Bildschirmmedien und ADHS (Teil 10)

Digitale Ungeduld
Es ist eines der zentralen Merkmale der Neuen Medien, dass die Zeitgebundenheit aufgehoben ist. Was heisst das? Die Kinder haben beim Konsum von schnellen Bildschirmmedien einen rasanten Ablauf von Hier- und- Jetzt-Erlebnissen. Alles präsentiert sich ihnen zeitlich hoch komprimiert. In den Stunden des Medienkonsums, und das können bei meinen Patienten gerne einmal zwanzig Stunden pro Woche und mehr werden, entgeht dem Kind die Möglichkeit, reale Erfahrungen und ein Gefühl für echte beziehungsweise ’natürliche‘ zeitliche Abläufe zu entwickeln.

Gerade für Kinder und Jugendliche mit einer ADHS, die sowieso häufig im Hier und Jetzt leben, bedeutet der intensive Konsum von schnell ablaufenden Computerspielen, dass sie die Relation von Zeit und Aufwand noch mehr aus den Augen verlieren. Ein Buch lesen, in eine Geschichte eintauchen und dabei ein gutes Gefühl entwickeln, dauert sehr viel länger als beim Gamen, wo man den Kick sofort kriegt.

Zwanzig Minuten Hausaufgaben erledigen dauert ihren Gefühlen nach dann eine Ewigkeit. Vom sich morgens rechtzeitig auf das In-die-Schule-gehen vorbereiten ganz zu schweigen. Sich etwas zusammenbauen aus Holz oder aus Teilen eines alten Rasenmähers oder das Aufziehen einer Pflanze auf dem Balkon dauert alles seine Zeit. Und zwar in einem von der Natur vorgegebenen Zeitrahmen. Dafür aber haben im Zeitalter der „Sofortness“ viele der medienüberfluteten Kinder definitiv keine Geduld mehr (übrigens: Forscher zeigten auf, dass auch Fastfood das Zeitgefühl massiv beeinträchtigen kann).

Weil in den meisten Computerspielen und auch am TV sehr vieles extrem schnell abläuft, man im Nu riesige Distanzen überwindet, Karriere macht, sich mal eben Ruckzuck ein neues Leben kaufen kann, wenn man schon wieder erschossen oder von einem Monster gefressen wird, erscheint im realen Leben alles noch langweiliger. Diese Kinder und Jugendlichen erleben dann den realen Zeitablauf als unerträglich stark verzögert. Im realen Leben daheim und in der Schule geht es nämlich definitiv langsamer und mühsamer zu und her, als in der virtuellen Welt. Lehrerinnen und Lehrer haben heute einen schweren Stand: Es ist für sie angesichts der überwältigenden Erlebnisse, welche die Kinder in der Medienwelt machen, immer schwieriger, den Unterricht so zu gestalten, dass die Kinder ihn interessant finden.

Zahlreichen Kindern mit einer ADHS bleibt ein ihrer Intelligenz und ihrer Motivation entsprechender Schulerfolg vorenthalten. Ihre Identitätsentwicklung ist elementar gefährdet, weil ein stimmiger Schulerfolg die wichtigste Seelennahrung für Kinder darstellt. Auch Jan sagte seinen Eltern gegenüber wiederholt, er sei einfach nur dumm. Bleibt diesen Kindern ein ihren Möglichkeiten angemessener Schulerfolg verwehrt, entsteht hinsichtlich Identitätsentwicklung ein Vakuum. Nur zu leicht ist heute, sich im Schnellverfahren eine andere Identität zu verschaffen oder für eine gewisse Zeit in die beruhigende und oberflächlich sinnstiftende Medienwelt abzutauchen. In Online-Spielen kann man im Schnellverfahren Karriere machen: Man wird ein weltbekannter Fussballprofi (das ist kein Witz, weltbekannte Sportartikel-Konzerne bezahlen den guten virtuellen Spielern echte Sponsorenbeiträge) oder man wird ein berüchtigter Krieger …

Fortsetzung: Übermorgen 20:00, gleicher Kanal.

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