im September einen Vortrag dazu halten.

Welche Ideen bzw. Bedürfnisse würden Euch dazu einfallen ?

 

4 Gedanken zu “ADHS Transition von Jugendlichen und jungen Erwachsenenalter

  1. Hat dies auf leidenschaftlichwidersynnig rebloggt und kommentierte:
    Ich habe diesen interessanten Beitrag kommentiert. Er fragt uns nach Ideen und Bedürfnissen und lädt zur Beteiliging ein. Ich habe das gemacht. Am Ende meines Kommentars suche ich nach MitinitiatorInnen für eine Idee meinerseits: online Patenschaften von erfahrenen neurodiversen Menschen für junge neurodiverse Menschen. Falls jemand Interesse hat: ich kann / will hier keinen Mail-Kontakt einfügen, bin aber über die Kommentar-Funktion dieses Blogs und über Leidenschaftlich Widersynnig auf Facebook erreichbar. Ich würde mich dann über Mail/ Messenger ( wenn gewünscht ) melden .
    Nun aber endlich zum Beitrag:

    Gefällt 1 Person

  2. Lieber Martin,
    „Leider mit der Folge, dass ihre Eltern und der Rest der Familie ständig wie an der Windkante eines Orkans lebt und damit in jeder Sekunde, Tag und Nacht auf die nächste Katastrophe vorbereitet sein muss.“
    Das trifft es.
    Du fragst, welche Bedürfnisse und Ideen uns dazu einfallen?

    Im Wesentlichen fallen mir da Unterstützungsangebote jenseits des Therapie-und Krankheitssysystems ein. ( Ärztliche /therapeutische Maßnahmen gibt es ja, wenn auch viel zu dürftig).
    Als Eltern -meist Mütter- sind wir besonders gefordert – wir wollen uns auch nicht von unserem Kinde entlasten, nein, wir brauchen an anderer Stelle Hilfe. Vielleicht im Haushalt, damit Zeit für die Kinder da ist, die eben noch nicht alles so gut auf die Reihe bekommen, wie ihre MitschülerInnen. Damit wir trotzdem beruhigt unser Geld verdienen können ( Schulen, die Kinder nicht nach Hause schicken). Oder für die Kids: jemand, der mal mal was am WE mit ihnen macht, damit auch die Eltern mal zu Ruhe kommen. Besondere Hausaufgaben /Prüfungsvorbereitungs -Hilfe.
    Beratung in allen Fragen des Miteinanders einschließlich Sexualität bei jemandem, der nicht im Familiensystem “ steckt, aber über die Schwierigkeiten bei ADHS weiß. Also Gelegenheit zur Selbstreflexion- ohne Belehrung.
    Solche Workshops wie bei tokol sind gut. Dafür könnte es Zuschüsse geben.
    Familiencoaches, die unterstützten, wo es jeweils nötig ist. Auch die Eltern. Mal zuhören, ohne zu bewerten/verurteilen. Nicht belehren. Viele betroffene Familien haben eine gut durchdachte Struktur, die versucht, allen gerecht zu werden, ausgehend oft von den Bedürfnissen desjenigen, der am meisten Struktur braucht.
    Das aufgreifen und stabilisieren, das wär´s. Nicht aber Konzept A oder B von der Uni X implementieren.
    Sich nicht in medizinische Fragen /Entscheidungen einmischen. Das macht schon der Rest der Welt.
    Darüber hinaus natürlich auch gezielte Angebote für den Übergang Schule -Beruf. Das ist die Zeit, in der es für den Jugendlichen selbst sehr schwer wird, aber auch die Eltern schon eine lange Wegstrecke hinter sich gebracht haben und die Energie nicht mehr ganz so da ist. sowie sich der Einfluß auf die Kids zu Recht verringert.
    Dafür gibt es Behörden, die das aber allesamt leider nicht leisten.
    Begleitung im Sinne von Coaching finde ich nötiger als die xte Psychotherapie/Kur etc.
    Entlastung in Alltagsdingen für die Eltern ebenso.

    Zur Zeit läuft all das über das Jugendamt, Pflegekasse, Agentur für Arbeit, Krankenkasse.
    Das wird der ADHS-Disposition ( und dem Autismus-Spektrum, wo es ähnlich gelagert sein kann) nicht gerecht. ADHS kann auch nur eine Normvariante sein, die dennoch eingeschränkte Alltagskompetenzen mit sich bringt, mindestens jedoch bis aus den Kindern Erwachsene nicht nur auf dem Papier geworden sind ( oft erst mit 30 oder so).
    Und solange Eltern Unterstützung leisten, sollten auch sie selbst ein Anrecht auf Unterstützung haben. Und das nicht nur auf Krankenschein.
    Allein das Wissen darum, dass man sich zwar länger um seine Kinder kümmern muss, aber die Kids nicht von allen allein gelassen werden beim Erwachsen werden, entlastet doch schon. Dann kann man auch mal an sich selbst denken, was bitter nötig ist!

    Und wenn dann ein Eltern doch mal vor Erschöpfung in der Reha landet, dann sollte auch dies besondere Belastungssituation ein Thema sein dürfen, müsste es mehr gezielte Angebote für unsere Personengruppe geben. Eigentlich gehören wir zu den pflegenden Angehörigen … aber leider versteht man in den Kliniken oft nur die Menschen drunter, die bettlägerige/körperbehinderte Menschen oder Demenzerkrankte pflegen . Die Problematik ist die selbe: immer da sein müssen, immer auch für das nächste Chaos/Schwierigkeit gefasst und gewappnet sein. Immer eine erhöhte Alltagsbelastung, immer doppelt viel Bürokratie. Selten Pause, selten jemanden, der versteht. Keine Zeit und Kraft für Selbstfürsorge.

    Es nützt aus meiner Sicht nicht, auf Krankenschein Gelegenheit zur Reflexion zu geben Entspannungstechniken zu lernen und üben und mit gutem Vorsatz, ich tue jetzt mal was für mich aus einem Klinikaufenthalt herhaus zu kommen, wenn nicht auch die Möglichkeit der konkreten Entlastung ( Abnahme von Aufgaben) geregelt werden kann. Dann ist es nur eine Frage der Zeit, bis der mühsam aufgefüllte Akku wieder leer ist.

    Und noch was: Ich finde, unsere Kids brauchen das Wissen und die Sicherheit, dass wir als Eltern hinter ihnen stehen. Auch wenn sie den Schritt raus aus der Familie wagen. Und das können wir am besten, wenn wir nicht die bei allen mini-Katastrophen des Alltags bei Fuß stehen müssen, sondern dann, wenn´s wirklich brennt. Dann haben wir nämlich die Energie dafür. Also sollte uns der Alltags-Mist etwas abgenommen werden, sollte es außer-familiäre Ansprechpersonen für mini-Dramen geben, vielleicht online-Patenschaften ( ähnlich wie bei Arbeiterkind.de) , da können wir uns auch selber gegenseitig unterstützen.
    Eltern von ADHSlern sind überlastet. Das ist keine Krankheit. Bekomme ich rechtzeitig Entlastung, wird daraus auch keine.

    PS: auf Aufbau eines Unterstützungsnetzes im Sinne von Neurodiverse begleiten Neurodiverse bin ich sehr interessiert ( bei Intersse email über meinen Blog möglich).

    Gefällt 1 Person

  3. Ich würde mir überhaupt eine Idee wünschen, wie man das vermeiden kann. Gerade erst: Elterntreffen. Fünf Mütter von Asperger-Kindern im frühen Teenie-Alter. Schule mit Spezialklassen, d.h. die Kinder kommen dahin, wenn es auf der Regelschule nicht mehr ging. D.h. alle kennen diese langgezogenen Krisensituationen, die bei allen Beteiligten dauerhaft etwas hinterlässt. Zwei Ehen noch intakt. Zwei Mütter erwerbsunfähig (Migräne / Burnout), zwei Mütter geringfügig beschäftigt („mehr schaff‘ ich gar nicht“), eine erwerbstätig mit chronischen Magenbeschwerden. Den Kindern geht es nicht wirklich anders, wenn man mal nach gesundheitsbedingten Fehltagen fragt.
    Was mir besonders auffällt: die fehlende Perspektive („Na ja, jetzt ist dies Schuljahr erst mal rum. Jetzt sind ja erst mal Ferien. Was dann kommt, gucken wir danach.“) Und die abhanden gekommene Fähigkeit, Verantwortung abgeben zu können, weil die Erfahrung von Jahren zeigt, dass die Dinge am Ende doch wieder bei einem selbst landen. Alle schönen Versprechungen („Nun machen Sie sich mal keine Sorgen, das kriegen wir schon hin“) neigen eben dazu, sich aufzulösen, wenn das Kind in Katastrophe Nr. 768 schlittert, bzw (Asperger) seltsamerweise auch im freundlichsten Umfeld immer noch dieselben Verhaltensweisen zeigt, die ihm Lernen und Sozialkontakte erschweren.
    Ich habe nicht einmal eine Idee, was ich für Wünsche haben könnte. Außer: die Schulbesuchspflicht durch eine Bildungspflicht zu ersetzen und dadurch wenigstens vor dem 18. Lebensjahr des Kindes Spielräume zu schaffen (vielleicht auch zu kurz gedacht).

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