Geschwister von ADHS-Kindern

Es war mal wieder eine ganz normale Sonntags-Aufnahme in der Klinik. Unnormal vielleicht, dass die ganze Familie mit von weither angereist war. Unschwer zu erkennen, dass das Nesthäkchen als kleiner grosser Wirbelwind eben nicht allein gelassen werden sollte / konnte. Irgendein unbestimmtes Gefühl hatte mir eingegeben, dass hier ADHS im Spiel ist. Als ich es offen ansprach, bestätigte die Mutter, dass der Kleine ein Hypie sei. Und irgendwei wirkte die Tochter letztlich auch wie eine stille ADSlerin. Dafür ergaben sich aber dann anamnestisch keine weiteren Hinweise.

Zur Aufnahme kam aber natürlich nicht der Benjamin, sondern die älteste „vernünftige“ grosse Schwester. Da die Eltern beruflich stark eingespannt sind, war es nach dem Tod der Grossmutter mehr oder weniger ihr zugefallen, sich um die Mahlzeiten und auch die Betreuung des Bruders zu kümmern, wenn dieser nicht in der Schule oder im Hort war.

„Ich liebe meinen Bruder sehr, aber manchmal nervt er auch nur“, so die Patientin, nachdem die Familie sich wieder auf den Rückweg machte.

„Bei uns herrscht halt häufiger mal Stress, die Eltern streiten sich auch häufiger wegen uns Kindern.“ Dabei wird aber auch deutlich, dass sie selber mit Stress eben schlechter umgehen kann bzw. nur über Nicht-Essen, Erbrechen oder ziemlich viel Sport sich da rausziehen kann. Zwar könne sie mit ihrer Mutter über alle Dinge reden, doch diese sei eben auch häufig ratlos. Da wolle sie eigentlich nicht auch noch Probleme machen. Sie reagiere dann damit, dass sie Probleme mit sich allein ausmache, was aber wiederum zu Essanfällen führte.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass die Familie kein Kind bevorzugen möchte bzw. sich nach Kräften bemüht, allen gleich gerecht zu werden. Und doch ist es irgendwie auffällig, dass das hyperaktive Brüderchen halt immer im Mittelpunkt steht und die „Grosse“ eben so gar keine Probleme zu haben schien. Bis sie hungerte und nun seit einigen Monaten nicht mehr zu Schule gehen kann. Da köchelte die Gerüchteküche im Dorf …

Offen kann sie es nicht zeigen, wie sie leidet.

Ich habe natürlich hier keine Patentantwort, aber klar ist, dass sie eben Unterstützung braucht. Genausoviel oder mehr als ihr Bruder. Der macht nämlich seinen Weg in der Schule und im Sportverein, hat die Unterstützung von Therapeuten und spricht gut auf die ADHS-Medikation an.

Manchmal bleiben dann eher die Geschwister bzw. die „Rest-Familie“ auf der Strecke …

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