Konsenserklärung „ADHS – Das Syndrom“: I – 4

Konsenserklärung „ADHS – Das Syndrom“: Punkt 4

„Vorgeblich ADHS-typische Symptomatiken finden sich gleichermaßen bei vielen anderen bekannten Störungen, wie Ängsten, Depressionen, Bindungs- und Beziehungsstörungen, Über- und Unterforderung, Traumatisierungen, Schilddrüsenstörungen, Intoxikationen, Seh- oder Hörstörungen, Entwicklungsverzögerungen etc. Sie sind deshalb unspezifisch und nicht ADHS-typisch.“

Was postulieren diese Zeilen? Folgendes: ADHS-typische Symptome treten auch bei anderen psychischen Störungsbildern auf. Ein eigenes Krankheitsbild lässt sich daher nicht rechtfertigen.

Nun, jeder Kliniker weiss aus seiner Arbeit und jedem Lehrbuch der Psychopathologie kann entnommen werden, dass Ängste auch bei Depressionen und depressive Zustände auch bei Angststörungen auftreten können. Die Vorstellung, psychische Störungen würden sich voneinander abgrenzen lassen wie unterschiedlich gemusterte Badezimmerkacheln, entspricht einem realitätsfremden Modell von psychischen Störungen.

Warum uns beim ADHS-Störungsbild besonders viele Überlappungen zu anderen Diagnosen auffallen, hat folgenden Grund: Alle psychischen Störungsbilder werden begleitet von mehr oder weniger stark ausgeprägten neurokognitiven Defiziten. Aus historischen Gründen sind wir es gewohnt, psychische Phänomene ausschliesslich in psychodynamischer, interpersoneller oder systemischer Perspektive zu beleuchten. Die ADHS ist die erste verbreitete und breit bekannte psychopathologische Diagnose, deren neuropsychologisches Äquivalent (also Konzentrationsstörungen, Impulsregulationsstörungen usw.) evident ist. Nach der neurokognitiven Ebene müssen wir im Alltag eines ADHS-Betroffenen also nicht erst lange suchen.

Bei depressiven Störungsbildern etwa achten wir ganz einfach noch zu wenig auf die ebenfalls immer vorhandene neurokognitive Ebene. Wäre dies heute nämlich schon der Fall, würde es wohl vielen Klinikern schneller ins Auge springen, wenn einer depressiven Symptomatik eine ADHS zugrunde liegt (was etwa bei Erschöpfungsdepressionen nämlich gar nicht so selten ist).

Zusammengefasst: Auch noch so grosse Überlappungen von einzelnen Symptomen sind für sich alleine gesehen kein Grund, eine eigenständige Krankheitseinheit zu negieren.

Schauen wir uns die These zum Schluss noch ganz genau an:

„Vorgeblich ADHS-typische Symptomatiken [……] sind deshalb unspezifisch und nicht ADHS-typisch.“

Okay. Vorgebliche ADHS-typische Symptomatiken sind nicht ADHS-typisch. Hm… Wie soll ich diesen Satz verstehen? Was ist denn ADHS-typisch? Wo es doch gemäss der „Konferenz ADHS“ die ADHS gar nicht gibt!?

Ja, dieses Postulat scheint wirklich erst angedacht. Aber warten wir mal zu. Vielleicht erklärt uns die „Konferenz ADHS“ demnächst ausführlicher, welches denn die echten ADHS-typischen Symptome sind.

Fortsetzung: Morgen ab 20:00 – gleiche Stelle.

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Ein Gedanke zu „Konsenserklärung „ADHS – Das Syndrom“: I – 4

  • 14.02.2012 um 20:22
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    Danke für diesen Beitrag! Ich habe auch noch nicht genau verstanden, wie es manche Autoren fertig bringen, in einem einzigen Artikel von ADHS als erfundener Krankheit und 90% falschen Diagnosen zu sprechen. Demzufolge wären 10% der Diagnosen richtigerweise für eine Störung gestellt worden, die es nicht gibt. Das wäre eine erstaunliche Leistung des deutschen Psychiatriewesens!

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