ADHS: Von falschen Freiheiten

Gestern hatte ich nach meinem Urlaub wieder Nachtdienst und erhielt aus mir unklaren Gründen einen Anruf aus Spanien durchgestellt. Ein Papa klagte mir seine berechtigte Sorge um seinen jetzt gerade volljährigen Sohn.

Sohnemann lebte zunächst mit dem Vater und seiner spanischen Lebensgefährtin in Spanien. Dort erhielt er Medikation und mit massiver Unterstützung und wohl auch (mehr oder weniger) notwendigem Druck auch eine Verpflichtung, die Schule zu besuchen. Was ja für ADHSler schon nicht so leicht war. Versuche, dann in der Familie eine Lehrstelle zu beginnen, sind dann irgendwie schief gelaufen.

Dann lockte die in Deutschland lebende leibliche Mutter mit der Aussicht auf ein „lockereres“ Leben. Keine Medikation, ein eigenes Zippo-Feuerzeug und neue Markenklamotten. Das muss wohl wie das Paradies geklungen haben.

Jedenfalls ist Sohnemann raus aus dem väterlichem Druck rein ins Sonnenparadies Hamburg gerutscht. Und ist dort versackt. Statt Ausbildung hing er nur noch mit falschen Kumpels rum. Die Mutter, die ja selber zur Arbeit ging, hat davon nichts mitbekommen. Klar, Medikamente waren ja überflüssig. Der Tag-Nacht-Rhythmus versackte. Die falschen Freunde kifften.

Und er wurde wegen kleinerer (?) Delikte auffällig. Das führte wohl zu einer Verurteilung und Therapieauflage. Da sitzt er jetzt seit zwei Tagen in einer Drogenrehabiliationseinrichtung und klagt sein Leid. Er wäre da so falsch aufgehoben. Weil es keinen Fernseher gibt und die Leute da alle viel älter als er wären.

Manchmal möchte man da rufen: Willkommen in der Realität!

ADHSler haben häufig (unbehandelt) eine Selbstwahrnehmungssstörung. Sie empfinden natürlich die Kontrollen und den „Druck“ der Eltern als „fies“. Sind aber eben weit länger als andere Jugendliche oder junge Erwachsene darauf angewiesen, eine gut funktionierende äußere Führung zu haben. Bricht die weg oder „befreit“ man sich wie dieser Typ aus diesen „Fesseln“ , so geht das leider in aller Regel schief.

Umgekehrt heisst es aber auch, dass Eltern die Kids eben frühzeitig auf die Übernahme von Verantwortung und Pflichten drillen müssen. Leider.

2 Gedanken zu „ADHS: Von falschen Freiheiten

  • 06.11.2011 um 18:42
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    Ich war gestern (05.11.) auf der 10. Regionalen ADS/ ADHS Fachtagung in Halberstadt
    und habe Ihren Vortrag mit viel Interesse verfolgt. Ich bin als Mutter eines Kindes mit diagnostizierter ADHS sehr positiv von Ihren Aussagen berührt worden, vor allem, weil ich weiß, dass ich ein Erwachsener mit ADHS bin (ohne Diagnose vom Arzt).
    Vielen Dank für Ihre Ausführungen!

    PS. Ich ärgere mich im Nachhinein nur, dass ich Ihren Workshop nicht besucht habe.

    LG Jenny Kniestädt

    Antwort
    • 06.11.2011 um 19:16
      Permalink

      Vielen Dank ! Es hat wieder wirklich viel Spass in Halberstadt gemacht und das Mitgehen bzw. Zustimmung im Vortrag und dann auch im Workshop war für mich sehr schön ! Aber es ist auch irgendwie verstörend, wenn ich doch eigentlich nur „ganz normale“ Dinge über ADHS erzähle. Vielleicht mehr aus der Sicht der Betroffenen, manchmal sicher ungewöhnliche Ideen und Ansätze. Aber doch eigentlich nur Selbstverständlichkeiten. Merkwürdig nur, dass man sie so selten liest und hört.
      Ich finde, solche Tagungungen sollen auch oder gerade Mut machen. Einma für die Eltern und Betroffenen, aber auch für uns Therapeuten ! Wenn das ein wenig gelungen ist, freut es mich wirklich !

      Antwort

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